FAZ 09.09.2026
10:53 Uhr

„Neues Frankfurt“: Ein ungehobener Schatz aus den Zwanzigerjahren


Über die Lebenswelten der ersten Bewohner in den Siedlungen des „Neuen Frankfurts“ ist wenig bekannt. Eine Ausstellung mit privaten Fotos gibt nun seltene Einblicke.

„Neues Frankfurt“: Ein ungehobener Schatz aus den Zwanzigerjahren

Es gibt unzählige Fotos, Filme, Grundrisse. Ihre Bauten haben die Architekten und Stadtplaner des „Neuen Frankfurts“ ausgiebig dokumentiert. Mit einer eigenen Zeitschrift machten sie die Gebäude, aber auch Möbel und Gebrauchsgegenstände, die sie vor nun hundert Jahren entwickelt haben, publik. Eine neue, radikal andere Architektur wollten sie schaffen, die Wohnungskrise bewältigen. An Sendungsbewusstsein hat es den Männern und Frauen um die Architekten Ernst May und Martin Elsaesser damals, zwischen 1925 und 1930, nicht gefehlt. Deshalb gibt es die zahlreichen ikonischen Aufnahmen, die ihr Schaffen dokumentieren und die nun anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Neues Frankfurt“ in Ausstellungen zu sehen sind, in Zeitungen und Magazinen abgedruckt und auf Social-Media-Kanälen geteilt werden. Was man auf diesen perfekt inszenierten Bildern meistens nicht sieht, sind Menschen. Und was man nicht erfährt, ist: Wie haben diejenigen, die damals in diese gerade fertiggestellten Bauten eingezogen sind, gelebt? Waren ihre Wohnungen so modern und schick eingerichtet, wie es sich die Architekten wünschten? Oder kam mit ihnen der Biedermeiergeist in die minimalistischen Gebäude? Und funktionierte für sie überhaupt, was die Architekten am Reißbrett erdacht hatten? Stephen Kerr haben diese Fragen angespornt. Zu Beginn der Neunzigerjahre ist er gemeinsam mit seiner Frau aus Großbritannien nach Frankfurt gezogen, „in einer unheimlich spannenden Zeit, direkt nach dem Mauerfall“, erinnert er sich. Viele Jahre hat er von Frankfurt aus für die britische Open University gearbeitet und in Deutschland lebende Studenten der Fernuniversität beraten. Dann wurde er selbst zum Forscher. Fotografische Experimente Für seine Doktorarbeit an der Universität in York machte Kerr sich auf die Suche nach Menschen, die bereits in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren als Kinder in einem der Häuser der May-Ära gelebt haben, führte mit ihnen lange Gespräche und fasste ihre Erinnerungen zusammen. Bei dieser Arbeit stieß er auch auf einen bislang ungehobenen Schatz: ein Konvolut an Fotografien, die in den Räumen eines der damals neuen Gebäude entstanden sind. Hansaring 116 lautet die Adresse dieses Hauses. Liselotte Müller, Fotografin und Grafikerin, ist dort im Jahr 1931 kurz nach ihrer Hochzeit gemeinsam mit ihrem Mann Arthur Fuckert eingezogen, der in der Finanzabteilung der „Frankfurter Zeitung“, der Vorgängerin der F.A.Z., arbeitete. Vom ersten Tag an machte Müller, die bis zu ihrer Heirat für die Bauersche Schriftgießerei tätig war, in ihrem neuen Zuhause Fotos. Sie fotografierte den Blick in Richtung Taunus, Bewohner auf den Balkonen, Feiern, Geburtstage, Alltag. Erhalten geblieben sind außerdem Unterlagen über die Möbel, die das junge Paar damals anschaffte oder zur Hochzeit geschenkt bekam. Auch sie wurden von Müller fleißig abgelichtet: Ein einfaches Tagesbett ist auf ihren Fotos zu sehen, elegante Stühle sind zu erkennen, die den Entwürfen des Frankfurter Gestalters Ferdinand Kramer ähneln, ein japanischer Druck schmückt das Esszimmer. Stilsicher und modern hat das Paar gelebt, leisten aber konnten sie sich das nur, weil sie von der Verwandtschaft finanziell unterstützt wurden. Die Tochter von Liselotte Müller hat einige der damals angeschafften Möbel bis heute aufbewahrt. Unter den Fotografien sind auch einige mit experimentellem Charakter: Die Fotografin arbeitete mit Spiegelungen, mit ungewöhnlichen Perspektiven, mit ungewohnten Ausschnitten. Dass sie sich nach ihrer Hochzeit ins Private zurückzog und nur noch nebenbei fotografierte, ist ein Jammer. Dass eine kleine Auswahl ihrer Bilder nun aber in einer Ausstellung zu sehen ist, dagegen ein großes Glück. Stephen Kerr hat aus Müllers Schwarz-Weiß-Bildern eine Schau mit dem Titel „Wohnen in der Moderne, 1931“ zusammengestellt, zu sehen ist sie in den Räumen des Deutschen Werkbunds in Frankfurt. Die Ausstellung gibt seltene Einblicke in die Lebenswelten der Zwanzigerjahre. Und sie ehrt eine außergewöhnliche Fotografin, die eigentlich schon in Vergessenheit geraten war. „Wohnen in der Moderne, 1931“ wird bis zum 25. September im Werkbund-Forum (Weckmarkt 5) gezeigt. Geöffnet ist die Ausstellung dienstags von 14.30 bis 17.30 Uhr, mittwochs, donnerstags und freitags von 15.30 bis 18.30 Uhr, samstags von 12 bis 16 sowie sonntags von 12 bis 16 Uhr.