FAZ 12.03.2026
07:35 Uhr

Neue Ölkrise: „Russland und die USA werden die Gewinner dieser Krise sein“


Kazuto Suzuki, einer der weltweit führenden Fachleute für wirtschaftliche Sicherheit, rechnet mit einer langen Blockade der Straße von Hormus, warnt vor Unruhen im Globalen Süden und erwartet ein Comeback Russlands.

Neue Ölkrise: „Russland und die USA werden die Gewinner dieser Krise sein“

Der Krieg in Iran belastet die Energieversorgung der ganzen Welt. Allein Japan erhält fast 95 Prozent seines Öls vom Golf. Wie gefährlich wird die Blockade der Straße von Hormus für die Wirtschaft? Die Straße von Hormus war schon immer ein Flaschenhals für die japanische Wirtschaft, weil mehr als 80 Prozent der Ölimporte dort durch müssen. Deswegen gab es immer Überlegungen, was im Falle einer Krise passiert. Das Hauptszenario sah aber immer vor, dass der Konflikt zwischen Israel und Iran eskalieren würde und die Vereinigten Staaten als Mediator auftreten. Jetzt haben die USA gemeinsam mit Israel Iran angegriffen, und Iran steht allein gegen die ganze Welt. Das ist ein Szenario, mit dem wir schwer umgehen können. Israel hat diesen Krieg initiiert, und das einzige Land, das Israel stoppen könnte, wären die USA. Doch selbst wenn die Amerikaner ihre Attacken einstellten, könnte Israel seine goldene Chance sehen, das Regime in Iran zu stürzen, und immer weiter angreifen. Was hieße das für die Energieversorgung der Welt? Solange Israel Iran angreift, wird Iran die Straße von Hormus als seine Geisel benutzen. Die Blockade ist Irans einzige Karte in diesem Spiel, und das Land wird dafür sorgen, dass alle in der Welt unter dieser Blockade leiden, damit andere Länder Druck auf Israel ausüben, um diesen Krieg zu stoppen. Der Ölpreis wird noch über 150 Dollar pro Barrel steigen. Das ist Irans Strategie. Wie lange könnte die Blockade anhalten? Sie wird eher Monate als Wochen dauern. Das wird die Preise für Öl und Gas noch jenseits des ertragbaren Maßes unter Druck setzen. Alle Staaten, die Öl aus dieser Region beziehen, werden versuchen müssen, in diesem Konflikt zu vermitteln. Das ist der einzige Weg, diesen Krieg zu stoppen. Je schneller das passiert, desto besser. Aber Japan und andere Industrienationen haben große Ölreserven und können diese Situation eine Weile aushalten. Der Globale Süden aber hat solche Reserven nicht. Diese Länder werden erheblich leiden. Welche Folgen wird das auf den globalen Energiemärkten haben? Ich gehe davon aus, dass Russland zurückkommt und wieder eine große Rolle auf dem Energiemarkt spielen wird. Darüber würde Russland wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen, was eigentlich in niemandes Interesse liegt. Doch außerhalb des Nahen Ostens sind die Vereinigten Staaten und Russland nun mal die größten Ölproduzenten. Das Öl aus Venezuela oder Nigeria hat nicht die gleiche Qualität. Also werden Russland und die USA die Gewinner dieser Krise sein. Wir haben auch Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Region gesehen. Erwarten Sie auch längerfristige Schäden für die Öl- und Gasversorgung aus der Region für die Welt? Angriffe auf die Ölanlagen waren eigentlich immer ein Tabu im Nahen Osten. Auch Wasseraufbereitungsanlagen wurden nun getroffen. In der aktuellen Krise wurden schon so viele rote Linien überschritten, dass es schwer ist, die weitere Entwicklung vorherzusagen. Wie können Japan und die anderen Staaten, die abhängig von Öl aus der Region sind, nun reagieren? Japan dürfte die größten strategischen Reserven haben, sie decken mehr als 200 Tage. China könnte dagegen stärker leiden, weil dessen Reserven für weniger als hundert Tage ausreichen dürften. In Japan wird schon davon gesprochen, dass die Notreserven geöffnet werden könnten. Dann geben die staatlichen Stellen in der Regel ihre Rohölreserven an die Raffinerien heraus, und die sorgen dann für die weitere Verbreitung. Aber es wird staatliche Preis- und Mengenkontrollen geben, keine Marktpreise mehr. Der Nahe Osten ist auch ein wichtiger Lieferant von Flüssiggas, das sich viel schlechter lagern lässt als Öl … Der Spotmarkt für Flüssiggas, auf dem kurzfristig gehandelt wird, wird noch verrücktspielen. Das könnte vor allem europäische Länder belasten. Nach dem Importstopp vieler Staaten von Gas aus Russland hängen viele nun von Lieferungen aus den USA oder Qatar ab. Doch Qatar liefert nicht mehr, nun sind die USA der einzige Lieferant. Das heißt, die Nachfrage auf dem Spotmarkt wird anschwellen bei sehr überschaubarem Angebot. Ich glaube, der Preis für Flüssiggas wird noch hochgehen wie eine Rakete. Für Japan ist das Problem nicht so groß, weil es nur einen kleinen Teil seines Flüssiggases aus dem Nahen Osten bezieht und viel mehr aus Ländern wie Australien und Malaysia. Von Indien ist bereits bekannt, dass es wieder mehr Öl und Gas aus Russland kaufen will. Erwarten Sie, dass mehr Länder sich wieder Russland zuwenden werden? Ja, viele Länder werden ihre Beziehungen zu Russland wieder aufnehmen, um Energie zu erhalten. Die USA können ja nicht die ganze Welt versorgen. Die meisten Länder des Globalen Südens werden bald stark von Russlands Energielieferungen abhängig sein. Einige europäische Länder wie Ungarn oder die Slowakei sind es ja längst. Japanische Konzerne haben bereits davor gewarnt, dass zum Beispiel auch die Plastikproduktion unter den Lieferengpässen leiden wird. Was kann diese Krise noch für Kreise ziehen? Klar, die petrochemischen Unternehmen im Nahen Osten sind auch von der Seeblockade betroffen. Dadurch können wichtige Vorprodukte in anderen Ländern fehlen. In der Regel kommen diese Vorprodukte aber aus verschiedenen Lieferländern, sodass die Unternehmen hier vielleicht besser ausweichen können. Es ist schwer vorherzusagen, aber gut möglich, dass auch die Preise für Plastik und andere Produkte in den Himmel schießen werden. Was ist ihr Worst-Case-Szenario? In der Ölkrise in den Siebzigerjahren haben sich die Ölpreise durch die Verknappung des Angebots vervierfacht. Wenn wir das auf die aktuelle Situation beziehen, mit einem Ölpreis von 60 Dollar vor dem Ausbruch der Krise, könnte der Preis auf 250 Dollar pro Barrel hochgehen. Das würde die ganze Weltwirtschaft zugrunde richten und in allen Ländern der Welt zu steigenden Preisen und hoher Arbeitslosigkeit führen. Die Länder des Globalen Südens sind hierbei viel verwundbarer als Japan oder andere Industrienationen, weil sie keine Ölreserven haben. Die Energiekrise könnte hier rasch zu Unruhen und Chaos führen, mit unbekannten Konsequenzen.