An einem Abend im August saß das Publikum des National Symphony Orchestra nicht im Kennedy Center in Washington, sondern eine halbe Autostunde weiter westlich. „Wolf Trap“ heißt die Freilichtbühne in Virginia, es ist die Sommerresidenz des Orchesters. Gespielt wurde unter anderem Peter Boyers „American Mosaic“, das Boyer anlässlich des 250. Jubiläums der Unabhängigkeitserklärung komponiert hatte. Unter dem Vordach sei es voll geworden, und auch der Rasen sei größtenteils besetzt gewesen, beschrieb ein Leser der Klassik-Website „Slipped Disc“ den Abend. In den vergangenen 23 Jahren habe er dort NSO-Auftritte mit deutlich weniger Publikum erlebt. Minutenlanger Applaus im Stehen habe die Musiker empfangen. Die Beobachtung von der Website widerspricht den Zahlen über die Lage des National Symphony Orchestra nicht, die gerade bekannt wurden. Denn während das Orchester außerhalb seiner Heimat unverändert viele Fans hat, bleiben im Kennedy Center die Plätze leer. Das Kulturzentrum am Potomac steckt in einer Krise, die inzwischen auch seine bedeutendste musikalische Institution bedroht. Katastrophaler Besucherschwund Wie dramatisch die Situation ist, zeigen interne Unterlagen, über die die „Washington Post“ berichtet. Laut der Zeitung sank die Auslastung der Konzerte des National Symphony Orchestra von 72 Prozent im Jahr 2024 auf zuletzt noch rund 41 Prozent zahlende Besucher. Die Spendeneinnahmen lagen im vergangenen Geschäftsjahr 25 Prozent unter dem Plan. Das ist existenzgefährdend, denn der Haushalt beruht auf Ticketverkäufen, Spenden und Stiftungsmitteln. Bei zwei Aufführungen von „Stayin’ Alive“, einer Bee-Gees-Tributeshow, hatte das Orchester kürzlich zum Beispiel mit 238.000 Dollar Einnahmen gerechnet, berichtete die Zeitung. Tatsächlich kauften nur 443 Menschen Karten: zehn Prozent der verfügbaren Tickets, und das trotz der Bedienung eines vermeintlich breiteren Geschmacks. Am Ende seien mehr als 600 Karten verschenkt worden, sodass der Saal zu einem Viertel gefüllt wirkte. Der Besucherschwund und die ausbleibenden Spenden hängen, so wird von vielen Beobachtern angenommen, mit der Übernahme des Kennedy Centers durch Donald Trump zusammen. Nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus hatte der Präsident die Kontrolle über das Kulturzentrum an sich gezogen und die Führung ausgetauscht. Die neue Führung sollte weniger „woke“ Kunst und mehr Programm für ein vermeintlich breiteres Amerika bieten. Trump versprach, das Kennedy Center so wieder „hot“ zu machen. Bislang geschah das Gegenteil. Aushängeschild seit fast hundert Jahren Die Verluste des Symphonieorchesters treffen auch das Kennedy Center selbst, denn es gleicht Finanzierungslücken des NSO aus. Dafür waren zuletzt zehn Millionen Dollar vorgesehen, doch laut dem Bericht der „Post“ mussten diesmal 17 Millionen zugeschossen werden. Gleichzeitig soll der größte Teil des Kennedy Centers für eine rund 250 Millionen Dollar teure Renovierung zwei Jahre schließen, trotz jüngster Gerichtsurteile. Damit ist auch die Zukunft des 1931 gegründeten National Symphony Orchestra ungewiss, das seit Generationen einer der wichtigsten musikalischen Repräsentanten der Vereinigten Staaten ist. Es tourte weltweit, seine Musikdirektoren und Chefdirigenten waren über die USA hinaus bedeutend: Antal Doráti leitete das Orchester in den Siebzigerjahren, danach fast zwei Jahrzehnte lang der legendäre Cellist und sowjetische Dissident Mstislaw Rostropowitsch. Später folgten Leonard Slatkin und Christoph Eschenbach; Iván Fischer wirkte zunächst als Gast-, dann als Principal Conductor. Aus Sicht etlicher Kritiker erlebte das NSO auch unter Musikdirektor Gianandrea Noseda zuletzt eigentlich eine starke Phase. Noch 2024 hatte das Orchester ein Rekordjahr beim Kartenverkauf. Noseda hatte die internationale Konzerttätigkeit intensiviert und eine eigene Aufnahmereihe aufgebaut. Sein Vertrag wurde bis 2031 verlängert. Dass es nicht an der künstlerischen Qualität liegt, zeigt auch die Sommersaison des „Wolf Trap“. Dort wurde die Residenz des National Symphony Orchestra in diesem Jahr von acht auf vierzehn Konzerte erweitert. Der Besucher, der sich bei „Slipped Disc“ zu Wort meldete, deutete den starken Zuspruch als Zeichen dafür, dass das Publikum das Orchester weiterhin unterstützen wolle. Nur eben nicht das von Trump beherrschte Kennedy Center; „so sad“, schrieb der Leser.
