FAZ 29.09.2026
08:19 Uhr

Nachhaltigkeitsmüde: Deutschland kann intelligenter CO₂ vermeiden


Oft wird behauptet, Deutschland sei im Klimaschutz eine Insel. Dabei sind andere Länder längst weiter. Verbinden sich Markt und Umwelt, kann das Land viel erreichen.

Nachhaltigkeitsmüde: Deutschland kann intelligenter CO₂ vermeiden

Vor 30 Jahren war Deutschland eines der führenden Länder für Nachhaltigkeit auf der Welt. Die Abfalltrennung von Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) wurde zum Vorbild. Nachgeahmt wurden auch Umweltverträglichkeitsprüfungen nach deutschem Modell. Und der Ausbau erneuerbarer Energien hatte zwar hohe CO₂-Vermeidungskosten, entfachte aber großes Marktpotential. Durch diese Pionierrolle in einigen Bereichen hat sich der Eindruck festgesetzt, Deutschland sei im Umwelt- und Klimaschutz anderen Ländern weit voraus und gewissermaßen eine Insel. Manche bringen sogar die aktuelle Schwäche der deutschen Wirtschaft mit einem zu hohen Schutzniveau der Umwelt in Verbindung. Stimmte diese Aussage, müsste Deutschland nachweislich in vielen Kennziffern besser sein als andere Länder. Das ist aber nicht der Fall. Gut zeigen lässt sich das am jährlichen Bericht der Statistikbehörde Eurostat. Dieser zeigt, wie weit EU-Staaten die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG) umgesetzt haben. 31 Kriterien zur ökologischen Nachhaltigkeit sind erfasst. In zwei Fällen steht Deutschland an der Spitze (Recyclingquote des kommunalen Abfalls und Naturschutzgebiete im Meer), viermal liegt es unter den besten fünf. Ansonsten: Mittelfeld oder unteres Drittel. Unternehmen handeln wegen des Emissionshandels Deutschland komme in der Dekarbonisierung voran, liege aber hinter Frankreich und Großbritannien zurück, sagt die internationale Klimaschutzorganisation CDP. Ihr haben sich 22.000 Unternehmen überall auf der Welt freiwillig angeschlossen und berichten mit eigenen Daten über ihren Fortschritt. Gegenüber französischen Unternehmen seien deutsche vor allem hinsichtlich einer Fähigkeit zurückgefallen: sich klimaneutrale Geschäftsmodelle ausdenken und umsetzen. Würden alle Unternehmen so wirtschaften wie Dax-Konzerne und diese ihre Emissionen nicht verringern, führte dies zu einer Erderwärmung um 4,7 Grad, hat das Softwareunternehmen Right kürzlich errechnet. Die Analyse liefert einen guten Überblick über die Ambitionen der Unternehmen. Von 71 Unternehmen aus Dax, M-Dax und S-Dax haben immerhin 26 schon so viel investiert, dass ihr Pfad rechnerisch dem des Pariser Klimavertrags entspricht. Dass sich so viel tut, liegt daran, dass die EU und andere Wirtschaftsräume Emissionshandelssysteme eingeführt haben. Diese entziehen dem Markt Jahr für Jahr Rechte, Treibhausgase auszustoßen. Daraus leitet sich ein CO₂-Preis ab. Leider ist dieses Prinzip in der Nachhaltigkeitsmüdigkeit der vergangenen Jahre unbeliebter geworden. Chemie- und Stahlindustrie hatten zuletzt dagegen Stellung bezogen. Deutschland könnte in der Nachhaltigkeit ehrgeiziger sein Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat untersucht, wie erfolgreich 500 Klimaschutzinstrumente waren. Nur ein Zehntel von ihnen veränderte den Ausstoß an Emissionen spürbar. Alle bezogen einen CO₂-Preis ein. Dass die Bereiche Wohnen und Mobilität trotzdem frühestens im Jahr 2028 in den Emissionshandel integriert werden, liegt nicht nur am Widerstand aus Osteuropa, sondern auch aus Deutschland. Wenn der Rat für nachhaltige Entwicklung am Dienstag seine 25. Jahreskonferenz abhält, zu der Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet wird, steht eine gemischte Bilanz zu Buche. Er wolle seine Politik mit neuen Erzählungen verbinden –  auch hinsichtlich der Ökologie, sagte Merz kürzlich. Es gäbe bessere Erzählungen: Deutschland wird wieder ambitionierter, holt den Abstand zu den Niederlanden als führender Kreislaufwirtschafts-Nation auf und finanziert die Transformation am intelligentesten. Doch vieles ist ungeklärt: Wie soll eine Wärmewende zur Klimaneutralität gelingen, wenn überschuldete Kommunen kein Eigenkapital für Netze bereitstellen können? Wie tragen Reformen der Altersvorsorge (Frühstart-, Förder- und Kapitalrente) dazu bei, Energie- und Materialflüsse von Unternehmen zu optimieren? Wie lassen sich finanzielle Risiken aus Naturgefahren (Biodiversitätsverlust, Wasserknappheit und -qualität) lindern? Anders als die Mehrheit der Bevölkerung sind viele Unternehmen nicht nachhaltigkeitsmüde. Sie wünschen sich verlässliche Rahmenbedingungen, um langfristig Investitionen planen zu können. Die EU hatte die Einführung verpflichtender Nachhaltigkeitsberichte schlecht vorbereitet. Die Abfrage war viel zu umfangreich. Nach Protest wurden 90 Prozent der Unternehmen aus der Pflicht herausgenommen, was genauso wenig der Sache dient. Die Finanzmärkte stehen bereit, wenn sie die Risiken gut einschätzen können. Stimmt der Rahmen, können sie den Trend zu ingenieursbasierten Geschäftsmodellen (Deeptech) weiter befeuern. Es gibt viel Stoff für gute Erzählungen aus Deutschland.