FAZ 10.05.2026
08:53 Uhr

Mitbestimmung von Athleten: Dann streikt doch, liebe Sportler!


Seit Jahrzehnten kämpfen Athleten um Einfluss im Sport – anfangs mit spontanem Boykott, inzwischen mit modernen Athletenvertretungen. Doch das Rütteln an den Machtverhältnissen ist noch nicht beendet.

Mitbestimmung von Athleten: Dann streikt doch, liebe Sportler!
„Von allen zu wenig“, „Sinnbild der Saison“: Robert Andrich (links) gab nach dem Spiel einigermaßen frustriert seine Statements ab. Tom Weller/dpa

Der „Septemberstreik“ mag vergessen sein. Aber er gilt Nostalgikern als Geburtsstunde des Widerstands gegen die Macht der Apparatschiks: Westdeutsche Leichtathletinnen und -athleten boykottierten die Einzelwettbewerbe bei der EM 1969 in Athen. Aus Protest gegen das von der DDR erwirkte Startverbot gegen den in den Westen geflüchteten Läufer Jürgen May. Eine schöne Solidaritätsgeschichte. Sie zeigt die Kraft von Spitzensportlern, wenn sie sich nur einig sind. Sie zeigt aber auch, dass hinter diesem Impuls zu wenig Substanz steckte. Jedenfalls nicht das, was das Wort Streik suggeriert: eine Gewerkschaft im Hintergrund, eine gefüllte Streikkasse, eine Macht im alltäglichen Kampf gegen Fremdbestimmung. Was hätte allein eine starke Interessengemeinschaft in den folgenden Jahrzehnten durchsetzen können? Sie wollten keine „Monster“ Vielleicht das Ende, zumindest eine Reduzierung der – damals öffentlich vor allem von Athletinnen verteufelten – biochemischen Hochrüstung in den Arenen. Sie wollten keine „Monster“. Aber der meist von Männern geführte Spitzensport verstand es, die sich zusammenrottenden, honorigen Einzelkämpfer stets zu spalten und dann zu beherrschen. Die Mitbestimmung blieb ein Traum. Vor etwa 25 Jahren entstehende sogenannte Spielergewerkschaften in Mannschaftssportarten entpuppten sich als bessere Interessenvertretungen, während der Berufssport im Alltag einen wachsenden Raum einnahm: immer mehr Wettkämpfe, an jedem Tag ein Kick, Sport im Fernsehen in der Dauerschleife. Das führte zu Reichtum, zu aberwitzigen Stundenlöhnen etwa im Fußball. Die meisten Profis anderer Sportarten blieben aber Malocher, die dem Internationalen Olympischen Komitee zwar Milliarden bei Olympischen Spielen bescheren. Das Geld aber fließt an die internationalen Fachverbände. Ein Olympiasieger bekommt eine Goldmedaille aus 92 Prozent Silber im Wert von etwa 1600 Euro und in Deutschland 30.000 Euro – inzwischen steuerfrei. Trotz des Fortschritts haben die Athleten noch zu wenig erreicht Trotzdem ist die Rollenentwicklung der Hauptdarsteller im letzten Vierteljahrhundert sehr wertvoll. Athleten Deutschland e. V. (AD), 2017 gegründet, steht für die erste professionelle, etablierte Athletenvertretung dieser Art in Deutschland. Sie tritt vehement und kompetent für den Schutz von Sportlern und Sportlerinnen ein, hat längst bewiesen, nicht nur mitsprechen zu wollen bei Sportgestaltung, sondern das auch zu können. Ein Glück für die so nötige Reform des Spitzensports. Trotzdem soll AD im Führungsgremium der von Bund und Deutschem Olympischen Sportbund geplanten Spitzensportagentur keinen Platz erhalten. Das spricht vor allem für den Eindruck, trotz des Fortschritts hätten die Athleten noch viel zu wenig erreicht. Wenn niemand und nichts mehr hilft, dann streiken zumindest die Starken.