FAZ 08.09.2026
13:41 Uhr

Maya-Erbe in Yucatán: „Der Ort, an dem alles geschah“


Die Vergangenheit muss man lesen lernen. Aber wie lassen sich Glaube und Gemeinwohl im Schatten der Gräueltaten gegen die eigenen Vorfahren ausleben? Ein Besuch in der mexikanischen Stadt Maní.

Maya-Erbe in Yucatán: „Der Ort, an dem alles geschah“

„Maní“. Der geheimnisvoll klingende Name des etwa 5000 Einwohner zählenden Maya-Städtchens im Inland der mexikanischen Halbinsel Yucatán ist auf dem Hauptplatz in aufgestellten menschenhohen Buchstaben geschrieben. Es ist Ende April. Nach einer etwa 80 Kilometer langen Autofahrt von Mérida habe ich an einer Tankstelle die Schnellstraße verlassen. Von da an ist die Landstraße gerade einmal zwei enge Fahrspuren breit und macht den Eindruck, als wäre sie in den subtropischen Wald hineingeschnitten worden. Nach einer weiteren Abfahrt wird es nochmals enger, ein paar Straßenbuckel zum Entschleunigen, und ich fahre in die Stadt. Auf dem Sockel unter den vier riesigen Buchstaben wird Maní genauer bestimmt: „Der Ort, an dem alles geschah“ (Lugar donde todo pasó). Doch was hier geschah – und vielleicht noch wichtiger: was hier noch geschehen würde –, ist nur langsam zu erspüren. Zunächst einmal eröffnet sich hinter den Buchstaben eine weite Sicht auf den alten Franziskanerkonvent mit seinem riesigen Vorplatz. Heute ist dort eine katholische Pfarrkirche. Auf der anderen Seite befindet sich das gelb-weiße Rathaus mit seiner Arkadenfront. Hier wird örtliches Handwerk hergestellt und gleich zum Verkauf angeboten. Alles ist recht bunt, wie es sich für eine der aktuell sieben sogenannten magischen Ortschaften (pueblos mágicos) in Yucatán gehört. Der Titel klingt ansprechend, soll Reisende anlocken, Jobs und Wohlstand fördern. Aber auch das braucht weitere Lesarten. „Die Touristen fragen immer nach originalen Maya-Häusern“, sagt Andy Interian Chan, Beauftragter des Stadtamts für Tourismus, der mich begleitet. „Doch was soll das heißen? Alle Häuser, in denen wir heute leben, sind originale Maya-Häuser. Wir sind doch hier keine Museumsausstellung. Das ist unser Leben.“ „Nach diesem Gespräch wurde ich als Religionslehrer suspendiert“ Hier und da sieht man traditionelle Hütten mit schrägen Dächern aus Palmblättern. Oft stehen sie im Hinterhof und sind Teil eines ganzen Ensembles aus kleinen und größeren Bauten auf einem Grundstück, zwischen Bananenpalmen, Limettenbäumen und den berühmten Chaya-Pflanzen. Es gibt auch ein paar in die Jahre gekommene Kolonialhäuser. Eines davon beherbergt heute ein populäres Restaurant. „Hier wohnte Diego de Landa, der berüchtigte Inquisitor von Yucatán“, erzählt Ivan Jimenez. Er ist katholischer Religionslehrer und gleichzeitig Maya-Medizinmann. Ich habe ihn nach dem Sonntagsgottesdienst in der Kirche kennengelernt. Beim regionalen Mittagessen, dem Poc Chuk, zeigt er keine Scheu, über die „Ambiguitäten“ seiner Persönlichkeit zu sprechen, wie man das in Europa wohl voreilig bezeichnen würde: „Ich habe kein Problem damit, wenn mich jemand Zauberer nennt. Vor ein paar Jahren hatten wir hier noch einen anderen Pfarrer. Dem hat das, was ich mache, nicht gefallen.“ Ivan berichtet, wie er ausgefragt wurde: Ob er an Ritualen der Maya teilnehme, die Heilpraktiken der Maya kenne, alte Maya-Schrift lesen könne und anderen beibringe, sie zu entziffern? „Ich habe immer wahrheitsgemäß mit Ja geantwortet. Sonst habe ich nichts gesagt. Nach diesem Gespräch wurde ich als Religionslehrer suspendiert.“ Ivan räumt ein: „Um ehrlich zu sein, verstehe ich selbst nicht immer, wie das eine mit dem anderen bei mir zusammenpasst. Doch mein Leben zeugt davon, dass es möglich ist. Und es tut mir und der Gemeinschaft gut. Das darf man doch ruhig so hinnehmen. Nicht alles hinterfragen und bis auf den letzten Punkt erklären. Der aktuelle Pfarrer bemüht sich um die Wiederherstellung der convivencia. Wir haben miteinander gesprochen, und er hat mir meine alte Tätigkeit für die Kirche wieder erlaubt. Und auch einigen anderen, die so ähnlich sind wie ich.“ Eine Gestalt, die viele unterschiedliche Lesarten zulässt Im Gottesdienst sagte der Priester zum Auftakt der Predigt: „Wie schon in den Wochen zuvor gibt es hier ein Mikrofon. Wer möchte mich etwas fragen?“ Und kaum hatte er sich auf einen Stuhl vor dem Altar gesetzt, da kamen auch schon die ersten Fragen. Dieser weitgehend auf Augenhöhe geführte kommunikative Ansatz passt zur Inneneinrichtung des Konvents. So weist beispielsweise die neben dem Eingang angebrachte Figur des Jesus am Kreuz physiognomische Ähnlichkeiten mit den Menschen von hier auf. Darauf hatte Andy direkt am ersten Tag aufmerksam gemacht: „Schau mal, er ist recht klein, hat eine flache Stirn, wie es in der Maya-Tradition als besonders schön empfunden wird. Seine Augen sind auch wie unsere. Mit mediterranen Physiognomien hat das nicht viel zu tun. Das gilt übrigens auch für einige Figuren am Altar und für die Wandmalereien.“ Was den Konvent betrifft, so gibt es eine Legende zu seiner Errichtung. Er soll von Giganten in einer einzigen Nacht gebaut worden sein – als Teil eines Wettstreits mit Mérida, bei dem es darum ging, welche der beiden Ortschaften die Hauptstadt sein würde. Maní sah sich schon als Gewinner, doch dann stellte sich heraus, dass Mérida noch schneller war. „Aber man muss Legenden lesen können“, mahnt Ivan: „Am Ende will diese Geschichte ja nur sagen, dass das Gebäude ungewöhnlich schnell gebaut wurde.“ Die Vergangenheit muss man generell lesen lernen. Zum Beispiel betreffs der Maya-Schriftenverbrennung im Jahr 1562, die vom Inquisitor Diego de Landa geleitet wurde. „Als Galina Jerschowa zuletzt hier war, wollte sie die Errichtung eines Denkmals für Diego de Landa anstoßen“, erzählt Ivan über seine Begegnung mit der berühmten Anthropologin und Maya-Expertin: „Doch wir wollen kein Denkmal für ihn.“ Diego de Landa ist eine Gestalt, die viele unterschiedliche Lesarten zulässt. Für Galina Jerschowa ist er eine Schlüsselfigur, in dessen „Bericht über den Verlauf der Dinge in Yucatán“ (Relación de las cosas de Yucatán) ihr Lehrmeister, der sowjetische Ethnologe Juri Knorosow, vor etwa 80 Jahren die entscheidenden Hinweise gefunden hatte, um die alte Maya-Schrift zu entziffern. Warum gibt es in Maní kein Denkmal für die Opfer dieser Gräueltaten? Doch dieser Bericht war eigentlich eine Rechtfertigung. De Landa hatte ihn verfasst, nachdem er vom königlichen Indienrat in Spanien wegen seines brutalen Vorgehens gegen die Maya-Bevölkerung angeklagt worden war. Zeitgenössischen Berichten zufolge wurden während der Schriftenverbrennung viele Menschen gequält und erniedrigt, einige auch ermordet. Andere wurden versklavt oder zu Lösegeldzahlungen gezwungen. Dabei wurde auch materielle Kultur zerstört: Neben der Verbrennung aller bis dahin aufgefundenen Bücher zerschlug man Skulpturen und Vasen. Es heißt zudem, dass sich einige Maya anschließend aus „Trübsinn“ selbst erhängt hätten. Warum gibt es in Maní kein Denkmal für die Opfer dieser Gräueltaten? Ich bin anderes gewohnt: In Warschau geboren und aufgewachsen, bin ich seit meiner Kindheit durch Straßen gelaufen, die voller Gedenktafeln, Denkmäler und Erinnerungsorte sind. In Berlin, wo ich heute lebe, ist es nicht viel anders. Diese Omnipräsenz der steingewordenen Erinnerung ist das Gegenteil von Maní: als hätten wir in Mitteleuropa Angst, unserer eigenen Erinnerung zu vertrauen, und müssten sie ständig mit visuellen Reizen wiederherstellen. Gilda Segovia Chab, eine Maya-Rechtsanwältin, sagt dazu Folgendes: „Ich persönlich denke, Denkmäler sind gut, aber sie sollten in den Herzen der Menschen errichtet werden. In den Herzen und den Köpfen. Denn sie sollten dabei helfen, Wunden zu schließen und zu heilen. Steine generieren sehr unterschiedliche Emotionen und sind dafür nicht immer gut geeignet.“ Auf die Abwesenheit eines Denkmals angesprochen, sagt Andy: „Wir lassen uns nicht auf dieses Ereignis reduzieren.“ Und fügt einen weiteren Aspekt hinzu: „Was zählt, ist die Erinnerung, die jeder von uns heute in sich trägt. Unterschiedliche Erinnerungen, unterschiedliche Worte. Eben nicht in Stein gemeißelt. Und überhaupt: Ist die Zukunft nicht viel wichtiger als die Vergangenheit?“ „Ich hege keinen Groll gegen die katholische Kirche“ Mit Blick auf die Zukunft wird in Maní eine ganz andere Geschichte erzählt. Auf der gesamten Yucatán-Halbinsel gibt es mehrere Tausend sogenannte Cenotes. Das sind Höhlen, die zum Teil mit Süßwasser gefüllt sind und auch als natürliche Brunnen genutzt werden. Seitlich vom Rathaus in Maní befindet sich ein besonderes Cenote. Der Legende nach wird es vor dem Tag des Jüngsten Gerichts auf dem ganzen Planeten kein Wasser mehr geben, nur das Cenote in Maní wird nicht austrocknen. Doch auch da gibt es einen Haken. Denn dieses Cenote wird von einer älteren Frau bewacht. Sie wird für das Wasser ein Opfer verlangen: ein Kind, das sie einer sie begleitenden Schlange zum Fraß vorwerfen wird. „Das mit der Schlange sollte man nicht zu wörtlich verstehen.“ Wieder warnt Ivan vor voreiligen Schlüssen: „Der Untergang der Erde ist doch immer menschengemacht. Die Kinder werden nur symbolisch gefressen. Eigentlich werden sie vor uns gerettet. Wir haben die Katastrophe doch selbst herbeigeführt. Besser für sie, oder?“ Er arbeitet selbst an einem besseren Planeten, indem er die Errungenschaften der ökologischen Landwirtschaft mit den traditionellen Methoden der Maya verbinden will. Ivan ist seit seiner Jugend mit der hiesigen Agrarschule U Yits Ka’an (Tau, der aus dem Himmel fällt) verbunden. „Diese Schule wurde von katholischen Priestern mitbegründet und ihr Grundstück mithilfe von Misereor gekauft“, erzählt er. „Als eine Art späte Entschuldigung für die Schriftenverbrennung. So sehe ich das zumindest. Die Schule steht für gutes Zusammenleben. Sie ist ökumenisch, jeder kann hier lernen.“ „Die Wiedergeburt der Maya“ lautet das Motto des eifrig betriebenen yukatekischen Programms für die Jahre bis 2030. Mit Schwerpunkten wie ehrliche, humanistische und menschennahe Politik, soziales und gesundheitliches Wohlbefinden, Teilhabe-Wirtschaft und einer Kultur des Friedens soll die Mayakultur wiederbelebt werden. Auch große infrastrukturelle Projekte gehören dazu, zum Beispiel der sogenannte Tren Maya. Diese kürzlich eröffnete Eisenbahnstrecke erstreckt sich über die gesamte Halbinsel. Doch viele vor Ort sind skeptisch, etwa der lokale Maya-Aktivist Jose Ivan Borges: „Die Praxis ist enttäuschend. Nehmen wir den Zug: Er dient vor allem den Touristen und ist ohne Rücksicht auf die täglichen Bedürfnisse der Bewohner geplant worden. Mich nervt diese ganze Wiedergeburt. Um wiedergeboren zu werden, muss man erst tot sein, oder? Wir waren nie tot.“ Und das ist fast ein Wunder, nach dem vielen Leid über die Jahrhunderte hinweg. Doch Ivan sieht das Ganze mit anderen Augen: „Ich hege keinen Groll gegen die katholische Kirche. Auch nicht gegen Diego de Landa. Ich lasse mich gerne von der Natur inspirieren. Unsere Landwirtschaft, die sogenannte Milpa, zielt auf Selbstversorgung ab. Wir müssen nicht expandieren, Gewinn machen oder irgendjemandem etwas beweisen. Sie basiert auf Mais, Bohnen und Kürbissen und hat ihre eigenen Zyklen. Alle sieben oder acht Jahre brennen wir die Felder ab, damit wir anschließend Neues pflanzen und ernten können.“ Als Kind einer Stadt wie Warschau, die so viele Gequälte und Ermordete unter ihren Bewohnern hatte, sage ich mir: Die Kraft zu einer solchen Haltung würde ich gerne selbst haben. Stanisław Strasburger ist polnischer Schriftsteller, Übersetzer und Kulturmanager. Sein Roman „Der Geschichtenhändler“ erschien 2018 auch auf Deutsch (Secession Verlag).