FAZ 10.09.2026
12:23 Uhr

Markus Orths’ „Enthusiasten“: Mit Shandy-Schwadronierlizenz


Rückkehr ins Mutterland: Markus Orths legt eine verknäulte, verquatschte und herrlich skurrile Apologie der Literatur vor. Und führt so vor, was man in der Gegenwartsliteratur oft vermisst.

Markus Orths’ „Enthusiasten“: Mit Shandy-Schwadronierlizenz

„Sterne-hagelvoll“ kommt nicht vor in diesem so furios wie meschugge um Laurence Sterne herumtanzenden Buch, was fast ein wenig verwundert, weil es sonst mit Kalauern so gar nicht geizt. Bei dem Namen Roland Barthes etwa stellte sich der Ich-Erzähler Vince als Kind „keinen Menschen vor, sondern einen rollenden Bart, einen schwarzen, gruseligen Bart mit Gesicht und Rollschuhen“. Und später fällt dem Helden nicht nur sein geliebtes Galaxy-Handy ins Klo (eine arge Untertreibung der aberwitzigen Szene), sondern dann auch noch folgender Satz ein: „Als Gregor Samsung eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich an seinem Schreibtisch zu einer ungeheuren Intelligenz verwandelt.“ Von weit außen gesehen, stecken die beiden Kalauer tatsächlich den Rahmen ab, in dem diese emphatische Apologie der echten, ungezähmten Literatur spielt. Da ist erstens der „Tod des Autors“ bei Barthes, womit der Text endlich befreit zu sein schien – was aber, Pustekuchen, nur wenige Generationen später zu einer Flut realistischer Hohlprosa und schwiemeliger Autofiktionen führte; die mehrseitige, im Buch dem Vater des Erzählers in den Mund gelegte Tirade gegen „all diese wie Blutegel an der eigenen Wirklichkeit klebenden Schreibenden“, die „immer über das Gleiche schreiben“, ihre „langweiligen selbst erlebten Kindheiten“ nämlich, geht runter wie Butterscotch. Und da ist zweitens der inzwischen universal drohende Autor-Tod durch die Künstliche Intelligenz, die bald schon so gut geworden sein wird, dass sie für alle Leser instantan und individuell perfekte Romane fabrizieren kann – wenn auch ohne diese letzten Identitätsmerkmale des Menschen, an die er sich versinkend klammert wie an ein Versprechen: seine Angst vor dem Tod, das Trauern über den Verlust geliebter Menschen, die Fähigkeit zum Enthusiasmus, der bis zur Besessenheit reicht. Ein lang ersehntes Manuskript taucht auf In diese Matrix hinein hat der in seinen zumeist fröhlich verspielten Kinder- und Erwachsenenbüchern stets auch den Spaß des Erzählens zelebrierende Schriftsteller Markus Orths eine Handlung gezimmert, die sich um eine Schriftstellerwerdung dreht und ihresgleichen suchen dürfte. Dabei geht der Erzähler (und vermutlich auch sein Autor) von einem weiteren Axiom aus: dass der Höhepunkt des Erzählens bereits vor einem Vierteljahrtausend erreicht wurde, mit dem damals sagenhaft unzeitgemäßen Roman „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne, erschienen in neun Büchern zwischen 1759 und 1767. Die freieste Literatur aller Zeiten, nur noch sich selbst gegenüber verpflichtet, ein Monument der Kreativität. Allenfalls Herman Melvilles von „Tristram Shandy“ beeinflussten Megaroman „Moby-Dick“ lässt der Erzähler als fast ebenbürtig gelten. Vince Bär, der Protagonist von „Die Enthusiasten“ – und fürwahr ein solcher –, ist seines Zeichens Literaturwissenschaftler und einer der größten Laurence-Sterne-Kenner des Planeten. Jedes Jahr reist er am Todestag Sternes zu Feierlichkeiten nach Coxwold in North Yorkshire. In Coxwold befindet sich Sternes letzter Wohnsitz (und „Tristram“-Schreibort), heute ein unter dem Namen Shandy Hall bekanntes Museum. Zuverlässig trifft Vince dort auf die zu Freunden gewordenen Sterne-Verehrer Ole und Bianca. So ist es auch im März 2018, dem 250. Todestag des geliebten Autors. Und just da trifft auf den Handys aller drei Experten gleichzeitig eine SMS ein, die die spektakuläre Nachricht enthält, das zehnte Buch des „Tristram Shandy“ (eine alte Vince-Bär-Theorie) sei gefunden. Alles würde Vince tun, um in den Besitz dieses Manuskripts zu gelangen. Dazu braucht es, wie sich zeigt, lediglich 150.000 britische Pfund. Was zunächst so klingt, als würde erzählerisch Umberto Ecos „Name der Rose“ (das zweite Buch der aristotelischen „Poetik“ muss dort um jeden Preis verborgen bleiben) vom Kopf auf die Füße gewuchtet, entpuppt sich als Startschuss für eine immer skurrilere Handlung voller arabesker Abschweifungen, die weidlich offene und verdeckte Anleihen bei Sterne und Melville nimmt. Wie Tristram erzählt Vince zugleich mit Witz aus seinem Leben, und wie bei Sterne steht im dunklen Zentrum dieses Lebens ein Trauma. So wie Sterne im Alter von zehn Jahren zu einem Onkel gegeben wurde und damit seine Familie verlor, verlor Vince mit zehn Jahren seine Mutter, die einfach so verschwand: „Alles in mir sträubt sich, diese Tür zu öffnen. Mutter.“ Was folgt, gerade auch die Wandlung zum Schriftsteller – lange hat Vince das Schreiben abgelehnt –, kann als Versuch verstanden werden, mit der Magie des Erzählens diese Lücke zu überbrücken. Bisweilen wird hier etwas waldick aufgetragen Immer schriller werden die Versuche, an das Manuskript zu gelangen. Bald ist man sich auch nicht mehr sicher, ob man nicht einfach in eine jener Erzählungen geraten ist, mit denen der Erzähler der Mutter nacheifert, die sich ihre Biographie immer neu zusammenfabulierte – etwa als weltbeste Schwimmerin ohne Wettkampfambitionen: Hauptsache, es war gut erzählt. Und gut erzählt ist hier vieles, gerade auch die alltägliche Tragik im Umgang mit alt gewordenen Eltern: Vinces Vater empfindet seine Heimverbringung als Verrat. Handlungstechnisch bewegt sich das trotz aller kluger Referenzen auf die Weltliteratur irgendwo zwischen „Emil und die Detektive“ und „Otto“-Film, wobei das Finale zwar maximal unglaubwürdig und die Auflösung sogar – horribile dictu – ein bisschen erwartbar ist, aber deshalb nicht weniger stürmisch. Der Roman wirkt nicht unbedingt nur in „Tristram“-Manier verrückt, sondern auch waldick aufgeschwemmt mit allzu wortreichen Überlegungen etwa zur Film- und Kulturgeschichte (bis in die KI-Niederungen) oder banal lustigen Kinkerlitzchen im Nullerjahre-Blog-Stil, etwa der ausgewachsenen Angst des Erzählers vor dem Einreißen von Zahnpastatuben-Verschlussfolien. Auch das poetologische Pathos hat seine Redundanzen. Mehr als einmal beschleicht einen das Gefühl, Orths habe mit der Shandy-Schwadronierlizenz einfach alles in dieses Buch hineingewurstet, was sich noch ungenutzt auf seinem Laptop befand. Aber angesichts der tatsächlich vorherrschenden Selbstverstümmelung der zugänglichen Gegenwartsliteratur zur drögen realistischen Prosa – mit allenfalls pseudopoetischem Überschuss – bleibt ein solcher Wahnwitztext bei aller Überladung ein befreiendes Erlebnis. Denn eine sehr wichtige Antwort gibt das Buch eben doch, nämlich auf diese Frage (und all ihre Schwestern): „Wodurch kullert die Wachspflaume ins Unendliche?“ Durch die Phantasie, Dummkopf, durch die Phantasie. Markus Orths: „Die Enthusiasten“. Roman. Galiani Berlin Verlag, Berlin 2026. 368 S., geb., 24,– €.