Herr Dr. Decius, früher mussten Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger für jede Frage einen Kollegen löchern, heute haben sie mit der Künstlichen Intelligenz ganz andere Möglichkeit an der Hand. Ist das eine positive Entwicklung? Berufseinsteigende fragen heute einfache Wissensfragen häufig direkt über ein KI-System ab, statt zu Kolleginnen und Kollegen zu gehen. Das hat Vorteile: Sie kommen schneller an Informationen und können auch vermeintlich dumme Fragen stellen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig bekommen sie dadurch weniger von dem Erfahrungswissen mit, das langjährige Mitarbeitende vermitteln können. Was kann die KI denn nicht liefern? Sehr viel unternehmensspezifisches Praxiswissen. Wie funktionieren Entscheidungswege? Wen muss ich bei einem bestimmten Problem fragen? Welche Arbeitsschritte sind in diesem Unternehmen üblich? Solche Dinge stehen nicht im Lehrbuch. Das gilt auch für ganz konkrete Aufgaben. Ein Kollege kann beispielsweise zeigen, wie man etwas effizienter erledigt, auf bestimmte Fehler hinweisen oder erklären, welche kleinen Nuancen in einem Unternehmen wichtig sind. Dieses implizite Wissen wird normalerweise informell weitergegeben. Wie verändert sich Lernen, wenn die KI ins Spiel kommt? Wenn ich die KI frage, bekomme ich sehr schnell eine Antwort. Das kann zunächst sogar zu einem besseren Ergebnis führen. Aber nachhaltiges Lernen funktioniert besonders gut, wenn eine gewisse Anstrengung damit verbunden ist: Wenn ich selbst etwas ausprobiere, Fehler mache, darüber nachdenke und Feedback bekomme. Wenn die KI mir dagegen auf Knopfdruck jeden einzelnen Schritt vorgibt, durchlaufe ich diesen Lernprozess weniger. Im schlimmsten Fall merke ich mir vielleicht nur noch, dass ich das nächste Mal beim selben Problem wieder die KI fragen kann. Sie forschen auch zu den negativen Auswirkungen der KI auf Lernfähigkeiten, dem „Deskilling“ und dem „Ghost-Learner-Effekt“. Was passiert dabei genau? Beim Deskilling geht es zunächst darum, dass Fähigkeiten, die ich seltener nutze, mit der Zeit verkümmern können. Das muss nicht immer schlecht sein. Dazu eine Analogie: Als der Taschenrechner bestimmte Rechenfähigkeiten ersetzte, konnten Mitarbeitende die gewonnene Zeit für etwas anderes nutzen. So kann es auch mit der KI laufen. Bei Neueinsteigenden sehe ich das aber kritischer. Sie befinden sich noch in einer grundlegenden Lernphase und müssen bestimmte Fähigkeiten sowie ein mentales Modell ihrer Arbeitsroutinen überhaupt erst aufbauen. Beim sogenannten AI-Ghost-Learner-Effekt kommt noch etwas anderes hinzu: Ich habe das Gefühl, etwas gelernt zu haben, habe diese Kompetenz aber nicht wirklich aufgebaut. Ich denke also, ich habe es verstanden, aber wenn ich es später ohne die KI wiedergeben oder anwenden muss, zeigt sich, dass ich es nicht wirklich durchdrungen habe. Ist die KI damit eher ein Problem für das Lernen, oder kann sie auch eine Lernhilfe sein? Sie kann durchaus eine gute Lernhilfe sein. Wir unterscheiden zwischen Performance Support und Development Support. Beim Performance Support frage ich die KI nach dem bestmöglichen Ergebnis. Dann bekomme ich schnell eine gute Lösung, lerne aber relativ wenig. Beim „Development Support“ hingegen bitte ich die KI explizit um Unterstützung beim Lernen, etwa durch Fehlersuchübungen, Merkhilfen oder Fragen, die sich meinem Wissensstand anpassen. Was bedeutet das für Unternehmen? Droht Wissen tatsächlich verloren zu gehen? In der Tat. Schlecht vorbereitete Unternehmen drängen erfahrene Mitarbeitende in den letzten Monaten vor dem Ruhestand, ihr Wissen noch möglichst schnell systematisch weiterzugeben. Das funktioniert aber häufig nur leidlich. Wenn dann künftig wichtiges Erfahrungswissen nur noch in Datenbanken landet, weil Unternehmen es für die Lösung halten, dass eine KI darauf zugreifen und es für Neueinsteigende aufbereiten kann, fällt ein wichtiger Teil des bisherigen Wissenstransfers weg: der direkte Austausch und das informelle Lernen am Arbeitsplatz. Problematisch wäre vor allem, wenn das unbemerkt bleibt. Wer neu anfängt, könnte durch den Ghost-Learner-Effekt das Gefühl haben, alles verstanden zu haben, und erst in einer kritischen Situation merken, dass Erfahrungswissen fehlt. Dann entsteht für ein Unternehmen natürlich ein Problem und in letzter Konsequenz auch ein Wettbewerbsnachteil. Was sollten Unternehmen beim Berufseinstieg anders machen? Wenn Bedingungen sich ändern, KI beispielsweise zum Normalfall wird, kann es helfen, den vorherigen Normalfall zeitweise künstlich zu simulieren. In bestimmten Lernphasen kann es sinnvoll sein, bewusst auf KI-Tools zu verzichten. Junge Berufstätige erarbeiten sich Dinge dann zunächst selbst. Das dauert vielleicht länger, kann aber das Verständnis vertiefen und die Selbstwirksamkeit fördern. Vor allem bauen sie dadurch Kompetenzen auf, die ihnen auch ohne Unterstützung durch die KI zur Verfügung stehen, und sammeln eigene erfolgreiche Bewältigungserfahrungen – sogenannte Mastery Experiences. Gleichzeitig sollten Unternehmen ihnen zeigen, wie sie KI als Lernhilfe und nicht nur zur Leistungssteigerung einsetzen können. Dafür brauchen Neueinsteigende auch eine Art Welpenschutz, in dem sie sich ausprobieren können. Mentoringprogramme sollten ebenfalls weiterhin eingesetzt werden, weil sie den Transfer von Erfahrungswissen aktiv fördern. Auch die Vernetzung untereinander ist wichtig. Was würden Sie Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern heute konkret empfehlen: Was sollten sie die KI fragen und was unbedingt einen Kollegen? Die KI würde ich vor allem nutzen, um eigene Wissenslücken zu schließen, aber möglichst so, dass sie mir nicht direkt die fertige Lösung liefert. Ich kann sie zum Beispiel um Unterstützung bei Dingen bitten, die für meinen Job wichtig sind und die ich noch nicht ausreichend beherrsche. Bei explizitem Fachwissen funktioniert das oft besser als bei Fertigkeiten, die stark von der Erfahrung, Übung oder dem jeweiligen Kontext abhängen. Einen Kollegen würde ich dagegen vor allem nach seinen persönlichen Erfahrungen fragen: Was waren seine spannendsten Projekte? Wo hatte er Schwierigkeiten, als er selbst neu angefangen hat? Wo ist er vielleicht gescheitert und wie hat er daraus gelernt? Ich würde auch einfach mal fragen, wie sein letzter Urlaub war, oder wie die Regeln in der Kaffeeküche sind. Denn selbst daraus lerne ich etwas über die Organisationskultur. Die Art, wie ein Kollege antwortet, verrät mir manchmal mehr über das Unternehmen und den Umgang miteinander als eine noch so gute Antwort der KI.
