FAZ 29.09.2026
06:00 Uhr

Laura Kind: Wenn das Leben auf Grund läuft


Die Frankfurter Schriftstellerin Laura Kind hat ihren ersten Roman geschrieben. „Untiefe“ erzählt von einer jungen Frau, die an Grenzen stößt und sich von ihnen frei macht.

Laura Kind: Wenn das Leben auf Grund läuft

Lieblich ist es am Bodensee. Kein Wunder, dass die Eltern von Anna dort eine Pension aufgemacht haben. Die Tochter, die in Frankfurt arbeitet, kehrt trotzdem ungern an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie muss längere Zeit dort bleiben, denn irgendetwas stimmt nicht. Ihr Vater hat angefangen, wieder zu trinken, ihre Mutter muss ins Krankenhaus. Was dahintersteckt, findet Anna in Laura Kinds Roman „Untiefe“ erst nach und nach heraus. Am 1. Oktober erscheint das Debüt der Frankfurter Schriftstellerin bei Steidl, am selben Tag stellt sie es im Hessischen Literaturforum vor. „Ich bin ein Bildmensch“, sagt Kind. Ihr Vater ist Fotograf, ihre Mutter Lehrerin, auch Kind selbst fotografiert. Bilder von Anna auf dem See standen ihr bei der Arbeit früh vor Augen. Eine junge Frau, frei, ungebunden, ganz ohne Eltern, ohne den Freund Felix, der Kinder will, ohne den Chef, der sie ausnutzt. Aber Kind hält wenig von reinem Idyll: „Ich möchte keine Bodenseeliteratur haben.“ Eine Dosis Frankfurt kommt der 1990 in Wuppertal Geborenen da gerade recht: „Frankfurt ist eine Stadt mit großen Kontrasten, die unheimlich viele Möglichkeiten bietet.“ Kind liebt den Blick auf das Literaturhaus am Mainufer, hinter dem sich der Betonbrutalismus des Schwesternwohnheims erhebt: „Brüche machen die Stadt und Figuren interessant.“ Man kann nicht alles haben Zum Beispiel der Bruch zwischen Erwartungen und Wirklichkeit. Auf ihn stößt nicht nur Anna, auf ihn stoßen Erwachsene jeder Generation, derzeit erst recht. „Ich bin groß geworden mit der Idee, dass ich alles machen kann, was ich will“, sagt Kind. Für Millennials wie sie habe das Versprechen gegolten: „Die Welt ist grenzenlos.“ Seit Ereignissen wie der Corona-Pandemie oder Russlands Angriff auf die Ukraine stimmt das nicht mehr. Viele merkten heute, dass die potentielle Freiheit Grenzen habe: „Weil nie alles gleichzeitig geht.“ Und wenn doch alles gehe, setze es einen unter Druck: „Bin ich richtig abgebogen?“ Ihr Buch über Anna, die versucht, zwischen Selbstausbeutung und Egoismus Erwartungen zu erfüllen und zu unterlaufen, hat Kind geschrieben, weil ihr das Thema Fürsorge am Herzen liegt. Es gebe gesellschaftspolitische Entwicklungen, die sich auf jeden Einzelnen auswirkten: „Das kann man aber nicht abhandeln, indem Anna über den demographischen Wandel oder den Pflegenotstand debattiert.“ Unternehmensberatung, Bank und Roman Kind, die in Wuppertal aufwuchs, hat Wirtschaft und Politik studiert, erst in Münster, dann in Washington: „Ich wollte ganz weit weg.“ Für den Master zog es sie des Studienfachs wegen nach Frankfurt, denn Friedens- und Konfliktforschung wird nicht an jeder Hochschule angeboten. „Ich bin von Frankfurt nicht losgekommen“, sagt sie: „Man findet kaum eine Stadt, wo auf so engem Raum so viel geboten wird.“ Ihren Mann hat sie hier ebenfalls kennengelernt, die Kneipe an der Berger Straße, in der sie sich trafen, hat es ins Buch geschafft. Vor einem halben Jahr ist ihre kleine Tochter zur Welt gekommen, nun erscheint der Roman. Nach dem Studium war ihr klar, dass sie sich in der wirklichen Welt weiter umschauen wollte. Sie ging zu einer Unternehmensberatung, inzwischen arbeitet sie bei einer Bank. Geschrieben aber hat sie schon immer. Nur im Ausland, da ging es zu ihrem Erstaunen nicht: „Bei mir funktioniert Schreiben sehr stark über Sprache und Klang.“ In Frankfurt fand sie an den Laptop zurück. Sie schrieb viel, ließ Freunde lesen, schickte Texte ein, nahm an Wettbewerben teil. Und verfasste ihren ersten Roman. Für die Schublade, aber sie fand zu ihrem Stil: „Atmosphäre und Tonalität sind mir sehr wichtig.“ Als sie etwas über Care-Arbeit schreiben wollte, erinnerte sie sich an eine Kurzgeschichte, die im „Hessischen Literaturboten“ erschienen war. „Man kann ja keinen Konzept-Roman daraus machen.“ Es braucht Figuren, Handlung, Konkretes, einen Einzelfall mit Gefühlen und Gedanken. Schon in der Kurzgeschichte war es um Anna zwischen Felix, der Pension, den Eltern und ihren eigenen Wünschen gegangen. „Da steckt mehr dahinter“, dachte Kind sich: „Dann habe ich angefangen, weitergeschrieben und immer weiter geschrieben, bis irgendwann ein Roman da war.“ Einer, den sie veröffentlichen wollte. Offene Lesebühne in einem Frankfurter Café Der Zufall kam ihr zu Hilfe. Mit ihrem Mann Florian Kind hat sie Ende 2024 die Frankfurter Lesebühne „Text und Tenor“ gegründet, die alle paar Monate im Café Mutz in Niederursel stattfindet: „Es ist ein Ort, wo sich jeder wohlfühlt, der hinkommt.“ Eine offene Lesebühne für jemanden wie sie, die als Quereinsteigerin Erfahrungen sammeln wollte, habe ihr gefehlt, sagt Kind: „Dann habe ich mich so lange darüber beschwert, bis mein Mann gesagt hat, komm, dann machen wir es selbst.“ Inzwischen erhalten die beiden immer mehr Bewerbungen, vor allem aus dem Rhein-Main-Gebiet, aber auch aus der Schweiz und aus Köln: „Wir versuchen natürlich, den Fokus auf die Region beizubehalten.“ Eine Autorin, die bei „Text und Tenor“ auftrat, schwärmte Kind gegenüber von ihrer Agentur, Zoralit, gerade erst in Berlin gegründet. „Junge Frauen, die sich zusammengeschlossen haben, etwas gründen, die solidarisch sind“, so beschreibt Kind die Agentur, bei der sie im Frühjahr 2025 einen Vertrag unterschrieb. Der Zuschlag von Steidl kam im darauffolgenden Herbst. Die Unruhe rund um den Verlag, der im Juli 2026 aus einem vorläufigen Insolvenzverfahren entlassen wurde, hat sie nicht mit erfasst. Sie blickt voller Stolz nach Göttingen: „Sie machen wahnsinnig schöne Bücher, vom Inhalt her, aber auch, was das Buch als Produkt anlangt.“ Kinds zweites Buch ist schon in Arbeit. Vor wenigen Tagen hat sie den ersten Entwurf an ihre Agentin geschickt: „Ich bin nervös.“ Aber erst einmal geht es um „Untiefe“, das Debüt. Und um das Feilen am Gang des Textes. „Jedes Kapitel muss eine Funktion haben“, sagt sie: „Wenn es fertig ist und ich das Gefühl habe, die Geschichte hat sich nicht entwickelt, brauche ich das Kapitel nicht.“ Sie hat sich selbst kennengelernt beim Schreiben. „Wenn ich denke, da gehe ich später noch mal ran, weiß ich, ich bin faul.“ Eine Ausrede sei das, mehr nicht. „Jetzt vertagst du etwas, wo du weißt, es gibt ein Problem.“ Am Bodensee oder in Frankfurt. Laura Kind, „Untiefe“, Hessisches Literaturforum im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm, 1. Oktober, 19.30 Uhr. Nächste Lesebühne „Text und Tenor“, Café Mutz, Alt-Niederursel 27, 14. Oktober, 19.30 Uhr.