Noch steht da eine weiße Wand. Unbearbeitet. Farblos. Doch das soll sich ändern. Bis zum Frühjahr soll auf dieser Wiener Gebäudewand ein riesiges „Mural“ entstehen, Graffiti zu einem schwer kommunizierbaren Thema: dem Verlust an Biodiversität. Bislang ist dies ein Thema etwa für Museen und Gespräche zwischen Banken und Unternehmen, die ein Risiko ausloten: Wie viel Geld könnte ein Geschäftsmodell noch einbringen, wenn Artenvielfalt, genetische Vielfalt und Ökosystemvielfalt weiter abnehmen? Aber ein großes öffentliches Thema ist Biodiversität noch nicht. Wenn Infrastrukturprojekte nicht vorankommen, werden Fledermaus und Juchtenkäfer schnell verhöhnt. Es ist das Niedlichkeitsproblem der Ökologie, dass sterbende Arten keine wochenlangen Dürren oder verheerenden Überschwemmungen auslösen, sondern das Sterben schleichend geschieht. Wie ein Jenga-Turm, aus dem man immer wieder Steine herauszieht, bis irgendwann die Stabilität verloren gehe, sagt Carola Greve. „Das Thema Biodiversität ist nicht in der Öffentlichkeit angekommen“, sagt die Leiterin des Senckenberg Lab Centre for Biodiversity Genomics. Das Museum in Frankfurt zählt zu den führenden europäischen Forschungsinstitutionen zum Thema. Als Berufspendlerin sei es unvermeidbar, dass man manchmal über ein solches Thema laut spreche. Auf der Strecke von Köln nach Frankfurt bleibe es nicht aus, dass die Stichworte bei einem Banker hängen geblieben seien. Und dann war es nur noch ein kleiner Schritt, um bei der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment zu landen. Fondsgesellschaft bemüht sich um nachhaltigere Investitionen Für diese hat Nachhaltigkeit einen hohen Stellenwert. Henrik Pontzen ist als Chief Sustainability Officer darum bemüht, Investitionen darauf zu prüfen, ob sie Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, dem Klima schaden und wie erwartbare Umweltschäden die Finanzen des Unternehmens belasten. An Biodiversität beißt er sich die Zähne aus, weil Forscher viele globale Daten zum Zustand der Welt und Mikrodaten zum Zustand eines eng umgrenzten Ortes liefern, aber nicht das, was ihm nützt. „Die Wissenschaft ist gut darin, Makroaussagen und Mikroaussagen zu treffen. Aber der Kapitalmarkt ist nur gut darin, Mesoaussagen zu verarbeiten“, sagt er, also das in der Mitte. Gelernt hat Pontzen das, weil er der Gesprächspartner war, an den der pendelnde Bahnfahrer die Forscherin Carola Greve vermittelte. Sie hatte mit Freunden den Verein „In Ur Face“ gegründet, weil sie ebenfalls ein Defizit spürte. Über Biodiversität unterhielten sich immer nur Fachleute untereinander, auf Fachkonferenzen, bei Vorträgen, bei Museumsführungen. Zu den an Biologie interessierten Menschen kamen zunehmend auch Vertreter von Finanzkonzernen hinzu. „Was bringt es, wenn wir uns gegenseitig Vorträge halten?“, dachte sich Greve irgendwann und suchte nach einem Weg, anders öffentlich zu kommunizieren. Das Mittel dazu ist die Streetart, und so kommt nun auch die weiße Wand in Wien ins Spiel. Denn sie bietet eine riesige Fläche, um darauf ein Mural entstehen zu lassen, das eine etwas rätselhafte Collage aus Libellen, Schmetterlingen und Käfern zeigen soll. Vom gegenüberliegenden Park aus wird es gut einsehbar sein und im besten Fall für Irritation sorgen. „Streetart ist ein ganz anderes Medium“, sagt Greve: „Wir können andere Menschen erreichen, die wir mit Wissenschaftskommunikation nicht ansprechen würden.“ Mit einem Mal stehen Künstler, Wissenschaftler und Finanz im Dialog Für alle Beteiligten ist es ein ehrenamtliches Projekt, in das viel Herzblut fließt. Und aus künstlerischer Sicht erlaubt es, die eigene Diversität vorzuführen. Abgeschlossene Projekte hat der Verein schon in Hamburg und in Bonn umgesetzt. „Uns ist wichtig, dass zwei Nerdgruppen aufeinandertreffen: Wissenschaftler:innen und Künstler:innen“, sagt Kai Niederhausen, der sich als Graffitikünstler Semor nennt. Jedes Objekt wird von anderen Künstlern gestaltet. In Wien sind es die Streetart-Sprayer Perk Up und Ruin. Mit Letzterem hat Semor zuvor schon in Dänemark ein Projekt zu anderen Themen umgesetzt. „Wenn ein Künstler alle Murals malt, ist das nicht unser Storytelling“, sagt Semor. Biodiversität werde also in verschiedenen Städten über die Diversität des künstlerischen Zugangs abgebildet. In Bonn zum Beispiel sieht man ein Rotkelchen im Landeanflug. Von weiter weg denkt man, es bewege sich auf ein Vordach zu. Nähert man sich dem Mural, denkt der Betrachter, er stehe auf einer Wiese. Solche Effekte könnten kognitiv eine andere Beschäftigung mit dem Thema auslösen. In der Hitze der vergangenen Woche zum Beispiel könne es dazu führen, dass man darüber nachdenke, ob Vögel mit genug Wasser versorgt werden oder ob man ein Schälchen auf den Balkon oder die Terrasse stellen sollte. „Das Museum ist die Straße. Es ist für Konsumenten kostenlos“, sagt Semor, der schon im Kindesalter mit dem Graffiti-Virus infiziert wurde und sich auch mit Mitte vierzig nicht vorstellen kann aufzuhören. Streetart erlaube einen emotionalen Bezug zu einem Thema, das sich über die nüchternen wissenschaftlichen Fakten nur schwer vermitteln lässt. „Wie in der Schulzeit, als man noch wissbegierig war, wollen wir Menschen mit positiven Botschaften catchen“, sagt er. Niemand kann sich vorstellen, was passiert, wenn Arten weg sind Wie im Jenga-Spiel werde die Wirtschaft kaum merken, wann die Ökosysteme so instabil sind, dass die Erträge leiden werden, sagt Henrik Pontzen von Union Investment: „Wir müssen verstehen, welche Sektoren von Artenvielfalt abhängig sind.“ Niemand könne sich vorstellen, was passiere, wenn der Turm falle. Deshalb brauche es politische Regulierung, die Grenzen setzt. Diese wiederum bedeute eine Beeinträchtigung für Unternehmen. „Ein Assetmanager, der langfristig engagiert ist, muss das verstehen“, sagt Pontzen. Bedauerlicherweise aber lasse sich nur schwer in Biodiversität investieren. Anders als in Klimaschutz: Wenn Unternehmen Treibhausgasemissionen verringern, lässt sich das nach international standardisierten Metriken messen. Die „Climate Tech“-Branche erfährt besonders in Deutschland einen Aufschwung. Viele Unternehmen beginnen auch, in Kapazitäten zur Direktentnahme von CO₂ aus der Erdatmosphäre zu investieren. Aber Biodiversität? Union habe entschieden, dass es keinen Sinn habe, Unternehmen zu suchen, die nicht von ihrem Verlust betroffen wären, sagt Pontzen. Dies wären am Ende nur Techunternehmen mit denkenden Menschen in Büros und geringen Emissionen. Als er mit Carola Greve über die Idee gesprochen habe, sei er schnell begeistert gewesen. Union Investment habe einen Immobilienbestand von rund 100 Milliarden Euro Wert. Da werde es ein Leichtes sein, eine freie Wand zu finden. Dachte er. Es stellte sich heraus, dass es genau die eine Wand in Wien gibt. Ansonsten dominiert Glas. Der Vorstand ließ sich überzeugen. Herausfordernd ist die Zusammenarbeit mit den Behörden. Ein Gerüst für die Künstler würde 20 Zentimeter in den angrenzenden Park hineinragen. Deshalb musste eine etwas anspruchsvollere Hebebühne gesucht werden. Die Reaktion des Publikums ist unvorhersehbar. Man werde niemandem vorrechnen können, wie viele Basispunkte Rendite man dadurch gewonnen, wie viele Fledermäuse und Juchtenkäfer man gerettet habe, sagt Pontzen: „Das kann man nicht beantworten, aber vielleicht entsteht durch den Austausch etwas.“
