FAZ 17.03.2026
10:46 Uhr

Kommunalwahlen in Hessen: „AfD-Wählern geht es nicht um objektive Zustände“


Auch da, wo sie keine Kandidaten aufstellt, gewinnt die AfD in Hessen hinzu. Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Christian Stecker zur Frage, warum ihre Wähler so schwer zurückzugewinnen sind.

Kommunalwahlen in Hessen: „AfD-Wählern geht es nicht um objektive Zustände“

Herr Stecker, wie erklären Sie sich, dass die AfD in manchen Orten in der Wetterau oder im Kreis Groß-Gerau bis zu 27 Prozentpunkte bei der Kommunalwahl in Hessen hinzugewonnen hat? Die AfD ist dort besonders stark, wo in der Vergangenheit die Zustimmung für rechtsextreme Parteien wie die Republikaner und die NPD hoch war. Das zeigte sich auch in Bayern und Sachsen. Der Erfolg der Partei geht inzwischen aber weit darüber hinaus. In Hessen sehen wir, dass die Partei dort hohe Ergebnisse erzielt, wo es in der Vergangenheit eine höhere Zustimmung zur Todesstrafe gab. Das müssen Sie erklären. 2018 gab es einen Volksentscheid über die Streichung der Todesstrafe aus der Landesverfassung. In einer Stadt wie Frankfurt stimmten 90 Prozent dafür, in einigen Regionen lag der Wert dagegen bei 70 Prozent. Das gibt uns Hinweise darauf, dass dort autoritäres Denken und Normen wie Hierarchie und Gehorsam stärker verbreitet sind. In genau diesen Orten hat die AfD bereits bei der Landtagswahl 2023 zugelegt und setzt ihren Erfolg bei der Kommunalwahl fort. Die AfD bekräftigt nicht nur in Hessen ihren Anspruch, die Partei des ländlichen Raums zu sein. Ist sie das? Organisatorisch ist es die AfD nicht. In Hessen hat sie rund 4800 Mitglieder, die Grünen haben dreimal so viele, die SPD kommt auf 40.000 Mitglieder. Die personelle Schwäche der AfD zeigte sich bei den Kommunalwahlen: In vielen Gemeinden, in denen sie bei Bundestags- oder Landtagswahl stark war, gelang es ihr nicht, eigene Kandidatenlisten aufzustellen. Wir sehen aber einen sehr starken Zusammenhang zwischen ländlicher Struktur und AfD-Stimmanteilen, stärker als bei jeder anderen Partei. Gleichzeitig ist die AfD in urbanen Zentren besonders schwach, vor allem in Universitäts- und Großstädten, in denen akademisch geprägte Berufe dominieren. Wie gelingt es der AfD, auch dort erfolgreich zu sein, wo sie praktisch kein personelles Angebot macht? Die AfD ist in Deutschland die einzige Partei, die nahezu überall in einer fundamental oppositionellen Rolle ist. Sie trägt mit sehr wenigen Ausnahmen keine politische Verantwortung auf kommunaler oder staatlicher Ebene. Dadurch kann sie als Projektionsfläche für allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen System dienen. Für eine solche Protestwahl braucht es keine persönliche Bindung zu lokalen Kandidaten. Das Parteilabel allein reicht vielen Wählern aus, um ihren Unmut auszudrücken. Die AfD wird besonders stark von Personen in nicht akademischen Berufen gewählt. Wieso? Die AfD ist zur Partei der kleinen Leute geworden. Das hat sicherlich mit ihrem personellen Angebot zu tun: Ihr Bundesvorsitzender Tino Chrupalla als Aushängeschild der Partei ist der einzige Spitzenpolitiker, der nicht Hochschulabsolvent ist, sondern Handwerksmeister. Der Partei gelingt es durch Sprache und Habitus, andere Wählerschichten abzuholen, die früher vorwiegend SPD wählten. Die AfD wird mehrheitlich von jenen gewählt, die nicht am Schreibtisch arbeiten, sondern einer manuellen, körperlichen Tätigkeit nachgehen. Solche Industriejobs sind übrigens auch eher im Ländlichen zu finden als in der Stadt. Sollte die SPD also mehr Handwerksmeister und Arbeiter aufstellen, um AfD-Wähler zurückzugewinnen?   Das würde nur einen Teil des Problems lösen. Es geht auch um substanzielle Unterschiede in den Politikpräferenzen. Es gibt zum Beispiel einen harten Interessenkonflikt um die Frage einer multikulturellen Gesellschaft und des Zusammenlebens. Große Teile der AfD-Wählerschaft lehnen Zuwanderung ab, unabhängig davon, ob sie mit Migranten in ihrem Alltag in Kontakt kommen. Sie verzeihen der CDU nicht, dass sie mit ihrer migrationskritischen Grundhaltung 2015 gebrochen hat. Die CDU hat ihre Migrationspolitik verändert – und das Thema ist den Wählern heute weniger wichtig, zeigen Umfragen. Bestimmte Milieus haben sich nach 2015 zur AfD hinorientiert und identifizieren sich heute mit der Partei. Dieses verlorene Vertrauen lässt sich nicht einfach zurückgewinnen, selbst wenn sich politische Rahmenbedingungen verändert haben. In der politischen Mitte gibt es die Idee, AfD-Wähler durch „gutes Regieren“ zurückzugewinnen. Für wie aussichtsreich halten Sie das? Das Problem ist, dass es AfD-Wählern nicht um objektive Zustände geht, sondern um Wahrnehmungen. Wir wissen zum Beispiel, dass Parteianhänger Migrationszahlen und die Inflationsentwicklung viel höher einschätzen, als sie tatsächlich sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die AfD sich und ihre Vorschläge nicht beweisen muss, weil sie vom Regieren ausgeschlossen ist. Bei der hessischen Landtagswahl deutete sich an, dass die AfD in Übergangsräumen zwischen Stadt und Land besonders stark ist – also dort, wo viele Menschen pendeln. Das könnte ein Mechanismus sein. Wer im Umland lebt und täglich in eine Großstadt pendelt, gehört häufig nicht vollständig zu den urbanen Milieus, die von hoher Bildung, internationaler Mobilität und wissensbasierter Arbeit geprägt sind. Gleichzeitig ist man aber von politischen Entscheidungen der Städte betroffen – etwa bei Verkehrspolitik oder Energiefragen. Wenn sich eine Partei klar gegen steigende Energiepreise oder gegen Einschränkungen für den Autoverkehr positioniert, kann das gerade für Pendler attraktiv sein.