Kommt die Kunst im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte der Natur näher, oder entfernt sie sich von ihr? Entfaltet, offenbart das von Kunstgesetzen und dem Regelwerk vergangener Epochen befreite oder sich lossagende Schaffen der Gegenwartskunst die Natur des Menschen vollkommener? Johann Wolfgang von Goethe bezieht sich, als er 1800 das Sonett „Natur und Kunst“ verfasst, auf zwei Aspekte des Problems. Einmal beschreibt er, wie ihn die Natur nun fasziniert, während er sie früher vernachlässigte: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, / Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden; / Der Widerwille ist auch mir verschwunden, / Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.“ Der zweite Aspekt bezieht sich auf das Naturhafte im Menschen, die „frei Natur“, die Goethe im Herzen „glühen“ weiß. Diese Ungezähmtheit, Wildheit, Ungezügeltheit führt nicht zu großer Kunst, mahnt der Dichter; „Vergebens werden ungebundne Geister / Nach der Vollendung reiner Höhe streben“. Wer Großes will, muss sich zusammenraffen Goethes 50. Geburtstag liegt hinter ihm, als er diese streng gefügten, Sturm-und-Drang-kritischen Zeilen schreibt, hinter ihm liegen die Jahre der Flucht nach Italien, das Erlebnis erfüllender körperlicher Liebe in Rom und schließlich auch in Weimar. Er hat sich von dem Momentum erfassen lassen: „Diese Göttin, sie heißt Gelegenheit! lernet sie kennen!“ schreibt er in der Vierten Elegie. Diese Jahre, diese Erlebnisse und Phantasien haben ihn verändert. Und doch bindet er den größten Triumph der Eroberung des „Barbaren“, den Liebesüberschwang, in eine strenge Form, deren Erfüllung die Arbeit vieler Stunden ist: „Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; / In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, / Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben“ – so endet „Natur und Kunst“. Goethe interessiert sich stärker für die Natur, während er sich intensiver in die Arbeit an der Kunst vertieft: „Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden / Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden“. Er fasst zusammen, was die Veränderungen in seinem Leben, die stärkere Abwendung von der Politik und die größere Konzentration auf die Kunst mit ihm machen, was sie ihm eintragen. Von dem Ertrag der Liebe zur Natur spricht er gegenüber dem jungen Hermann Pückler-Muskau, als der Abenteurer und Schriftsteller ihn auf der Heimreise von Frankreich besucht. Goethe führt den tief Beeindruckten durch seinen Landschaftsgarten, den er drei Jahrzehnte zuvor angelegt hatte: „Verfolgen Sie diese Richtung. Sie scheinen Talent dafür zu haben. Die Natur ist das dankbarste, wenn auch unergründlichste Studium, denn sie macht den Menschen glücklich, der es sein will.“ Gärten, Scheren, Bürgerrechte Es handelt sich um eine Natur, die der Mensch nicht nur studiert, sondern kultiviert, eine sanfte, zivilisierte, der Gartenschere und dem Pflug unterzogene Natur. In dem Gartenhaus, das Herzog Carl August Goethe ins Ilmtal bauen ließ, um ihn an Weimar zu binden, fand Goethe dieses Glück. In den Sommernächten badete er nackt im Fluss und genoss es, auf dem Altan seines Hauses unter dem Sternhimmel zu schlafen. Landschaftsparks entsprechen Ende des achtzehnten Jahrhunderts dem Gefühl für die Natur mehr, so wird diese absichtsvoll unabsichtsvoll inszenierte Gartengestaltung, wie sie aus England auf den Kontinent schwappte, begriffen. Das bedeutete das Ende der streng geometrisch gestalteten europäischen Barockgärten. Die englische Philosophie der Zeit sah im Gebrauch der Scheren durch die französischen Barockgärtner ein Bild für das Stutzen der Bürgerrechte in der Monarchie. Jetzt war der Bürger an der Regierung, der von seinen eigenen Gartenerdbeeren naschte. Das Ballett der Zeit hieß „La fille mal gardée“. Jean Dauberval schuf es 1789 in Bordeaux und ließ darin eine Bauerntochter gegen die Heiratspläne ihrer Mutter rebellieren. Lise will nicht den trotteligen Sohn des reichsten Bauern – ein Echo des Sprichworts „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln“. Sie will Colin, oder Colas, wie er in Frederick Ashtons magischer Neufassung des überlieferten Balletts heißt, und sie kriegt ihn auch. Und die kleinsten Kartoffeln schmecken bekanntlich am besten. Das Natürlichere aber bleibt in der Klassik ein menschengeschaffenes Natürliches. Der Mensch ist etwas nur entgegenkommender der Natur gegenüber als zuvor. Oder sucht er nur Trost in einer beruhigend selbstzentrierten Idylle, während draußen in der Welt die alte Ordnung in Trümmer fällt? Das Ballett, das hier schon Holzschuhtänze aufführt und bäuerlich geprägte Landschaftspastelle zeichnet, ist eine Geburt des Barock wie jene gestutzten Hecken. Das „Ballet de la nuit“ wird 1653 aufgeführt. Bauern treten in ihm auf, sie repräsentieren die menschliche Furcht vor Dunkelheit und nächtlichen Dämonen. Die Allegorie der Traurigkeit und die Allegorie des Alters gehören ebenso zur Besetzung. Es geht um Träume, um Temperamente, um die Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde. Im letzten Teil erscheint Aurora in dieser von Männern getanzten Machtdemonstration und Verherrlichung absolutistischer Regentschaft. Im Vergleich zum frühen Ballett wird in der Malerei eines Rubens die Natur unmittelbarer anschaulich. „Die Krönung der Diana“ von 1625 ist eines der schönsten Beispiele dafür, wie nahe Herrlichkeit und Vergänglichkeit beieinanderliegen. Natur zeigt die Darstellung der kraftvollen, glänzend gelaunten und von der erfolgreichen Jagd kein bisschen abgekämpften Göttin, die im Sitzen gleichwohl ihr rechtes Bein zur Erholung ausgestreckt hat und den Fuß auf einem prachtvollen Hirsch ruhen lässt. Gelassen blickt sie den Betrachter an, während der geflügelte Genius ihr die geflochtene Natur-Krone aufsetzt. Lebende Bestien zu ihrer Linken liegen entspannt an locker durchhängender Leine. Die fröhlichen Hunde versuchen sie daran zu erinnern, dass ihre Belohnung noch aussteht. Ihren Rücken aber schützt eine Reihe von langlebigen Nymphen. Hesiod stellte Berechnungen an, wie alt sie tatsächlich werden. Die barocke Kunst scheint insofern der Natur näher zu sein als die Klassik. Der Mensch erkennt seine Sterblichkeit in ihren Werken, und heute erkennt er die Bedrohung der ganzen Natur: Die langlebigste Baumnymphe stirbt, wenn ihr Baum gefällt wird.
