Von der Straße aus sieht das Bürgerhaus im Frankfurter Stadtteil Bornheim aus, wie ein Bürgerhaus eben aussieht. Schnörkellos. Am Eingang hängt ein Zettel mit dem WLAN-Passwort. Ich schaue auf mein Handy: kein Empfang. Die Tür steht weit offen. Dahinter hängt ein dicker roter Vorhang. Ich gehe hinein. Für die fünfzehn Meter bis zur Bar benötige ich gefühlt genauso viele Minuten. Es ist kurz nach 22 Uhr, und der Keller ist stockvoll. Hinter der Bar steht ein Mann: Hände voller Ringe, lange Haare, eine Brille mit schwarzem Rand. Mit beiden Händen zeigt er mal in die eine, mal in die andere Richtung, um Bestellungen anzunehmen. Nach ungefähr zwanzig Minuten zeigen seine Finger in meine Richtung. Ich bin dran. Meine Stimme brauche ich dafür kaum. Die Jahre an Frankfurter Tresen haben mir eine Gabe geschenkt, um die ich nie gebeten habe: Ich forme die Vokale so deutlich, dass man mir die Bestellung von den Lippen ablesen kann. Der Barkeeper nickt, bevor ich fertig bin. Ich drehe mich um, ein Glas in der Hand, und erblicke direkt DJ und Gastgeber Julian Smith. Das ist nicht schwer. Sein Pult steht unmittelbar an der Tanzfläche. Ich lehne mich an die Wand und nehme einen Schluck. Das Eis ist nach fünf Minuten schon geschmolzen. Ich muss an die Luft. Auf dem Weg nach draußen schnappe ich Gesprächsfetzen auf. „Viel zu warm“, sagt eine Frau. „Und richtig voll“, eine andere. „Gut so“, denke ich und schaue an mir herunter. Auch mein T-Shirt hat sich inzwischen entschieden, ihnen recht zu geben. Als ich oben ankomme, stehen mehrere Menschen vor dem Eingang. Sie sprechen über die Hitze da unten. Vom Nachhausegehen redet niemand. Ich lausche den Gesprächen. Ein Mann hofft, dass dieser spezielle Ort mit dieser speziellen Stimmung sich lange hält. Während ich mir eine Zigarette drehe, denke ich: Bei einer Neueröffnung reden alle über die Zukunft. Ich denke an die Vergangenheit. Fast jeder in dieser Stadt erinnert sich an einen Ort, an dem man einst viele Nächte verbracht hat, irgendwann aber selbst nicht mehr hingegangen ist. Warum? Manchmal scheint es einfach nicht mehr zu passen. Auch ich kenne einen solchen Ort. Bei meinem letzten Besuch war mir alles vertraut: die Musik, das Personal. Aber das Publikum hatte sich verändert. Und mit ihm die Stimmung. Ich stand mitten in einem vollen Raum und wollte trotzdem nicht bleiben. Dass andere Menschen einen Ort zu ihrem machen, ist nicht das Problem. Es wird eins, wenn der Name des Ladens wichtiger wird als das, was darin passiert. Aus einem Club, in dem man sein wollte, wird einer, in dem man gesehen werden will. Von außen sieht das nie nach Verlust aus. Im Gegenteil: mehr Gäste, eine längere Schlange am Eingang. Der Raum kann voll sein und sich trotzdem leer anfühlen. Ich drücke die Zigarette aus und gehe wieder hinunter. Unten ist es noch voller geworden. Ich frage mich, wer von den Gästen ein zweites Mal kommen wird, in der Hoffnung genau das zu finden, was man sucht. Wie lange es braucht, dass aus dieser Hoffnung erst Vertrauen, dann Gewissheit wird, weiß ich nicht. Ich kenne aber jemanden, der es wissen könnte. Er steht ein paar Meter weiter und hat gerade keine Zeit. Es ist Betreiber Julian Smith. Und der muss an diesem Abend die Menge zum Tanzen bringen. Ein paar Tage später sitzen wir uns gegenüber. Ich frage Julian Smith, woran ein Betreiber eigentlich merkt, was das Publikum sucht. Er spricht von einem Sound, einem roten Faden, auf den man sich verlassen könne, ohne vorher das Programm zu prüfen. Er erzählt aber auch vom wirtschaftlichen Druck, die eigene Linie immer weiter aufzuweichen, damit die Zahlen stimmen. Wer sich treu bleiben wolle, müsse unbequeme Entscheidungen treffen: „Du musst manchmal akzeptieren, dass der Laden nur halb voll sein kann.“ Dass an jenem Freitag so viele Menschen den Weg in die Pilsstube eines Bürgerhauskellers gefunden haben, führt er nicht auf seinen Ruf als DJ und den damit verbundenen Erwartungen zurück. Eher auf die Neugier der Menschen, Neues zu entdecken. Dabei setzt er auf Altbewährtes. Nähe, beispielsweise. Das Pult auf Augenhöhe sei kein Zufall. Er wolle nicht über dem Abend stehen. Ein Freund habe es einmal so formuliert: „Wenn du nicht selber brennst, dann zündest du auch niemanden an.“ Batuhan Ergün schreibt in der Kolumne „Durch die Nacht“ regelmäßig über Beobachtungen und Besonderheiten aus dem Frankfurter Nachtleben. Auf seinem Instagram-Account „nightlifeinfrankfurt“ spricht er mit Vertretern der Szene und der Politik über Themen, die Frankfurt nachts bewegen. Das komplette Interview mit Julian Smith zum Nachlesen gibt es hier.
