Im modernen Fußball wird der Erfolg längst nicht mehr nur auf dem Rasen, sondern auch in den Datenbanken geformt. Passend zur Technologiestadt Darmstadt will der SV Darmstadt 98 Innovation in seiner DNA verankern. Mit einer eigenen Data-Science-Abteilung und einem Athleten-Management-System verfolgen die „Lilien“ ihren eigenen Weg. Das Ziel: durch intelligente Datennutzung die Wahrscheinlichkeiten für sportlichen Erfolg erhöhen – sei es durch detailliertes GPS-Tracking zur Belastungssteuerung oder den Einsatz von KI zur frühzeitigen Verletzungsprävention. Doch Daten allein schießen keine Tore. Präsidiumsmitglied Arnd Zinnhardt und Sportdirektor Paul Fernie erklären im Gespräch, warum trotz aller Technik die wertvollen Emotionen im Fußball erhalten bleiben sollen, wie ein interner Kulturwandel die nötige Akzeptanz für datenbasierte „Bauchentscheidungen“ schafft und warum ein Zweitligist für IT-Fachleute der weitaus coolere Arbeitgeber ist als ein klassischer Softwarekonzern. Herr Zinnhardt, Herr Fernie, an welchen Stellen setzen Sie Technik im Verein genau ein? Fernie: Ein guter Startpunkt ist unsere Heimat: Wir sind die Technologiestadt Darmstadt. Es liegt in unserer DNA, innovativ zu sein. Im Sport ist heutzutage fast alles messbar, deshalb haben wir in jeder Abteilung messbare Ziele definiert. Der Spieler steht bei all unseren Überlegungen und Planungen im Mittelpunkt, wir sprechen von spielerzentriertem Denken. Wir wollen eine Umgebung und Möglichkeiten schaffen, in denen jeder Spieler seine Leistung abrufen und den nächsten Entwicklungsschritt gehen kann. Immer in Einklang mit unserer Spielidee. Um die unzähligen Daten überhaupt nutzbar zu machen, haben wir eine eigene Data-Science-Abteilung aufgebaut – Fabian Schneider leistet dort hinter den Kulissen großartige Arbeit, um die Daten so aufzubereiten, wie wir sie für unsere Entscheidungen brauchen. Daten sind für uns einfach eine wertvolle Information, um die Performance des Einzelnen und der gesamten Mannschaft zu steigern. Für uns geht es immer darum, Wahrscheinlichkeiten zu erhöhen. Welche Daten der Spieler stehen konkret zur Verfügung? Fernie: Das fängt bei den physischen Daten an. Unsere Jungs tragen in jeder Trainingseinheit Chips, die GPS-Daten erfassen. Anhand dieser athletischen Parameter steuern wir beispielsweise die Belastung unter der Woche. Wir fragen uns ganz individuell: Was braucht Spieler A, um am Spieltag sein Optimum abzurufen, und was braucht Spieler B? Technologie und Daten helfen uns dabei, bessere und schnellere Entscheidungen für die Performance der Spieler zu treffen. Fließen diese Daten in Echtzeit auch während des Spiels in taktische Entscheidungen ein? Fernie: Ich vergleiche das gerne mit der Formel 1, wo man in jedem Moment wirklich alles über den Zustand der Autos weiß. So weit sind wir im Fußball bei der Liveanalyse noch nicht. Das hat insbesondere technische Gründe, da die Zuverlässigkeit und Genauigkeit des GPS-Signals im Stadion noch nicht immer bei 100 Prozent liegt. Trotzdem gibt es über viele Anbieter umfassende Spieldaten – man kann beispielsweise genau sehen, wie viele Ballverluste wir in Minute 25 bis 35 in einem bestimmten Raum auf dem Feld hatten. Entscheidend ist für uns aber auch der interne Kulturwandel für den richtigen Umgang mit Technologie: Schließlich arbeiten wir in einer extrem emotionalen Branche. Und diese Emotionen wollen wir nicht wegnehmen, denn sie gehören zum Fußball. Aber was wir wollen, ist, bessere und datenbasierte Bauchentscheidungen zu treffen. Kaufen Sie auch Daten über Gegner ein, und wie behalten Sie Ihren Wettbewerbsvorteil, wenn andere das ebenfalls tun? Fernie: Natürlich arbeiten auch wir mit externen Anbietern zusammen. Unseren echten Mehrwert und Wettbewerbsvorteil schaffen wir aber intern. Wir haben ein eigenes Athleten-Management-System mitentwickelt, in das jede Abteilung täglich alle Informationen einträgt. Wenn ich in unserem Analysetool auf einen Spieler klicke, sehe ich alles: seine physischen Tests aus dem Kraftraum, welche Behandlungen er hatte, wie Gespräche aufgebaut waren, ob es ein Einzelgespräch war oder beispielsweise eine Videoanalyse beinhaltete. Nutzen Sie Künstliche Intelligenz auch schon aktiv für diese Datenanalyse oder im Scouting? Fernie: Wir sind noch keine absoluten Experten, aber wir beschäftigen uns intensiv damit und schulen unsere Mitarbeiter. Wir nutzen KI, um Zeit zu gewinnen und komplexe Prozesse zu automatisieren. Ein enormer Vorteil zeigt sich bei der Verletzungsprävention: Unser Athleten-Management-System schlägt sofort Alarm und zeigt „Red Flags“, wenn ein Spieler beispielsweise plötzlich abweichende Werte in einer Körperregion aufweist, die bei Tests vor drei oder sechs Wochen noch anders aussahen. Zudem hilft KI enorm bei der Kommunikation. Wir scouten viel im Ausland, weil dort die Wahrscheinlichkeit für „Unterschiedsspieler“, die mit unseren finanziellen Gegebenheiten umsetzbar wären, größer ist. Im Sommer haben wir zwei japanische Spieler geholt, die weder Deutsch noch Englisch sprachen. Wir arbeiten hier mit einem KI-Tool, das wir mitentwickelt haben und das genau die spezifische Fußballsprache unserer Trainer erkennt und übersetzt. So verstehen die Jungs exakt, was taktisch gefordert ist. Wem gehören diese Daten? Müssen Sie da große Datenschutzauflagen erfüllen? Fernie: Wir haben keine Geheimnisse vor den Spielern, sie haben vollen Zugriff auf ihre Daten. Umgekehrt kann nur ein bestimmter Kreis auf die Spielerprofile zugreifen. Dass ein Spieler seine eigenen Daten sammelt und damit in Vertragsverhandlungen geht – so wie es Kevin De Bruyne bei Manchester City gemacht hat –, habe ich hier zwar noch nicht erlebt, aber es geht um Vertrauen. Der Spieler muss verstehen, dass die Datenerhebung ihm hilft. Zinnhardt: Was den Schutz angeht: Das ist durch DFL-Verträge streng geregelt. Weg vom Spielfeld: Wie digital ist das Fan-Erlebnis im Stadion? Zinnhardt: Da kann man nicht alles über einen Kamm scheren, stattdessen muss man mit richtigem Fingerspitzengefühl differenzieren. In den USA ist Dynamic Pricing bei Tickets beispielsweise normal, im deutschen Fußball wäre das ökonomisch zwar sinnvoll, kulturell aber ein Desaster. Auch die amerikanische Methode, Handydaten zu nutzen, um einem Fan, der sich dem Stadion nähert, gezielt Merchandising anzubieten, ist bei uns datenschutzrechtlich nicht akzeptabel. Wären Virtual-Reality-Erlebnisse für Fans im Stadion vorstellbar, ähnlich wie man es bei modernen Orchesterkonzerten schon sieht? Zinnhardt: Außerhalb des Stadions vielleicht, aber im Stadion selbst sehe ich das nicht. Der Stadionbesuch ist ein Gemeinschaftserlebnis, da will man sich nicht mit einer VR-Brille abschotten. Außerdem machen die TV-Gelder grob 40 Prozent unseres Umsatzes aus – diese Rechte dürfen wir durch digitale Eigenkreationen während des Spiels nicht kannibalisieren. Fernie: Es gibt andere Sportarten, die VR als reines Lerntool bereits nutzen. Wir beschäftigen uns ebenfalls damit. Es gibt Tools, mit denen auf dem Bildschirm exakt simuliert werden kann, in welche Richtung ein Spieler in einer bestimmten Szene geschaut hat. So kann theoretisch bewertet werden, ob ein Pass, der von der Tribüne aus logisch aussah, aus der Sichtweise des Spielers auf dem Platz überhaupt machbar war. Ist die Akzeptanz bei Trainern für solche Datenanalysen heute flächendeckend gegeben? Zinnhardt: Das war generell in allen Branchen vor zehn bis 15 Jahren noch völlig anders, da waren die handelnden Personen oft gar nicht willens, datenbasiert zu arbeiten. Heute ist es ein Kulturwandel. Wenn jemand sein Alleinstellungsmerkmal nur darin definiert, dass sein Bauchgefühl besser ist als das der anderen, sieht er Daten als Bedrohung. Auf den Fußball übertragen heißt das: Du kannst den besten Sportdirektor haben – wenn der Trainer das System ablehnt, hast du ein Problem. Man muss die Akzeptanz prozessual von vorne bis hinten durchsetzen. Dieses Mindset muss vom Präsidium über Trainerstab bis zum Recruiting und in der Verwaltung gelebt werden. Hier bewegen wir uns im Verein sehr geschlossen in dieselbe Richtung. Wie gewinnt Darmstadt 98 IT-Fachleute für Data Science, wenn Sie mit Techkonzernen konkurrieren? Zinnhardt: Der limitierende Faktor ist tatsächlich die geringe Anzahl an Fachleuten in diesem Bereich. Aber unsere Branche hat einen massiven Vorteil: Fußball ist voller Emotionen. Es ist für viele IT-Spezialisten einfach viel cooler, bei einem Profifußballverein zu arbeiten als in einem klassischen Softwareunternehmen. Der direkte Impact ist viel schneller zu erkennen. Könnte der Verein künftig eine Art Inkubator für Sports-Tech-Innovationen werden? Zinnhardt: Absolut. Wir haben bereits einen regelmäßigen Austausch mit der TU Darmstadt und nutzen die Innovationen der Studierenden. Wenn Techleute aus dem Sportbereich gute Ideen haben, sind wir total neugierig, daraus etwas Vernünftiges zu bauen. Unsere Türen stehen hier sehr offen für neue Impulse! Angenommen, Darmstadt steigt 2026 wieder in die erste Bundesliga auf – ist der Verein IT-technisch erstligatauglich? Zinnhardt: Die strikten Infrastrukturrichtlinien der DFL erfüllen wir jedenfalls (lacht). Wir treten bereits jetzt gegen Wettbewerber mit deutlich tieferen Taschen an. Deshalb ist diese professionelle und datengestützte Struktur zwingend nötig, um sich neben dem reinen Umsatzwachstum weiterzuentwickeln. Und genau deswegen arbeiten wir mit so viel Leidenschaft an diesen Themen.
