Themenausstellungen haben einen Haken. Es ist das Thema. An ihm hängt alles, aber es selbst hängt in der Luft. Dort schweben die großen Begriffe, die Menschheitsfragen und ewigen Wahrheiten, gemeinsam mit den Tagesparolen des Zeitgeists, den Ängsten und Hoffnungen der Epoche. Stichworte ballen sich zu Floskeln, Meinungen regnen sich ab, Blitze zucken durch das Dunkel, und nicht immer sind es solche der Inspiration. „Das Gegenteil von Jetzt“ ist das Motto der Ausstellung, mit der das Jüdische Museum Berlin (JMB) sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiert. Das Gegenteil von Jetzt kann auch das Einst sein, die Vergangenheit, aber im JMB ist natürlich die Zukunft gemeint. „Selten war unser Bedürfnis nach einer anderen Gegenwart so groß wie heute“, schreiben die Kuratorinnen Julia Friedrich und Shelley Harten in ihrer Einführung im Katalog. Deshalb haben sie die Abschrift eines Radiogesprächs von 1964, in dem Ernst Bloch und Theodor W. Adorno über „Möglichkeiten der Utopie heute“ reden, an zwölf international tätige Künstler und Künstlergruppen geschickt mit der Frage, ob ihnen dazu etwas einfiele. Sinnlose Panzer im Zeitalter des Drohnenkriegs Eine der Antworten ist postum. Alexander Kluge, ein großer Stichwortgeber und -nehmer des deutschen Geisteslebens, starb am 25. März in München, aber zuvor schickte er noch sieben KI-generierte Bilder von Kriegsmaschinen und einen Kurzfilm mit einem fiktiven Dialog zwischen Bert Brecht und Walter Benjamin nach Berlin. Der Dialog verlangt Geduld und Muße, die Kriegsmaschinenbilder versteht man sofort. Sie zeigen gewaltige, mit Kanonen und Soldaten vollgestopfte Panzerfahrzeuge, sinnlos und plump im Zeitalter des Drohnenkriegs und doch symbolisch gut gezielt ins Bewusstsein einer Gegenwart, in der Gewalt wieder zum selbstverständlichen Mittel von Machtpolitik geworden ist. An der Wand gegenüber hängt mit Andrea Büttners schwarz-weißen Holzschnitten das Gegenprogramm. Hier ist alles bildgewordener Text, die an Runen erinnernden knöchernen Formen ebenso wie die seitenverkehrt geschriebenen Sätze aus Blochs „Einleitung in die Philosophie“ auf einem der Blätter: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Vor Büttners Drucken liegen blauweiße Kolben aus Muranoglas, in die das Wort „Jetzt“ eingeschmolzen ist. Manche sehen wie Zepter aus, andere wie Schlagstöcke. Sprachgewalt und die Gewalt der Dinge. Rings um diesen anschaulichen Kern haben die Kuratorinnen zehn weitere künstlerische Arbeiten platziert. Fast alle sind Installationen, die Mehrzahl audiovisuell, manche auch nur visuell oder auditiv. Jede hat ihren eigenen Raum, bleibt für sich, redet mit sich selbst. Die stillste stammt von dem Choreographen William Forsythe. Er hat eine Bank an die Wand eines leeren Saals gestellt und dazu eine Gebrauchsanweisung in zwei Teilen geschrieben. Der erste fordert die Besucher auf, mit geschlossenen Augen von der Bank aus elf Schritte nach vorn zu gehen und sie anschließend mit derselben Schrittzahl im Rückwärtsgang wieder zu erreichen. Kaum jemandem gelingt es. Der zweite Teil verlangt, „ohne Rhythmus“, wie ein Blatt im Wind, aus dem Museum zu laufen. Wir haben es versucht. Es ist unmöglich. Aber es wäre ein guter Titel für die Ausstellung. Ihr Durcheinander ist Programm. Der Amerikaner Ari Benjamin Meyers hat einen Chor von Neunzigjährigen gegründet, die von ihm komponierte Stücke proben und ihre Mitbringsel für die Welt von morgen in Vitrinen präsentieren. Der Israeli Dor Zlekha Levy hat mit Musikschülern eine Esperanto-Hymne einstudiert. Die russische Exilkünstlergruppe Chto Delat hat ihre Pilgerfahrt zu einem verlassenen Radioteleskop in Armenien mit der Kamera dokumentiert. Der deutsche Videokünstler Daniel Laufer hat einen Kurzfilm über die Kunststudentin Lena gedreht, die auf den Spuren der frühneuzeitlichen Frankisten im Isenburger Schloss recherchiert. Der New Yorker Performancekünstler Arnold Dreyblatt lässt drei Schauspielerinnen Texte des deutsch-jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig auf Monitoren vorlesen. Und die Ukrainerin Dana Kavalina träumt in ihren Animationsfilmen von einer Zukunftswelt, in der die Kriegstoten wieder auferstehen und mit den Lebenden über die Schuldfrage verhandeln. Ein häufiger Gast im Jüdischen Museum Berlin ist die israelische Multimediakünstlerin Yael Bartana. Für die Ausstellung hat sie ein Video inszeniert, in dem eine Gruppe von Astronauten mit Vogelköpfen durch eine Mondlandschaft irrt, beim Sedermahl zum Auftakt des Pessachfests sitzt und schließlich über eine Art Himmelsleiter zu einem Raumschiff aufsteigt, um eine neue Menschheit zu gründen. Vor der Projektionswand steht ein aus Kugeln und Stäben gefügtes Raumschiffmodell. Die Animation ist handgemacht, der Raumkreuzer nach Science-fiction-Maßstäben nicht reisefähig, aber ihre Gedankenschwere trägt die Installation wie ein Luftkissen. Die Vogelmenschen verweisen auf Aristoteles und die Vogelkopf-Haggada, eine mittelalterliche Handschrift, das Schiffchen auf den Lebensbaum der Kabbala. Aus den Tiefen des Alls kommt dem Betrachter das Bonmot von Gottfried Benn in den Sinn, dass das Gutgemeinte in der Kunst der Feind des Guten sei. In dem Rundfunkgespräch zwischen Adorno und Bloch, das man an einer Medienstation im Zentrum der Ausstellung anhören kann, betont der Direktor des Instituts für Sozialforschung den Vorrang der Sprache vor der Realität. „In der Gewalt des Begriffs“, so Adorno, sei „das Moment seiner Wirklichkeit schon mitbeteiligt“ und nur deshalb utopisches Denken möglich. Bloch, der sprachmächtige Utopiker, meint dagegen etwas ganz anderes, wenn er von Hoffnung spricht, von der Kraft, sich eine andere Welt vorzustellen: „Hoffnung ist kritisch, Hoffnung ist enttäuschbar, Hoffnung ist umlagert von Gefahren, und sie ist das Bewusstsein der Gefahr.“ In der Berliner Ausstellung gibt es genau eine Installation, die auf der Höhe dieses Satzes ist. Sie stammt von Alona Rodeh, die in Israel geboren wurde und in Berlin lebt. Rodeh hat eine Mauer ins Jüdische Museum gebaut, eine Replik der Klagemauer in Jerusalem, die seit dem Sechstagekrieg ein Zentralort jüdischen Lebens und ein touristischer Hotspot ist. Man tritt in einen dunklen, von rhythmischem Klatschen, Stampfen und Pfeifen erfüllten Raum, und plötzlich schießen Lichtstrahlen aus den Spalten des Gemäuers, Bedrohung und Verheißung zugleich. Ein unsichtbarer Faden verbindet diesen zerbrechenden Wall mit den Kriegsmaschinen des Alexander Kluge – nicht etwa, weil beides so weit von der Gegenwart entfernt wäre, sondern weil es im Gegenteil so fest im Hier und Jetzt verwurzelt ist, in einer Welt, die seit dem 11. September, dem 24. Februar und dem 7. Oktober auch im Nachkriegseuropa kein sicherer Ort mehr ist, wenn sie je einer war. Der Rest sind Worte. Gefilmte, geschriebene, gesungene und bebilderte Worte, Erklärungssätze, die dem Hingestellten über die Klippe seiner Unanschaulichkeit helfen sollen. Man braucht, wenn man das alles anhören und absitzen will, einen ganzen Tag, oder man flieht nach kurzer Zeit aus dem Tunnel der Beliebigkeiten ins Freie. Eine mittlere Verweildauer ist kaum möglich, es sei denn, man beschränkt sich auf die wenigen Stationen, auf die es ankommt. Themenausstellungen haben einen Haken, aber auch einen Vorteil: Sie zeigen den Unterschied zwischen Künstlern, die ein Motto, eine These, einen Begriff für ihre Arbeit brauchen, und jenen, die wirklich etwas zu sagen haben. Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart. Jüdisches Museum Berlin, bis 10. Januar 2027. Der Katalog kostet 39,90 Euro.
