FAZ 22.07.2026
09:30 Uhr

Invasive Pflanzenart: Mit Booten und Mistgabeln gegen die Wasserpest


Warmes Wetter, niedriger Wasserstand und viele Nährstoffe sind Zutaten, die zu einer explosionsartigen Vermehrung der Wasserpest führen. Für Bootsvereine im Rhein-Main-Gebiet sind die Pflanzen ein echtes Problem.

Invasive Pflanzenart: Mit Booten und Mistgabeln gegen die Wasserpest

Durch das Hafenbecken in Wiesbaden-Schierstein rattert ein Boot. Für Beobachter unsichtbar entfernt es unter Wasser mit einem Schneidwerk Pflanzen vom Grund. Ein zweites Boot mit einem Fangkorb am Bug dreht Runden, fischt massenhaft triefende, tiefgrüne Pflanzenreste aus dem Wasser und legt sie auf einem Steg ab. Ein paar Meter weiter ziehen Ehrenamtliche mit Mistgabeln und Rechen die Pflanzen aus dem Wasser und schaffen sie mit Schubkarren zu einem Container. Unter Federführung des Wiesbadener Yachtclubs und mit Beteiligung benachbarter Vereine läuft eine mehrtägige Aktion, bei der die sogenannte Wasserpest gemäht und beseitigt wird. Besonders in diesem Jahr vermehrt sich die Wasserpflanze geradezu explosionsartig in Seitenarmen von Gewässern oder Hafenbecken mit wenig Strömung. Und sie bereitet Probleme. Das Bild ist an mehreren Orten in Hessen und in Rheinland-Pfalz das gleiche, die Wasserpest wuchert bis zu zweieinhalb Meter lang vom Grund bis an die Wasseroberfläche. Sie kann sich in Bootsschrauben verfangen, sich um Paddel oder Ruder legen. Beim Wiesbadener Yachtclub kennt man das zwar schon seit Jahren, wie das für Umwelt zuständige Vorstandsmitglied Andreas Kummer sagt. Doch diesmal sei es extrem. Schon Anfang Juni sei gemäht worden, nun sei das abermals nötig. Ansonsten wäre kein Trainingsbetrieb mehr möglich. Die Beseitigung ist eine regelrechte Sisyphusarbeit Es geht vor allem um die Kanadische Wasserpest (Elodea canadensis) sowie die Schmalblättrige Wasserpest (Elodea nuttallii). Beide wachsen unter den richtigen Bedingungen sehr schnell. Die Beseitigung ist eine regelrechte Sisyphusarbeit. Aber anders gehe es nicht, sagt Kummer. Noch nie sei der Bewuchs so stark gewesen, noch nie habe er so weit in das Hafenbecken hineingereicht, sagt Stefan Hausmann, Vorstandsmitglied beim Wassersport-Verein Schierstein. Unter anderem seien Regatten und ein Bootskorso abgesagt worden. Wettkämpfe seien unter den Bedingungen nicht möglich. Ähnlich sieht es rheinaufwärts aus. Vereine aus dem Hafen Germersheim hätten „zentnerweise“ Wasserpest aus dem Wasser geholt, sagt Gisbert König, Präsident des Landesverbandes Motorsport Rheinland-Pfalz. In dem Hafen trainiere die Verbandsjugend, auch das sei kaum noch möglich. Arbeit mit Mähboot oder Egge Weil das Wasser in dem Hafen tiefer sei als in anderen Bereichen, könne hier nicht mit einem Mähboot gearbeitet werden, sagt König. Stattdessen wird der Bewuchs mit einer Egge am Grund abgerissen – ebenfalls ein mühsames Unterfangen. Der Segel- und Motoryacht-Club Koblenz an der Mosel spricht gleichermaßen von „reichlich Wasserpest-Pflanzen“. Hier sei das Ganze aber noch zu beherrschen. Wenn in Bereichen mit wenig Strömung der Wasserstand niedrig ist, wie derzeit im Schiersteiner Hafen, dringt Licht bis auf den Grund und befeuert das Wachstum der Pflanzen, wie Wolfgang Demmer vom Wiesbadener Yachtclub sagt. Außerdem spüle der in das Hafenbecken mündende Lindenbach reichlich Nährstoffe ein. In Zonen mit geringer Strömung sammelten sich oft feinere Bodensubstrate, teilt das Landesamt für Umwelt (LfU) Rheinland-Pfalz in Mainz mit. Die würden bevorzugt von Elodea besiedelt. Auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Rhein sieht in diesem Jahr ein größeres Wachstum. Am Schiersteiner Hafen haben die Helfer eine kleine Pause eingelegt, es gibt Pizza zur Stärkung. „So haben wir das noch nicht erlebt“, sagt Kummer. Das eine Arbeitsboot ist eine ganze Woche gemietet, das zweite für zwei Tage. Den Verein kostet das mehrere Tausend Euro und viel Schweiß von Ehrenamtlichen, wie Kummer sagt. „Es braucht eine Menge Energie.“ Am Ende wird es trotz allem nur um eine vorübergehende Lösung gehen. Denn die Wasserpest ist „sehr dominant“, wie Katharina Albert aus der Abteilung Naturschutz des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Wiesbaden sagt. Sie wachse schnell wieder, überwuchere andere Pflanzen und verbreite sich vegetativ. Wenn ein Vogel Teile mitschleppe und andernorts fallenlasse, wachse sie dort.