FAZ 30.09.2026
08:32 Uhr

Influencerin Vapaux: In zehn Jahren möchte ich mein Girl sorglos küssen


Die Blicke, das Schreien, das Angefasstwerden: Der Wunsch nach einem Land, das queere Menschen in Ruhe lässt – und wirklich beschützt.

Influencerin Vapaux: In zehn Jahren möchte ich mein Girl sorglos küssen

Ich bin 14 Jahre alt, steige auf mein wackeliges IKEA-Prinzessinnenbett, klettere durch das Dachfenster, setze mich auf die roten Tonziegel und starre auf die Alpen. Nachts liege ich auf pfirsichfarbenen Kissen und schaue durch die weite Fensterscheibe hinauf zu den Sternen. Ich glaube fest an eine Version der Zukunft und kenne noch nicht den Unterschied zwischen einer Vision und einem Traum. Ich träume davon, erwachsen zu sein, Menschen zu küssen, zu tanzen und mich aufzulösen, Bücher zu schreiben und dafür ernst genommen zu werden. Es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass ich irgendeinen Nachteil haben könnte. Das Grundgesetz bietet mehr Schutz, als die meisten Menschen auf dieser Welt haben Ich glaube, ich kann alles schaffen, weil Deutschland ein sehr progressives Land ist und ich noch nicht genug erlebt habe, um zu verstehen, dass meine Würde antastbarer ist als die von anderen. Nicht rechtlich natürlich. Das Grundgesetz bietet mehr Schutz, als die meisten Menschen auf dieser Welt haben. Aber antastbar, weil es trotzdem Menschen gibt, die mich anfassen können und fast immer damit davonkommen. Es sind die Leerstellen und blinden Flecken, die ich mit 14 noch nicht sehen konnte, weil Eltern sehr gut darin sind, ihre Kinder anzulügen. Sie nennen es „die Kinder vor der Welt beschützen“. Das ist auch gut so, das ist ihre Aufgabe. Sie sind sehr gut darin zu hoffen, dass das Land, in dem sie leben, sich in den Dekaden, in denen es um die Sonne gesaust ist, grundlegend verändert hat. Das hat es auch, sicherlich. Ich wäre nicht gerne früher geboren. Jede Frau, die ich kenne, hat solche Erfahrungen gemacht Aber in dem Deutschland, in dem ich lebe, gibt es keine Gleichberechtigung. Um die steht es weltweit schlecht: Der „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums und die Vereinten Nationen haben festgestellt, dass kein Land der Welt vollständige Geschlechtergleichstellung erreicht hat. Trotzdem ist alles sehr einfach für mich. Ich habe einen Migrationshintergrund, den man mir nicht ansieht, dazu das bayerische Abitur, ein Auslandsjahr, Eltern, die mich lieben und mich unterstützen. Sicherheit, Bildung und Privilegien. Es ist wirklich alles sehr einfach für mich, außer der Sache mit den Girls. Ich sage Girls, weil ich noch nicht ganz verstanden habe, wie man eine Frau ist. Wenn ich Girls küsse, vor allem die, die aussehen wie ich, mit langen Haaren und kurzen Röcken, dann kommen sie. Sie stellen sich zwischen uns, greifen uns an die Schultern. Über Straßen hinweg schreien sie, aus Autos heraus wird gepfiffen. Es sind doch nur Komplimente, sagen sie und verstehen nicht, wie schnell ein Kompliment in Gewalt hinüberkippt. Jede Frau, die ich kenne, hat solche Erfahrungen gemacht, ganz egal neben wem sie nachts einschläft. Der Anschlag auf die CSD-Parade Es sind Männer, die sagen wollen: Schau mal her, ich existiere. Ich will, dass du weißt, dass ich stärker bin als du. Ich könnte dich zerknicken wie ein Origami­schiff, wenn ich will. Sie blasen sich auf, lachen, um irgendwas zu probieren, das noch nie wirklich funktioniert hat. Sie glauben, es habe nichts mit Gewaltandrohung zu tun. Man darf doch wohl noch gucken, man darf doch wohl noch grölen. German stare, German stare, sagen sie in Amerika und im Internet. Ich weiß nicht, ob es hier wirklich schlimmer ist als woanders, weiß, dass es das nicht ist. Es sind oft dieselben Männer, die sich beschweren, dass so ein Zirkus um queere Rechte gemacht wird. „Warum brauchen die eine Parade, wo ist unsere Parade?“, sagen sie. Aber jeden Tag auf die Straße zu gehen, nicht überlegen zu müssen, was man anzieht, weil die körperliche Unversehrtheit davon abhängt, keine Unsummen für Taxis ausgeben zu müssen, in denen man letztendlich genauso ausgeliefert ist wie überall sonst: Das ist eure Parade, jeden Tag. Das schreibe ich vor dem 25. Juli und suche nach einem Beispiel, das verstehen lässt, warum diese Schutzräume, das Tanzen und das Feiern des Lebens, trotz und wegen der Gewalt immer noch gebraucht werden. Zwei Wochen später: der Anschlag auf die CSD-Parade. Eine Frau stirbt, 29 Menschen werden teilweise schwer verletzt. Die Regierung inszeniert sich nur als Beschützerin Bitterschwarz denke ich, hier hast du dein Beispiel. Dieser Angriff, diese Eskalationsstufe und die Sprachlosigkeit, die folgt – sie sitzen auf demselben Kontinuum aus oft so unsichtbarer Gewalt wie die Beleidigungen und Blicke, mit denen wir gelernt haben zu leben. Jetzt ist sie in der „Tagesschau“ und im Bundestag, und dieselbe Regierung, die Förderungen queerer Projekte kürzt und sich weigert, zum CSD die Regenbogenflagge zu hissen, inszeniert sich nun als unsere Beschützerin, um Forderungen nach mehr Abschiebungen und einer weiteren Verschärfung der Migrations- und Sicherheitspolitik zu legitimieren, weil der CSD-Attentäter islamistisch motiviert war. Aber der Statistik des Bundeskriminalamts zufolge sind 38 Prozent der zwischen 2010 und 2023 erfassten Hassstraftaten gegen queere Menschen rechtspolitisch motiviert. Sechs Prozent der Täter verfolgen demnach ausländische oder religiöse Ideologien. Dem Großteil der erfassten Fälle kann laut BKA allerdings keine eindeutige Tatmotivation zugeordnet werden. Ich möchte nicht kämpfen und nicht diskutieren, weiß, dass es keine Alternative gibt in dem Deutschland hier und jetzt. Vielleicht in zehn Jahren, denke ich, und will es eigentlich schon seit vorgestern: einfach nur durch Kreuzberg laufen, am Walchensee auf einer Wiese liegen, auf die Alpen starren und das Girl, in das ich verliebt bin, küssen, ohne zu schauen, wer hinsieht, ohne die Blicke wie Keile im Rücken zu spüren. Ich will auf Partys gehen und nicht angestarrt werden, ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Männer, die sich gegenseitig ermutigen, bessere Männer zu werden Ein sich mit progressiven Werten schmückender Podcaster hat letztens auf die Frage, ob er sich kritisch einschaltet, wenn andere Männer sexistische Witze machen, geantwortet: „Kannst du verstehen, dass das schwer ist?“ Hin und wieder mache er es, aber in einer Gruppe Männer zu sagen: „Leute, das war jetzt ein richtig doofer Witz“, sei auch ganz schön heavy. Er findet es beängstigend. Ich finde beängstigend: Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Seit Jahren steigt die polizeilich erfasste Zahl an Hassstraftaten gegenüber queeren Menschen. Die Dunkelziffer ist ein eigener Ozean. Aber ja, es ist total heavy, mal aushalten zu müssen, dass etwas unangenehm ist. Fast so unangenehm wie Gewalt? Eigentlich wünsche ich mir ein Land, in dem Männer sich gegenseitig ermutigen, bessere Männer zu werden, für den Rest von uns. Ich wünsche mir ein Deutschland, in dem meine schwarzen Freunde keine Angst haben müssen. Ein Deutschland, in dem Transfrauen die Girls sein dürfen, die sie schon immer waren, in dem muslimische Frauen mit Kopftuch nicht erklären müssen, dass sie hierhergehören. Ich wünsche mir ein Land, in dem ein Anschlag auf eine Minderheit nicht dafür genutzt wird, eine andere auszugrenzen. So frei, wie das Grundgesetz es mir als Mädchen versprochen hat In zehn Jahren bin ich Mitte dreißig, und ich hoffe, dass ich genauso mutig bin wie jetzt, vielleicht sogar noch mutiger. Dass mir die Blicke, das Schreien und das Angefasstwerden egal sein können, weil es gar nicht mehr passiert. Ein Leben ohne Gefahr zwischen süddeutschen Seen, Feldern und den heißen Betonhöllen der Großstädte. In zehn Jahren möchte ich mein Girl, das ich mittlerweile Frau nenne, sorglos küssen, über Limonenpasta und in der U-Bahn. Von der Ostsee bis zur Zugspitze. Ich will so frei sein, wie das Grundgesetz es mir als Mädchen versprochen hat, in meinen kurzen rosafarbenen Röcken, in meinen High Heels und wenn mein Top vom Schweiß auf der Tanzfläche durchsichtig wird. Ich will ein Deutschland, das uns einfach in Ruhe lässt, und eins, das uns wirklich beschützt. Valentina Vapaux ist Influencerin, Journalistin und Autorin. Buch: „Generation Z – Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt“ (Gräfe und Unzer).