FAZ 30.09.2026
14:40 Uhr

Inflationssorgen: Der Kaufkraft-Irrtum


Tanken ist teuer, die Inflation steigt. Es stimmt aber nicht, dass der Alltag für Normalverdiener unbezahlbar wird. Die Bundesregierung tut sich keinen Gefallen, wenn sie dieses Narrativ übernimmt.

Inflationssorgen: Der Kaufkraft-Irrtum

Sie fühlen es doch auch – alles wird immer teurer! Benzin, Brot, Butter, das Geld rinnt nur so durch die Hände. Die steigenden Preise sind inzwischen die größte Sorge der Deutschen. Das Leben, so scheint es, wird unbezahlbar. Und es stimmt ja auch: Tanken tut weh, die Inflation ist im September auf 3,3 Prozent gestiegen. Und dennoch muss einmal gesagt werden: Es ist halb so schlimm. Die „Bezahlbarkeitskrise“ ist in weiten Teilen ein Mythos. Denn was chronisch ausgeblendet wird, sind die gestiegenen Löhne. Ja, die Preise sind hoch, aber die Löhne (und Mindestlöhne) sind in den vergangenen Jahren mindestens genauso stark gestiegen. Natürlich gibt es ärmere Menschen, die von der Inflation stärker getroffen werden und den Gürtel noch enger schnallen müssen. Aber in der Masse ist das nicht der Fall. Das sehen nicht nur kaltherzige Besserverdiener so, sondern auch Forscher des gewerkschaftsnahen Instituts IMK. Die Kaufkraft sei zwar nach der Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine gesunken, aber schon 2024 sei das wieder aufgeholt worden. Wir fühlen uns ärmer, als die Zahlen es zeigen, bilanzieren sie. Die verzerrte Wahrnehmung ist kein Zufall. Zum einen preisen wir gestiegene Kosten für Dinge, die wir häufig kaufen, überproportional stark in unsere persönliche Inflationserwartung ein. Das teure Benzin lässt die günstige Waschmaschine und das billigere Auto vergessen. Zum anderen lässt sich mit den hohen Preisen Politik machen: Linke wie rechte Populisten skandalisieren mit freundlicher Unterstützung der Boulevardmedien jede Preisspitze als Regierungsversagen. Die wiederum lässt sich von der Stimmung treiben und beschließt den nächsten Tankrabatt, der Steuerzahler 2,5 Milliarden Euro kosten wird. Regierung nimmt sich Argumente für Reformen Die Regierung schwächt sich mit diesem Vorgehen selbst. Denn wer Preise staatlich dämpft, gesteht implizit ein, dass den Bürgern schon jetzt zu viel zugemutet wird. Wie soll ein Kanzler, der wegen höherer Spritkosten die „Belastungsgrenze“ erreicht sieht, den Menschen Reformen vermitteln, in denen Leistungen erst mal gekürzt werden, damit es wieder besser wird? Das dies im Fall der Pflegereform gelungen ist, ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.