FAZ 15.03.2026
17:09 Uhr

Hoeneß poltert nach 1:1: Top-Spiel ins Abseits gestellt


Beim 1:1 in Leverkusen spielen die Bayern zuletzt mit neun gegen elf und sind doch verärgert. Das liegt an der Schiedsrichter-Wissenschaft und der Sicht der Bayern-Führung.

Hoeneß poltert nach 1:1: Top-Spiel ins Abseits gestellt
Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Eigentlich bot das 1:1 des FC Bayern in Leverkusen einen guten Anlass für die Münchner, sehr zufrieden nach Hause zu fliegen. Sie haben nach dem Sieg in Dortmund zwei Wochen zuvor auch das nächste schwere Auswärtsspiel ohne Niederlage überstanden. Der Vorsprung in der Tabelle beträgt neun Punkte, die Meisterschaft wird den Bayern kaum zu nehmen sein. Der Tabellenführer hatte sogar das Kunststück vollbracht, in Unterzahl ein Ausgleichstor zu schießen und am Ende fast 20 Minuten zu neunt ohne weiteren Gegentreffer überstanden. Und doch war der Trainer unzufrieden. „Gemischte Gefühle“ habe diese Partie in ihm ausgelöst, sagte Vincent Kompany, was unterschiedliche Gründe hatte. Die gelb-rote Karte für Luis Diaz ärgerte den Coach, „weil er nächste Woche“ fehlt. Zwar ist der Ausfall genauso verkraftbar wie die beiden verlorenen Punkte, aber beim FC Bayern geht es in dieser Saison nie nur um den anhand von Punkten messbaren Erfolg. Wichtig ist immer auch eine Haltung: dieser niemals gestillte Hunger, den das Team und seine Trainer kultiviert haben. Vermutlich spielte auch das eine Rolle in Kompanys Gefühlsmix, denn im Gestrüpp der vielen Diskussionen, die dieses wilde Fußballspiel ausgelöst hatte, wurde ein Aspekt am Ende kaum mehr wahrgenommen: In der ersten Halbzeit, als noch elf Leverkusener gegen elf Bayern spielten, ließen sich ungewohnte Nachlässigkeiten im Spiel der Münchner erkennen. Besonders deutlich wurde das während des Zweikampfes, den der 18 Jahre alte Montrell Culbreath unmittelbar vor dem 1:0 (6. Minute, Aleix Garcia) für die Rheinländer gegen den allzu lässigen Diaz gewann. Solche Momente des reduzierten Energieeinsatzes erlauben sich die Münchner selten, was zu den wichtigsten Stärken in dieser Saison zählt. Vorstellbar ist sogar, dass die schlechte Laune von Uli Hoeneß etwas mit diesem Eindruck zu tun hatte, jedenfalls formulierte der Aufsichtsrat den wohl meistzitierten Satz des Bundesligawochenendes: „Das ist die schlechteste Leistung eines Schiedsrichter-Teams, die ich je bei einem Bundesligaspiel erlebt habe.“ Dieses an die „Bild“-Zeitung übermittelte Urteil ist an Härte kaum zu überbieten und lässt sich kaum alleine mit den Pfiffen von Christian Dingert erklären. Schließlich ist Hoeneß als Funktionär seit 1978 fast durchgängig fester Bestandteil des Ligaalltags. In diesen beinahe fünf Jahrzehnten gab es zweifellos viele schlechte Schiedsrichterentscheidungen. Am Samstag hatte das Team um Christian Dingert in einem komplizierten Spiel vieles richtig gemacht und sich erfreulicherweise auch nicht von den protestierenden und manchmal auch jammernden Bayern einschüchtern lassen. Ein Treffer von Jonathan Tah war annulliert worden, außerdem hatte der VAR veranlasst, dass Nicolas Jackson kurz vor der Pause mit einer roten Karte vom Platz flog; diese beiden Eingriffe waren richtig. Umstritten war hingegen, dass ein Tor von Harry Kane wegen eines vorangegangenen Handspiels nicht zählte. Und den Platzverweis durch eine gelb-rote Karte für Diaz, in dessen Folge die Münchner fast 20 Minuten zu neunt spielten, bezeichnete Dingert später als Fehler. Aber auch das lässt sich anders betrachten, weil Diaz den Kontakt provozierte und schon vorher mit seiner Sturzbewegung begann, was eher für eine Schwalbe und die gelbe Karte spricht. Was die bloße Quote der falschen Entscheidungen betrifft, war die Partie unauffällig. Das änderte sich auch nicht, als in der Nachspielzeit noch ein Tor für Leverkusen zurückgenommen wurde, weil die computergestützte Abseitstechnik zu dem Ergebnis kam, dass sich die Schulter des Torschützen Jonas Hofmann einige Millimeter im Abseits befunden hatte. Auch ohne ganz schlimme Fehler blieb reichlich Stoff für Diskussionen und der Eindruck, dass die Sache mit dem Videoassistenten nicht mehr zu retten ist, im Zeitalter der vollständigen Kameraüberwachung, unter der so ein Topspiel stattfindet. Debatten hätte es auch ohne VAR gegeben Denn eins ist klar: Auch ohne VAR hätte es heftige Debatten gegeben. Weil das versehentliche Handspiel von Tah vor dem ersten zurückgenommenen Münchner Tor mit bloßem Auge kaum sichtbar war, genau wie die Abseitsstellung von Hofmann und Kanes Ballkontakt mit dem Ellbogen. Wie immer, wenn der VAR gerade etwas überprüft, wurde vor der Nordkurve der Leverkusener ein Banner aufgespannt, auf dem steht: „Ihr macht Euch zum Affen. Videobeweis abschaffen!“. Aber diese Forderung ignoriert die Entwicklung des modernen Fußballs. Das Spieltempo ist seit Einführung des „Kölner Kellers“ noch höher geworden, und die immer aufwendigere TV-Produktion mit ihren hochauflösenden Kameras und den Superzeitlupen hebt Details hervor, die in den meisten der Hoeneß-Jahrzehnte unsichtbar geblieben sind. Schiedsrichter Dingert erwähnte am Ende noch die kommende Saison, in der es erlaubt sein wird, nach Platzverweisen durch gelb-rote Karten die zweiten gelben Karten zu überprüfen. So einen Fall wie mit Diaz am Samstag soll es dann nicht mehr geben. In der Rückschau hatte dieser mitreißende Bundesliganachmittag durch diese Vorgänge etwas Tragisches, weil alle Beteiligten sich so weit vom Kern des Spiels entfernt hatten. „Es war ein Topspiel mit zwei sehr guten Mannschaften auf einem hohen Level“, sagte Leverkusens Trainer Hjulmand, dessen Klub am Mittwoch beinahe gegen den FC Arsenal und nun am Samstag beinahe gegen Bayern München gewonnen hätte. Der Teenager Culbreth hatte beeindruckend gespielt, es war über mehr als 100 Minuten hochspannend. Und die Bayern schafften es erst in Unterzahl, ihr übliches Energielevel zu erreichen, was nicht allzu oft passieren darf, damit sich keine Auswirkungen auf den DFB-Pokal und die Champions League ergeben. Die Schiedsrichter-Wissenschaft hatte alle anderen Themen dieses schönen Fußballabenteuers überlagert, was sich mit guten Argumenten als größtes Ärgernis des VAR-Zeitalters betrachten lässt.