Sechs Jahre nach „Stern 111“ legt Lutz Seiler seinen dritten Roman vor. „Das tickende Herz“ setzt die Geschichte des Dichters Carl Bischoff fort und führt ihn bis auf das frühere sowjetische Atomtestgelände in der kasachischen Steppe. Den Erscheinungstermin hat Seiler bewusst so spät legen lassen, dass das Buch für den Deutschen Buchpreis nicht infrage kam. Mit ihm beginnt unsere Auswahl aus der Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse, die vom 7. bis 11. Oktober stattfindet. Aus Tschechien, dem diesjährigen Ehrengast, kommt Jáchym Topols Roman „Die Hölle gibt es nicht“, der am Morgen des russischen Überfalls auf die Ukraine einsetzt. Colson Whitehead beschließt mit „Cool Machine“ seine Harlem-Trilogie im New York der Achtzigerjahre. Dazu besprechen wir Teresa Präauers schmale Tränenkunde „Nie mehr weinen“ und die Erinnerungen, die Leonard Woolf an seine sieben Jahre als Kolonialbeamter auf Ceylon aufgeschrieben hat. Letzte Zuflucht Kasachstan Auf Heimatsuche in der Unterwelt: Lutz Seilers neuer Roman „Das tickende Herz“ erzählt von einem Schriftsteller, der wider besseres Wissen, aber nicht widerwillig zum Menschheitserlöser wird. „Hat Seiler nun einen weiteren Epochenroman geschrieben, wie er vom Publikum in ‚Kruso‘ erkannt und in ‚Stern 111‘ verkannt wurde?“, fragt unser Rezensent Andreas Platthaus. „Nein, er will diesmal mehr, einen Erlösungsroman, und dazu gehört die Selbstaufgabe seines Alter Egos. Auch wenn Carl zurückkehrt aus der kasachischen Steppe nach Berlin, ist ihm doch der Boden ganz buchstäblich unter den Füßen weggezogen.“ Zur vollständigen Rezension Lebenslügen und Kriegsängste Von einem alternden Journalisten und der Sorge, die Russlands Überfall auf die Ukraine in Tschechien entfacht: Jáchym Topol legt mit dem Roman „Die Hölle gibt es nicht“ sein Meisterstück vor. In einer Prager Touristenkneipe beschimpft ein Kellner im Kettenhemd die Gäste, weil das zum pseudomittelalterlichen Ambiente gehört, und gibt sich als Privatdozent für Mediävistik zu erkennen, der hier ein Vielfaches seines Unigehalts verdient. In dieser Episode, schreibt unser Rezensent Tilman Spreckelsen, „spiegelt sich nicht nur Tomáš’ augenblickliche Lage, sondern auch die seiner Generation und die seines Landes in aller Unsicherheit nach Jahren der scheinbaren Konsolidierung“. Die Übersetzerin Eva Profousová hat den Roman, so Spreckelsen, „prägnant und mit sprachbewusster Originalität ins Deutsche gebracht“. Zur vollständigen Rezension Eine Flasche Tränen, bitte! „Nie mehr weinen“, kann das wirklich ein Lebensziel sein? Die österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer liefert eine Tränenkunde für Fortgeschrittene. Knapp hundert Seiten über das Weinen, ursprünglich eine Vorlesung, in der Befunde von Lessing bis Panofsky Seite um Seite übergangslos aneinandergereiht wirken. Dass das Buch dennoch in eine Literaturbeilage gehört, begründet unser Rezensent Jan Wiele damit, dass „kurioserweise gerade in der Schroffheit des Stils, der Nüchternheit und der bloßen Aufzählung eine Art negative Literarizität zu liegen scheint“. Es entstehe „eine Form der Leerstellenprosa, rezeptionsästhetisch zu füllen vom Leser mit seiner je eigenen Tränenbiographie“. Zur vollständigen Rezension Gangster und Galeristen spielen dasselbe Spiel Colson Whitehead lässt das schillernde, brutale New York der Achtzigerjahre auferstehen. Die Stadt verdrängt ihre Bewohner und erfindet sich neu. „Cool Machine“ ist der fulminante Abschluss seiner Harlem-Trilogie. „Whiteheads New York ist eine vertikale Gesellschaft“, schreibt unsere Rezensentin Sandra Kegel: „Je höher die Gebäude in den Himmel wachsen, desto tiefer fallen die Ausgeschlossenen. Whitehead durchbricht diese schicksalhafte Düsternis mit seiner eigentümlichen Komik, für die Nikolaus Stingl als Übersetzer ein gutes Gespür hat. Denn er erzählt von Eheproblemen und dem Empty-Nest-Syndrom ebenso rasant wie von Raubzügen und Killern.“ Zur vollständigen Rezension Es war traurig, fast zum Verrücktwerden Seine Kolonialkollegen verfassten schreckliche Gedichte über Elfen, Leonard Woolf aber schrieb präzis beobachtete Erinnerungen auf: „Sieben Jahre in Ceylon“. Von 1904 an diente der junge Leonard Woolf als Kolonialbeamter auf Ceylon und verwaltete bald einen ganzen Bezirk an der Südküste der Insel. Kiplings Begeisterung für den Imperialismus sei ihm dabei ebenso fremd wie Orwells Abscheu, schreibt unser Rezensent Jürgen Kaube: „Ihn interessiert viel mehr die Deformation aller sozialen Beziehungen und Charaktere durch den Kolonialismus diesseits roher Gewalt, und er nimmt sich von ihr nicht aus. Das Nachwort des Übersetzers weist auf die signifikanten Auslassungen hin, die sich selbst dieser große Autobiograph genehmigte. Sie ändern nichts an der Dichte seiner Beschreibungen und der Schärfe seiner Beobachtungen.“ Zur vollständigen Rezension
