Die Inflationsrate im Euroraum belief sich im Juli auf 2,9 Prozent. Das hat das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg am Freitag aufgrund einer ersten Schätzung mitgeteilt. Im Juni hatte die Rate 2,8 Prozent betragen, nach 3,2 Prozent im Mai und 3,0 Prozent im April. Weiterhin sind es insbesondere die hohen Energiepreise, von denen die Inflation getrieben wird. Sie sind nicht die einzigen Preise, die steigen; aber sie dominieren das Inflationsgeschehen. Anders als noch vor einiger Zeit legen die Lebensmittelpreise im Durchschnitt nicht so stark zu, auch wenn sich einzelne Nahrungsmittel wie Eier oder Fisch deutlich verteuern. „Nach wie vor inflationieren auch die Dienstleistungen stark“, hebt Friedrich Heinemann hervor, Ökonom am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Der Anstieg der Energiepreise auf Jahressicht belief sich auf 10,0 Prozent, nach 8,5 Prozent im Juni. Lebensmittel, Alkohol und Tabak verteuerten sich um 1,2 Prozent, nach 1,5 Prozent im Juni. Dienstleistungen wurden 3,3 Prozent teurer, nach 3,2 Prozent im Juni. Die Kernrate der Inflation, das ist die Teuerung ohne Energie und Lebensmittel, erreichte 2,5 Prozent, nach 2,4 Prozent im Juni. Das und die gestiegene Dienstleistungsinflation könnten auf sogenannte Zweitrundeneffekte hindeuten, meinte der Ökonom Karsten Junius von der Bank J. Safra Sarasin: andere Preise, die auf die höheren Energiepreise reagieren. Commerzbank-Ökonom Vincent Stamer kommentierte, dies dürfte der Auftakt für eine steigende Kernrate sein: „Denn im weiteren Verlauf des Jahres werden Unternehmen ihre gestiegenen Energiekosten wohl noch stärker an ihre Kunden weitergeben.“ Je nach Euroland ist die Entwicklung dabei unterschiedlich. In Deutschland hatte die Inflation im Juni einen regelrechten Sprung gemacht. Nach dem Harmonisierten Verbraucherpreis-Index (HVPI), der für Vergleiche mit anderen Euroländern verwendet wird, stieg sie auf 2,8 Prozent, nach 2,4 Prozent im Juni. In den Monaten Mai und Juni hatte der Tankrabatt die Inflationsrate in Deutschland künstlich gedrückt. „Der Rückgang der Inflation im Juni ist im Juli komplett wieder aufgezehrt worden“, kommentierte Michael Heise, Chefvolkswirt von HQ Trust. Frankreich erreicht 2,4 Prozent Auch in Frankreich stieg die Inflationsrate überraschend deutlich. Nach 2,0 Prozent im Juni belief sie sich im Juli auf 2,4 Prozent. Analysten hatten im Durchschnitt mit einer Stagnation gerechnet. Der mit Abstand stärkste Preistreiber im Juli waren auch in Frankreich die Kosten für Energie. Hier meldet das Statistikamt im Jahresvergleich einen Anstieg um 12,4 Prozent. Nach staatlichen Eingriffen in den Energiesektor war die Inflation in Frankreich für einige Zeit sehr niedrig gewesen. In Spanien hat sich die Inflation von einem hohen Niveau aus beschleunigt. Sie stieg von 3,6 Prozent im Juni auf 3,8 Prozent im Juli. Volkswirte hatten im Durchschnitt lediglich mit 3,7 Prozent gerechnet. In Spanien war auch schon in früheren Wellen mit einem hohem Ölpreis zu beobachten gewesen, dass dieser sich stärker als hierzulande auf die Inflationsrate insgesamt auswirkt. In den Niederlanden gab es wie in Deutschland einen Sprung nach oben. Im Juni hatte die Rate 2,5 Prozent betragen, im Juli erreichte sie 2,9 Prozent. In Italien sank die Inflationsrate leicht, von 3,0 auf 2,9 Prozent. Auch im neuen Euroland Bulgarien ging die Rate zurück, von hohen 5,2 auf 4,1 Prozent. In Griechenland sank sie von 3,9 auf 2,7 Prozent, in Kroatien von 4,2 auf 3,6 Prozent. Die höchste Inflationsrate im Euroraum hat jetzt Litauen mit 5,6 Prozent. Die niedrigste Rate hat Estland mit 2,0 Prozent vor Malta mit 2,1 Prozent. Auf Malta sind die Benzinpreise für einige Zeit staatlich fixiert. Zinserhöhung sehr wahrscheinlich Die Europäische Zentralbank (EZB) macht im Moment Sommerpause, im August gibt es keine Zinssitzung. Die nächste Zinsentscheidung steht am 10. September an, dann trifft sich der EZB-Rat ausnahmsweise in Berlin. Einmal im Jahr kommen die Notenbanker in einer anderen Stadt als Frankfurt zusammen: Normalerweise passiert auf diesen Auswärtssitzungen geldpolitisch nicht so viel. Diesmal wird an den Finanzmärkten allerdings eine Zinserhöhung erwartet. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte schon vor der vorigen Zinssitzung im Juli in Reden durchblicken lassen, dass sie eine Zinserhöhung eigentlich für notwendig hält. Für die weitere Inflationsentwicklung hängt einiges vom Ölpreis ab. Am Freitag bewegte er sich um 85 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) für die Nordseesorte Brent. Im Juli, für den die jetzt veröffentlichten Inflationszahlen gelten, hatte er wegen des Irankriegs zeitweise mehr als 100 Dollar betragen. Zwischenzeitlich war er mit den Friedensbemühungen im Iran auch schon mal auf gut 70 Dollar gesunken. Der Heizölpreis ist weiter hoch, ging aber am Freitag ein bisschen zurück auf 132 Euro je 100 Liter bei der Abnahme von 3000 Litern. Das meldete das Internetportal Heizoel24, an das 500 Ölhändler ihre Preise melden. Der Dieselpreis hat nach Zahlen des Portals Clever Tanken zuletzt eher weiter zugelegt, auf durchschnittlich 2,197 Euro je Liter. Der Preis für Super E10 ist auch wieder etwas gestiegen, auf 2,13 Euro je Liter. Nachhaltig sinken könnte die Inflation nach Einschätzung von Ökonomen erst, wenn der kriegsbedingte Energiepreisanstieg nach der Jahreswende aus dem Vorjahresvergleich herausfällt. Es ist aber natürlich ungewiss, ob es dann nicht auch wieder preistreibende Faktoren geben wird. Die EZB jedenfalls hat mittlerweile ihre Inflationsprognose fürs kommende Jahr nach oben revidiert, von 2,0 auf 2,3 Prozent.
