Frau Vorsitzende, die Union ist bereit, in Baden-Württemberg Amt und Macht auf Augenhöhe zu teilen. Unionsfraktionschef Jens Spahn will den Grünen erlauben, zweieinhalb Jahre den Ministerpräsidenten zu stellen, dann soll Manuel Hagel es machen. Was halten sie von diesem Rotationsmodell? Wir haben bei uns Grünen die Rotation vor ungefähr vierzig Jahren abgeschafft. Außerdem dachte ich, die Union sei gegen Lifestyle-Teilzeit. In Baden-Württemberg wird es keinen Teilzeit-Ministerpräsidenten geben. Die Grünen haben sich im vorigen Jahr über den Merz-Fall der Brandmauer beklagt, Abstimmung mit der AfD, und über schmuzzelige Unionsäußerungen im Wahlkampf gegen Robert Habeck. In diesem Jahr nun die grüne Variante: Abstimmen mit den Rechtsextremen im Europaparlament und Schmutzkampagne gegen Hagel. Wird das stilprägend? Das war keine Kampagne. Es handelte sich um ein Fernsehinterview, das die Union offenbar übersehen hat. Nichts Privates. Ich bin lange in der Politik und meine Erfahrung ist: Immer, wenn Frauen über diese Themen sprechen, werden am Ende die Frauen dafür kritisiert. Auf der anderen Seite hat Cem Özdemir auch recht, wenn er sagt: Jeder kann einen Fehler machen. Damit war die Sache für uns erledigt. Der Vorwurf einer Kampagne beinhaltet ja, dass es für diese Video-Veröffentlichung, wo Hagel sich unpassend über Schülerinnen äußert, eine Vorbereitung, einen Plan, Wissen in der Spitze gab. Haben Sie etwas von der Sache gewusst? Nein. Im Übrigen war es so: Cem Özdemir hat einen fulminanten Wahlkampf geführt. Er war über die ganze Strecke wesentlich bekannter und beliebter als sein Mitbewerber. Würden Sie sagen, die Aufregung der Union ist künstlich und die CDU will damit von ihrem schwachen Wahlkampf ablenken? Ich sage es mal so: Wenn die Union als einziges Element ihrer Wahlkampf-Analyse dieses Video hat, dann wird sie auch in Zukunft zu keinen besseren Ergebnissen kommen. Blick nach vorne: Nun droht die CDU in Stuttgart mit den Grünen das zu machen, was die SPD seit 20 Jahren mit der Union macht: Sie dürfen zwar den Regierungschef stellen, aber die Inhalte kommen vom kleineren Koalitionspartner. Wie wollen Sie das verhindern? Im Bund hat sich die CDU freiwillig komplett an die SPD gekettet, deswegen ist da mein Mitleid gering. In Baden-Württemberg werden es Verhandlungen auf Augenhöhe. Natürlich wird es nicht einfach. Aber es kann doch auch eine Chance sein, jetzt gemeinsam die großen Fragen für das Land anzugehen. Ich habe großes Vertrauen, dass Cem Özdemir das gelingen wird. Was werden zwei so richtig grüne Projekte fürs Land, auf die sie auf keinen Fall verzichten würden? Die Prioritäten definieren unsere Verhandler, da werde ich nicht von Berlin aus Ratschläge geben. Unser Fokus liegt darauf, dass wir eine starke Wirtschaft, Innovationskraft und Klimaschutz weiterhin zusammenbringen. Wir wollen Weltspitze bleiben und die besten Ideen nicht nur entwickeln, sondern sie auf den Markt bringen. Das zweite ist: sozialer Aufstieg mit guter Bildung. Unser Land soll in der Bildung wieder ganz nach vorne kommen. In Baden-Württemberg kämpften die Grünen für Solidarität mit Porsche und Daimler. In Berlin werben die Spitzenkandidaten derselben grünen Partei für die autofreie Stadt. Ist radikaler Opportunismus die neue DNA der Grünen? Klare DNA der Grünen ist, dass wir für die Freiheit stehen und für eine Gesellschaft, die sowohl heimatverbunden ist als auch weltoffen ist. Dass es da in Berlin Mitte andere Prioritäten gibt, als in Tübingen oder Mosbach, ist klar. Auch insofern ist es eine tolle Sache, dass Baden-Württemberg einen Ministerpräsidenten bekommt, dem es nicht in die Wiege gelegt war, das zu schaffen. Cem Özdemir verkörpert mit seiner Lebensgeschichte wie kaum ein anderer, wofür wir Grüne stehen, egal ob in Kreuzberg oder in Untertürkheim. Das Wertegerüst, das uns trägt, ist das gleiche. Was den politischen Ansatz betrifft, da kann man schon von Baden-Württemberg lernen: Im Dialog sein, gehört werden, pragmatisch Probleme lösen, nicht immer auf den Staat setzen, aber auch nicht darauf, dass der Markt es immer richtet, sondern als liberale Bürgergesellschaft selber handeln. Wer auf den Wahlsieg von Cem Özdemir gut verzichten könnte, ist die Grüne Jugend. Deren Vorsitzender Luis Bobga, setzte am Wahlabend „ein Fragezeichen“, ob Cem Özdemir überhaupt grüne Politik macht. Macht aus ihrer Sicht eigentlich die radikalisierte Parteijugend noch grüne Politik? Wir sind eine liberale und vielfältige Partei. Dogmatismus hat bei uns nichts verloren. Die Grüne Jugend ist selbst kein monolithischer Block. Schauen Sie nach Baden-Württemberg. Da ist die Spitzenkandidatin der Grünen Jugend in den Landtag gewählt worden. Im Sommer soll es bei den Grünen nicht um Wahlkampagnen gehen, sondern um eine Organisationsreform und Inhalte. Müsste eine Lehre aus Özdemirs Wahlerfolg nicht sein, die doppelten Doppelspitzen abzuschaffen, einen Vorsitzenden oder eine Vorsitzende in Partei und Fraktion zu haben, die Profil gewinnen kann, statt einer Wischiwaschi-Führung die jeden Flügelschlag abbildet? Die Trennung von Amt und Mandat haben wir auch in Baden-Württemberg, und zwar strikter als im Bund. Dennoch waren die Grünen dort sehr erfolgreich. Im Übrigen hatten wir Spitzenkandidaten. Im Bund Annalena Baerbock und Robert Habeck, und in Baden-Württemberg sehr erfolgreich Winfried Kretschmann und Cem Özdemir. Zum Erfolg gehört auch, dass wir im Wahlkampf mit einigen aus der Spitze an sehr vielen Orten, sehr gut abgesprochen und koordiniert präsent gewesen sind. Was noch nehmen Sie mit für die kommenden Wahlkämpfe? Wir können nicht alles kopieren. Wir wissen, das Land steht über der Partei. Das finden die Bürger in diesen Zeiten sehr wichtig. Eine Idee nicht danach zu beurteilen, woher sie kommt, sondern ob sie gut ist. Das machen wir auch in der Opposition: Nicht etwas ablehnen, nur weil es von der Regierung kommt, sondern zustimmen, wenn es dem Land hilft. Das ist eine Haltungsfrage: Wir sind am Ende dazu da, dass es dem Land besser geht und nicht dafür, Recht zu haben. Wir müssen uns den Alltagsproblemen stellen und unsere Programmatik muss darauf eine Antwort geben. Unsere Aufgabe ist mit einem alten Werbespruch der Volksbank gut umschrieben: Wir machen den Weg frei. Damit zum Beispiel der Unternehmer seine Ideen einfacher und schneller umsetzen kann. Wir sind dafür da, dass die Menschen ihre Potentiale entfalten können. Dafür brauchen wir gute Bildung als Schlüssel sozialer Gerechtigkeit. Cem Özdemir strahlt die Lust auf Zukunft und Zuversicht aus. Wir trauen unserem Land und seinen Bürgern etwas zu.
