FAZ 26.05.2026
08:39 Uhr

Gebrauchte Technik: Alte Computer von Dax-Konzernen werden für andere Unternehmen aufbereitet


Immer mehr Unternehmen geben Computer und Laptops in die Wiederaufbereitung anstatt zur Entsorgung. So entsteht ein Markt für gebrauchte IT.

Gebrauchte Technik: Alte Computer von Dax-Konzernen werden für andere Unternehmen aufbereitet

Die Laptops, Mobiltelefone, Bildschirme oder auch Headsets sind in der Industriehalle akkurat gestapelt. Es sind Geräte von Unternehmen, die sie loswerden wollen, weil sie ihre Lebensdauer erreicht haben. Sie sind aussortiert, aber nicht bereit für die Verschrottung. In der großen Halle im Gewerbegebiet von Ettlingen ist die AfB (Arbeit für Menschen mit Behinderung) gGmbH, nach eigenen Angaben Europas größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen, ansässig, die die Gerätschaften von Behörden und Unternehmen ankauft, alle Daten löscht, sie aufbereitet und dann wieder verkauft. Das Unternehmen mit mehr als 650 Beschäftigten, knapp die Hälfte der Beschäftigten besteht aus Menschen mit Schwerbehinderung, bekommt die angespannte konjunkturelle Situation zu spüren. „Manche Unternehmen verschieben die Beschaffung wegen der wirtschaftlichen Situation“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung des Familienunternehmens, Daniel Büchle. Auch die Knappheit bei Chips sei eine Herausforderung. Dax-Konzerne geben ihre Geräte an Sozialunternehmen So verlängern Firmen ihre Leasingverträge in manchen Fällen, weil sie von den Herstellern aktuell keine Lieferzusagen bekommen. Dies verzögere zwar den Rücklauf, gleichzeitig steige die Nachfrage nach aufbereiteten Geräten. Mehr als 2000 Unternehmen, darunter Dax-Konzerne wie Siemens, Hannover Rück, Heidelberg Materials und die Telekom und viele Mittelständler sowie etliche Behörden geben ihre Geräte an das Sozialunternehmen mit europaweit 20 Standorten in Deutschland, Österreich, Frankreich, der Schweiz und der Slowakei ab. Das Unternehmen setzt auf den Trend, dass wiederaufbereitete Informationstechnologie immer beliebter wird. Büchle verweist im Gespräch auf eine Branchenprognose der „Retech Days News“, wonach der weltweite Markt von 1,35 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf rund 4,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2034 anwachsen soll. Wachsende Nutzung gebe es demnach in Unternehmen und bei Privatkunden, besonders in Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Dass dies ein wachsender Markt ist, zeigt sich auch in der Umsatzentwicklung. 2023 betrugen die Erlöse 56,7 Millionen Euro, 2024 waren es 65,7 Millionen Euro, wie aus den im Unternehmensregister veröffentlichten Zahlen hervorgeht. 2025 sei auf der Erlösseite abermals zugelegt worden, sagt Büchle, nennt aber auf Nachfrage keine konkrete Zahl. „Es gibt immer noch Unternehmen, die Hardware verschrotten“ Im vergangenen Jahr habe das Unternehmen 728.000 IT- und Mobilgeräte abgeholt, davon mehr als 500.000 in Deutschland, berichtet der Geschäftsführer. Allerdings: „Es gibt immer noch Unternehmen, die Hardware verschrotten.“ Die Wiederverwertungsquote in der AfB beträgt 71 Prozent. Geräte, die nicht ertüchtigt werden können, werden zerlegt und die defekten Einzelteile zur Rohstoffrückgewinnung weiterverkauft. „Wir nehmen alles an. Es kommen teilweise noch Röhrenmonitore.“ Funktionierende Speicherbausteine aus verschrotteten Rechnern werden von dem Dienstleister zum Aufrüsten genutzt. Es werden alle weiter nutzbaren Laptops, Tablets oder PCs auf mehr als 60 Mängel geprüft – vom Kratzer bis zur USB-Schnittstelle –, bevor sie in den Weiterverkauf gehen. Der erfolgt in eigenen Läden oder dem hauseigenen Internetshop. Kunden sind zumeist Privatleute. Für die generalüberholten Geräte, die im Ertüchtigungsprozess auch die neueste Windows-Version erhalten haben, gibt es ein Jahr Garantie. Der Nachhaltigkeitsgedanke spielt in der Wiederaufbereitung gleichfalls eine große Rolle. Secondhand spart viel Energie, Wasser und Ressourcen im Vergleich zu neuen Produkten. Diese Überlegungen sind im Zuge der Nachhaltigkeitsberichterstattung auch ein Grund dafür, warum die Geräte bei dem Sozialunternehmen landen. Viele von ihnen sind aber noch nicht auf Recycling und Wiederverwertung ausgerichtet. So sind bei Apple etwa viele Baugruppen verlötet, was oftmals ein Hindernis ist, ein Gerät weiter in den Nutzungskreislauf zu bringen, wie Büchle sagt. Auch das Design erschwere den Austausch von defekten Teilen erheblich. Die AfB GmbH bereitet nicht nur alte Geräte auf, sondern vermietet auch Computer kurzfristig, zum Beispiel an die öffentliche Hand. Dort kamen insgesamt 3600 Geräte in 43 Gemeinden bei den jüngsten Kommunalwahlen in Bayern zum Einsatz. Oder auch im Jahr 2025 beim Evangelischen Kirchentag.