FAZ 12.03.2026
17:42 Uhr

Gabriele Ciampi: „Hollywood verpasst die Chancen, die KI bietet“


In Hollywood sprechen sich viele gegen den Einsatz von KI aus. Warum dreht Filmemacher und Komponist Gabriele Ciampi einen Film damit – und was hält er von den Oscarregeln zu KI-Gebrauch?

Gabriele Ciampi: „Hollywood verpasst die Chancen, die KI bietet“
Zahltag: Johan Eliaschs Weltverband muss dem einstigen Geschäftsführer einer Fis-Tochterfirma rund fünf Millionen Euro zahlen. Greg M. Cooper/Gepa/Imago

Herr Ciampi, Sie arbeiten gerade mit Künstlicher Intelligenz an „The Ritual Code“, einem Thriller über die Be­drohung der Zivilisation, den Vatikan und Versuche, in einer Welt mit sozialen Medien, Chatbots und Robotik Menschliches wiederzuentdecken. Wäre der Film auch ohne KI möglich gewesen? Auf keinen Fall. Schon wegen der Kosten. Die Dreharbeiten an unterschiedlichen Or­ten, Kameras, Equipment und Crew sind teuer. Auch die Gagen für Schau­spieler sind hoch. Es ist selbstverständlich günstiger, hybride Darsteller zu besetzen. Hybride Darsteller? Die Hauptrolle in „The Ritual Code“ spielt Jennifer Yoo. Sie ist eine echte Person, sie lebt hier in Venice. Durch KI kann ich sie als Schauspielerin aber flexibler einsetzen. Das erinnert an Tilly Norwood, die der KI-Zweig der britischen Produktions­firma Particle6 Group im vergangenen Jahr vorstellte. Damals gab es viel Kritik. Die Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA nannte Norwood eine „synthe­tische Darstellerin“. Auch Emily Blunt war schockiert und sah eine am Computer generierte Konkurrentin aufziehen. Ich glaube, Emily muss sich keine Sorgen machen. Tilly Norwood ist zwar ein interessantes Phänomen. Sie kann eine echte Person aber nicht ersetzen. Sie hat weder Seele noch Persönlichkeit. Bei einer ­hybriden Schauspielerin ist das anders. Ich habe eine Figur geschaffen, die aussieht wie Jennifer, ihre Persönlichkeit hat, ihre Mimik und ihre Stimme. Sie nimmt aber keiner Schauspielerin den Job weg. Das scheinen viele in Hollywood anders zu sehen. Vor den Oscars 2025 schrien viele schon auf, als bekannt wurde, dass die Produzenten von „Der Brutalist“ bei Adrien Brodys Akzent mit KI nachge­holfen hatten. Auch das Musicaldrama „Emilia Pérez“ mit am Computer generierten Singstimmen löste bei einigen Endzeitstimmung aus. Hollywood kann nicht ignorieren, dass sich die Zeiten ändern. Viele Filmfestivals, auch Tribeca und Slamdance, haben ­inzwischen KI-Kategorien oder nehmen KI-Filme in Wettbewerbe auf. Seit einigen Jahres gibt es eigene Preisverleihungen für Filme mit KI wie AI Movie Awards, AI For Good und AI Film & Ads Awards. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) als Ausrichter der ­Oscars hat jetzt nachgezogen. Von nun an dürfen Künstliche Intelligenz und andere digitale Werkzeuge die Chancen eines Films auf eine Nominierung „weder ­unterstützen noch beeinträchtigen“. Und die Academy hat festgeschrieben, dass bei Filmen mit KI das Menschliche ausschlaggebend für eine Nominierung ist. Das klingt halbherzig. Eine Pflicht, den Einsatz von KI offenzulegen, haben die Nominierten nicht. Das fördert vor den Oscars am Sonntag Spekulationen. Wer hat, wer hat nicht? Das ist oft schwer zu sagen, weil Künst­liche Intelligenz auch für Prozesse hinter den Kulissen wie Drehbuch, Casting und Schnitt eingesetzt wird. Wie steht es bei „Blood & Sinners“, Ryan Cooglers Südstaaten-Horrorfilm, der mit 16 Nominierungen alle Rekorde bricht? Da ist es klar. Michael B. Jordan hat eine Doppelrolle. Er spielt Zwillinge, die ge­geneinander kämpfen, sich unterhalten und immer wieder gemeinsam zu sehen sind. In einer Szene zündet ein Zwilling dem anderen sogar eine Zigarette an. ­Mithilfe von KI wurden dazu Jordans ­Gesichtszüge, Mimik und Bewegungen auf ein Körperdouble übertragen, um das Ganze echt aussehen zu lassen. Und Paul Thomas Andersons „One ­Battle After Another“, mit 13 Nominierungen auch ein Favorit? Leonardo ­DiCaprio als Hauptdarsteller zählt zu Hollywoods größten Kritikern von KI. „One Battle After Another“ gilt als eher klassische Produktion mit echten Actionszenen. Viele erinnert Andersons Stil an die Siebziger. Dass der Film keine KI nutzt, ist aber mehr als unwahrscheinlich, auch wenn DiCaprio das gern hätte. DiCaprio reduziert KI auf ein „Werkzeug zur Verbesserung“ von Filmen. Künstle­rischen Wert spricht er ihr ab. Gute Filme, sagt er, brauchen Menschen. Auch Steven Spielberg warnt vor solchen Produk­tionen. Er lehnt es ausdrücklich ab, als Re­gisseur bei kreativen Entscheidungen auf KI zurückzugreifen. Das liegt an einer gewissen Insidermentalität in Hollywood. Alles dreht sich um ­einige berühmte Schauspieler und einige Regisseure. Wenn ein Film besetzt wird, sind immer dieselben Darsteller im ­Gespräch. Künstliche Intelligenz könnte diese Struktur durchbrechen. Nach meiner Meinung ist das einer der Gründe, warum Hollywood sich so heftig gegen KI wehrt. Bietet KI nicht auch die Chance, sich nach Krisen wie Corona-Pandemie, Streiks und leeren Studios zu erholen? In Kalifornien wird immer weniger gedreht. Viele Produktionen wandern zu günstigeren Drehorten wie Kanada, Georgia und South Carolina ab. Die meisten Filmschaffenden leben aber weiterhin hier. Stimmt. Aus Angst vor Veränderung verpasst Hollywood die Chancen, die KI ­bietet. Produktionen mit KI sollten als neues Genre gesehen werden, nicht als Kon­kurrenz, die traditionelle Filme ersetzt. Es ergibt keinen Sinn, um jeden Preis an Althergebrachtem festzuhalten. Das klingt ein bisschen ernüchtert. Oder sagen wir: erfahrener. Ich bin vor 15 Jahren aus Rom nach Los Angeles gekommen, um Filmmusik zu schreiben. Als klassischer Komponist und Filmemacher schien mir das eine perfekte Kombination. Ich musste aber einsehen, dass Hollywood immer weniger Wert auf Musik legt. Niemand kann sich heute noch an ein Lied aus einem Film erinnern, der nicht älter als ein paar Jahre ist. Vielleicht erklärt das, warum die Kate­gorie Beste Filmmusik bei der Fernsehübertragung der Golden Globes ge­strichen wurde. Der Filmkomponist Hans Zimmer, im Januar nominiert für die ­Musik zu Brad Pitts Rennfahrerdrama „F 1“, nannte das Aus „eine Schande“. Da hat Zimmer recht. Große Musik wie John Williams’ „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ ist in Hollywood längst Geschichte. KI ermöglicht aber Experimente, Film und Musik neu zusammenzubringen. Zum Beispiel indem Kompositionen am Computer nachträglich mit Film unterlegt werden. Das hört sich an, als sei KI das Allheilmittel für die Dauerkrise in der früheren Traumfabrik Hollywood. Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass KI Filmschaffenden wie mir Möglichkeiten bietet, die wir vor einigen Jahren nicht einmal kannten. Mit KI kann heute fast jeder seine Träume verwirklichen – auch wenn er nicht Spielberg oder Tarantino heißt.