FAZ 08.03.2026
10:31 Uhr

Frauen in Teilzeit: „Die Elternzeit müsste komplett geteilt werden“


Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln sieht in antiquierten Normen und steuerlichen Fehlanreizen die Gründe dafür, dass Frauen weniger arbeiten und verdienen. Mehr Vätermonate könnten das ändern, sagt sie.

Frauen in Teilzeit: „Die Elternzeit müsste komplett geteilt werden“

Frau Professor Fuchs-Schündeln, vor wenigen Tagen wurde zum Equal-Pay-Day wieder auf die Situation von Frauen im Arbeitsmarkt und die finanzielle Ungleichheit hingewiesen, zum Internationalen Frauentag  rufen Verbände und Gewerkschaften einmal mehr zum Protest auf. Woran liegt es, dass noch immer ein Mangel an Gerechtigkeit beklagt werden muss? Zu einem großen Teil liegt die Geschlechterlohnlücke daran, dass Frauen, insbesondere Mütter, weniger Stunden arbeiten als Männer. Denn viele Mütter steigen nach der Geburt des ersten Kindes erst einmal aus dem Arbeitsmarkt aus. Und wenn sie wieder anfangen zu arbeiten, dann meist nicht in Vollzeit, sondern in Teilzeit. Das führt dann dazu, dass das Gehalt nach der Geburt des ersten Kindes in der Regel deutlich sinkt. Das ist das, was wir Motherhood Penalty nennen, also die „Strafe“ für die Mutterschaft. Ist das in anderen Ländern auch so? In Deutschland ist das Einkommen von Frauen zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Durchschnitt 60 Prozent niedriger als vor der Mutterschaft. Dagegen ist es zum Beispiel in skandinavischen Ländern nur etwa 20 Prozent niedriger. Das liegt vor allem an der Anzahl der Arbeitsstunden, weil Mütter in Deutschland oft nicht in Vollzeit arbeiten. Derzeit ist mehr als die Hälfte der Frauen hierzulande in Teilzeit, aber nur jeder siebte Mann. Was ließe sich gegen die Teilzeitfalle tun? Es gibt drei Dinge, die eine große Rolle spielen: zum einen die Kinderbetreuung – sowohl die Quantität als auch die Qualität des Angebots. Da hat Deutschland im letzten Jahrzehnt zwar viel ausgebaut, doch es ist immer noch schwierig, in den Randzeiten Kinderbetreuung zu bekommen. Und auch die Verlässlichkeit ist oft unzureichend. Dann bleibt die Betreuung meist an den Müttern hängen. Woran liegt das? Das ist der zweite Punkt: die Normen. Im Ländervergleich wird sehr deutlich, dass es eine Rolle spielt, wie Mütter, die Vollzeit arbeiten, wahrgenommen werden und ob der berufliche Erfolg von Müttern gesellschaftlich akzeptiert ist oder nicht. Da werden die Deutschen zwar zunehmend progressiver, aber sie sind im internationalen Vergleich noch relativ konservativ. Gibt es dafür eine Erklärung? Das ist eine eher soziologische Frage. Es gibt Vermutungen, dass das ein Überbleibsel der Glorifizierung der Frau als Mutter aus der Zeit des Nationalsozialismus ist. Woran das sonst noch liegt, ist schwierig zu sagen. Eine wichtige Rolle für die Entscheidungen von jungen Eltern spielt aber ein weiterer Aspekt. Welcher? Wir setzen im Steuer- und Sozialsystem viele Anreize, die dazu führen, dass sich Paare spezialisieren: Eine Person im Haushalt kümmert sich hauptsächlich ums Einkommen. Das ist in der Regel der Vater. Und die andere Person kümmert sich hauptsächlich um Kinder und Haushalt, und das ist in der Regel die Mutter. Das wird durch drei Dinge gefördert: das Ehegattensplitting, das den Grenzsteuersatz für die Zweitverdiener so erhöht, dass es sich kaum zu lohnen scheint, zu arbeiten. Dann die Minijob-Regelung, die es insbesondere für Verheiratete unattraktiv macht, die Verdienstgrenze für Minijobs zu überschreiten. Und das Dritte ist die kostenlose Mitversicherung in der Sozialversicherung. Es werden also falsche Anreize gesetzt? Ja, obwohl sich andererseits im Familienrecht einiges getan hat. Nicht nur dass Ehemänner nicht mehr zustimmen müssen, wenn ihre Frau arbeiten will, wie bis in die Siebzigerjahre. 2008 wurde auch das Unterhaltsrecht radikal reformiert, sodass nach einer Scheidung der geringer verdienende Partner kaum noch Anspruch auf Unterhaltszahlungen des höher verdienenden Partners hat. Das sollte – insbesondere angesichts hoher Scheidungsraten – ein Anreiz für eine vollzeitnahe Berufstätigkeit von Frauen sein. Aber das reicht offenbar nicht? Eigentlich sollte es ein Weckruf für junge Frauen sein, sich nicht nur auf das gemeinsame Haushaltseinkommen zu verlassen, sondern das eigene Einkommen im Blick zu behalten. Denn wir wissen, dass langfristig Karriereschritte verloren gehen, wenn jemand lange Zeit nicht voll berufstätig ist. Das macht es schwierig und unattraktiv, später wieder voll einzusteigen, wenn die Kinder größer sind. Auch deswegen sehen wir es relativ selten, dass Mütter später wieder Vollzeit arbeiten. Was müsste sich ändern? Neben den genannten Themen wie Kinderbetreuung, Ehegattensplitting und Minijob-Regelung wäre es auch gut, wenn die Elternzeit komplett geteilt werden müsste. Das würde die Chancengleichheit zwischen jungen Männern und Frauen bei den Arbeitgebern erhöhen. Und es wäre ein starkes Signal, dass der Staat sagt, wir sehen die Väter genauso in der Verantwortung für ihre Familie und ihre Kinder wie die Mütter. Das könnte auch die Normen verändern. Ich glaube, das bräuchten wir, wenn wir wollen, dass Deutschland international aufholt. Denn wir sehen, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen, auch von Müttern, in Deutschland im europäischen Vergleich sogar leicht überdurchschnittlich ist. Aber die Arbeitsstunden sind es eben nicht, weil so viele in Teilzeit arbeiten. Würde sich das bessern, wenn der Rechtsanspruch auf Teilzeit wegfiele? Das ist schwer zu sagen, denn es könnte natürlich sein, dass Frauen insbesondere, wenn die anderen Rahmenbedingungen wie die Kinderbetreuung sich nicht verändern, dann eher sagen, ich steige ganz aus, weil ich eine Vollzeitstelle nicht schaffe. Deswegen sehe ich das kritisch. Aus meiner Sicht wäre es besser, die Arbeitsanreize für Frauen dadurch zu erhöhen, dass von ihrem Gehalt mehr Netto vom Brutto bleibt. Das wäre ein wichtiges Signal. Und es könnte auch angesichts des demographischen Wandels helfen. Brauchen wir dafür nicht vor allem mehr Kinder, helfen da Mütterrente oder Herdprämie, oder welche Anreize sind dafür nötig? Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen erzielt man mit finanziellen Prämien für Geburten höchstens kurzfristige Effekte. Wenn wir wirklich die Geburtenrate erhöhen wollen, dann ist der Weg nicht, zu überlegen, wie wir die traditionelle Mutterschaft ohne Berufstätigkeit stärken können, sondern wie wir es Frauen besser ermöglichen können, Familie und Beruf zu kombinieren. Das ist eine wichtige Botschaft, die noch nicht überall in der Politik angekommen ist. Auf Internetkanälen propagieren sogenannte „Tradwives“ aktuell genau das Gegenteil, ein traditionelles Familienbild. Ist das ein Problem? Das ist ein Nischenphänomen, ein reiner Social-Media-Trend. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung hat gezeigt, dass die Zustimmung zu traditionellen Geschlechterrollen bei jungen Menschen überall sinkt, besonders in Europa. Interessanterweise haben die sehr erfolgreichen Social-Media-Tradwives übrigens ein echtes Geschäftsmodell und arbeiten sehr viel dafür. Ein anderer Trend ist, dass Unternehmen Programme für Frauenförderung und Diversity, die in den USA als woke gebrandmarkt werden, herunterfahren, wie könnte sich das auswirken? Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Der Trend in den USA ist ganz klar, und ich glaube auch, dass er herüberschwappt. Vielen Unternehmen ist inzwischen allerdings klar, dass diverse Teams gut für die Produktivität sind. Gleichzeitig wird mehr überdacht, wie explizit die Frauenförderung gemacht wird, ob sie beispielsweise bei der Evaluierung von Führungskräften eine Rolle spielt. Ich vermute, es wird da auch bei uns einen Effekt geben, und ohne explizite Gleichstellungsziele gibt es schnell eine rückläufige Entwicklung. Im Zuge des demographischen Wandels können wir es uns als Volkswirtschaft aber nicht leisten, die Talente gut ausgebildeter Frauen im Arbeitsmarkt nicht zu nutzen.