FAZ 01.10.2026
15:11 Uhr

Französischer Fußball: Girondins ist kein Grand Cru in Bordeaux


Verkauft für einen Euro: Wegen des Einstiegs eines Investors überlebt der Traditionsverein, wenn auch nur in der sechsten Liga. Doch Fußball ist in Bordeaux längst nicht mehr Sportart Nummer eins.

Französischer Fußball: Girondins ist kein Grand Cru in Bordeaux

Für Girondins Bordeaux ist der Albtraum erst einmal vorbei. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch verkaufte Gérard Lopez den Traditionsklub aus dem Südwesten für einen symbolischen Euro an den englischen Investmentfonds Park Bench. Die Vereinbarung wurde von beiden Parteien unterzeichnet. Nun steht dieser Investmentfonds vor der schwierigen Aufgabe, Schulden in Höhe von 18 Millionen Euro zu tilgen. Diese betreffen den Sanierungsplan sowie Vereinbarungen und Verbindlichkeiten, die sich in der vergangenen Saison angehäuft haben. Allerdings muss das Handelsgericht von Bordeaux den Fortführungsplan noch genehmigen. Vorgesehen ist eine Reduzierung der Schulden auf zwölf bis 13 Millionen Euro und deren Staffelung über zwölf Jahre. Eine weitere Genehmigung des Eigentümerwechsels und des Budgets für die aktuelle Saison muss zudem von der regionalen Kontrollkommission für Vereine in der Region Nouvelle-Aquitaine erteilt werden. Bordeaux darf anschließend seinen Spielbetrieb in der Régional 1, der sechsten französischen Liga, am 17. Oktober aufnehmen. Erinnerungen an Zidane, Lizarazou und Micoud Mit sechs französischen Meistertiteln, vier französischen Pokalsiegen und zahlreichen Teilnahmen an europäischen Wettbewerben hat Girondins lange oben in der französischen Liga mitgespielt und auch Nationalspieler wie Zinédine Zidane, Bixente Lizarazu, Christophe Dugarry oder auch den ehemaligen Bremer Johan Micoud in seinen Reihen gehabt. Vor 17 Jahren spielte Girondins in der Champions League und gewann in der Gruppenphase sogar 2:1 beim FC Bayern. Doch wie konnten die Girondins so tief fallen? Vor zehn Jahren wurde das neue Stadion, le Stade Atlantique Bordeaux Métropole, für die Europameisterschaft 2016 fertig gebaut: eine moderne Arena mit 42.115 Plätzen. Doch seitdem geht es sportlich und finanziell nur noch bergab. Selten spielten die Girondins in ihrem neuen Zuhause vor ausverkauftem Haus. 2021 wurde Gérard Lopez als neuer Eigentümer installiert. Als der luxemburgische Geschäftsmann in der Gironde ankam, spielte der Verein noch in der Ligue 1. Seine Arbeit und sein Führungsstil an der Spitze mehrerer Fußballvereine, darunter der OSC Lille, waren Gegenstand heftiger Kontroversen wegen des Verdachts auf Unterschlagung und gerichtlicher Verurteilungen. Sein Geschäftsmodell, das auf massiver Verschuldung und undurchsichtigen Finanzströmen beruhte, hat mehrere Sportvereine an den Rand des Bankrotts oder in den Abstieg getrieben. Auch Oliver Kahn bekundete Interesse Die zahlreichen Fans der Girondins haben hautnah miterlebt, wie der Verein seinen Absturz bis in die 6. Liga fortsetzte und dabei diesen Sommer nur knapp dem endgültigen Aus entging. Es grenzt sogar an ein kleines Wunder, dass die Girondins heute der Insolvenz entgehen, wenn man die finanzielle Lage der „Marine et Blanc“ bedenkt. Aber offenbar weckt der Verein, selbst in der Régional 1 mit hohen Schulden, das Interesse von Investoren wie denen von Park Bench. Im Frühjahr 2025 hatte auch Oliver Kahn Interesse an der Übernahme der Girondins bekundet. Aber nach komplizierten Verhandlungen mit Lopez teilte der ehemalige Schlussmann des FC Bayern schließlich mit, sich gegen einen Einstieg entschieden zu haben. Rugby boomt nun in Bordeaux Währenddessen boomt in Bordeaux eine andere Sportart, nämlich das Rugby: L’Union Bordeaux Bègles hat sowohl 2025 als auch 2026 den Champions Cup gewonnen, so ähnlich wie die Champions League im Fußball. Jedes Heimspiel wird im Stade Chaban-Delmas ausgetragen – dort, wo die Fußballer jahrzehntelang ihre größten Erfolge feierten. So trugen sie hier im Mai 1996 das Rückspiel des UEFA-Pokalfinales gegen den FC Bayern München aus, unterlagen nach dem 0:2 im Hinspiel aber auch zu Hause mit 1:3. Nun findet jede Partie des UBB vor ausverkauftem Haus statt. Jahrzehntelang war Fußball in Bordeaux die Sportart Nummer eins. Das gehört schon längst zur Vergangenheit. Und es wird wohl eine Ewigkeit dauern, bis der runde Ball wieder die Macht übernimmt.