FAZ 06.10.2026
16:54 Uhr

Filmpremiere: Mit „Babylon Prag“ zurück in die Zukunft


Das Arte-Dokudrama „Babylon Prag“ ruft die kulturelle Blüte der Zwischenkriegsjahre wach. Und es zeigt, wie schnell autoritäre Enge alles beenden kann. Nicht nur in Prag.

Filmpremiere: Mit „Babylon Prag“ zurück in die Zukunft

Es ist kein zufälliger Ort und keine zufällige Zeit: Am Vorabend der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse hat das Arte-Dokudrama „Babylon Prag“ im Redaktions- und Verlagsgebäude der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Premiere gefeiert. Die Produktion schlägt eine Brücke vom Prag der Zwanziger- und Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in die politische Gegenwart Europas. Geht es auf der Frankfurter Buchmesse mit Tschechien als Ehrengastland in den nächsten Tagen doch ebenfalls um die Widerstandskraft der Demokratie und das gemeinsame kulturelle Gedächtnis Mitteleuropas. „Babylon Prag“ liefert dafür das historische Fundament. Der Film erinnert daran, wie rasch eine vielstimmige Gesellschaft von autoritären Regimen überrollt werden kann, wenn der politische Diskurs von Identitätsdenken und Ausgrenzung beherrscht wird. Das Filmprojekt – eine internationale Koproduktion von ZDF, Česká televize, ORF und 3B-Produktion in Zusammenarbeit mit Arte – besteht aus zwei Teilen, die an dem Abend beide hintereinander gezeigt wurden. Der erste Teil mit dem Titel „Die wilden 20er Jahre“ fängt die Aufbruchsstimmung in Prag in spielerischen Rekonstruktionen und seltenen Archivaufnahmen ein. Es zeigt eine Stadt in ihrer kulturellen Blüte. Wer an das Prag jener Tage denkt oder dazu recherchiert, ruft die Namen Franz Kafka, Max Brod oder Karel Čapek auf. Man erfährt dabei viel über literarische Avantgarde, Theater und Kaffeehauskultur. Unter der Regie von Petr Slavík und nach den Drehbüchern von Vít Poláček und Matthias Schmidt ersteht im Film der legendäre Mikrokosmos auf, der Prag in der Zwischenkriegszeit zu einem der faszinierendsten, aber auch fragilsten Kulturzentren des Kontinents machte. Es war eine Epoche, in der sich das tschechische, deutsche und jüdische Geistesleben kreuzten und dabei zugleich befruchteten. Eine Mauer in den Köpfen Es gibt aber auch eine Mauer in den Köpfen zwischen Tschechen und Deutschen. Denn mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie und der Gründung der Tschechoslowakischen Republik drehten sich die Machtverhältnisse. Die tschechische Mehrheit übernahm die Staatsführung und verwies die ehemals dominierende deutschsprachige Minderheit auf den zweiten Platz. Aus verletztem Stolz, wirtschaftlicher Unsicherheit und dem erstarkenden Nationalismus wird in der Dokumentation Schritt für Schritt die Entfremdung nachgezeichnet, die in die Katastrophe mündet. Der zweite Teil des Films mit dem Titel „Ein Sturm zieht auf“ legt diese Risse endgültig frei. Dramaturgisch begleitet wird die ernüchternde Entwicklung von Einblicken in zwei Zeitungsredaktionen. Die eine schreibt für die deutsche Minderheit, die andere für die tschechische Mehrheit. Die Chefredakteure verfolgen ihre jeweilige Linie, aber zwei Volontäre aus den unterschiedlichen Redaktionen pflegen eine Freundschaft und sorgen für die Menschlichkeit, die der Außenwelt abhandenkommt. Moderiert von F.A.Z.-Redakteur Tilman Spreckelsen wird in der an die Filmpremiere anschließenden Podiumsdiskussion in Anwesenheit des tschechischen Botschafters klar: Die Freiheit des Wortes und die Vielstimmigkeit der Kultur sind keine dauerhaften Besitztümer. Sie müssen jeden Tag aufs Neue gegen die Spalter und Vereinfacher verteidigt werden – in Prag wie in Frankfurt. „Babylon Prag“ feiert seine Fernsehpremiere am Donnerstag, 8. Oktober, um 20.15 Uhr auf Arte. Direkt im Anschluss an den ersten Teil folgt um 20.55 Uhr der zweite Teil. Die Produktion steht zudem in der Arte-Mediathek auf arte.tv zum Streamen bereit. Im österreichischen Fernsehen wird die Dokumentation am Sonntag, 11. Oktober, um 23.05 Uhr auf ORF 2 zu sehen sein. Wer die Erstausstrahlung verpasst hat, erhält bei Arte eine weitere Gelegenheit zum Anschauen mit der Wiederholung am Mittwoch, 14. Oktober, um 15.40 Uhr.