Ist es Warten? Das Stück beginnt, und nichts passiert. Während das Publikum den Saal des Mousonturms betrat, hatte sich im Halbdunkel auf der Bühne zwischen lose herumstehenden Stühlen noch etwas bewegt. Ein Mensch kroch echsenhaft am Boden, neugierig kurvend. Dann ein anderer, eine Frau auf dem Bauch. Doch nun sitzen alle acht Frauen aufrecht, haben die Stühle zur Reihe geordnet und schauen die Zuschauer von weit hinten an. Lassen sich ansehen. Tun gar nichts. Erinnern an das Warten, an Erwartung. Wie lebt man damit? Das Stück „wir / us“ könnte nur daraus bestehen, denkt man: sie, wir, ich. Die chinesische Choreographin und Tänzerin Wen Hui, 65, hat es mit sieben etwa gleichaltrigen Frauen, Laien, entwickelt. Der Anfang nimmt sich Zeit. Er vergibt sie. Das ist ein genial passender Anschluss an den „Performance Club“, zu dem Deborah Hay zwei Stunden vorher eingeladen hatte. Im Rahmen des – warum nur? – auf Englisch betitelten Festivals „How to make a life?“, mit dem der Mousonturm bis zum 4. Oktober sein Haus aufrührt mit vielerlei Aufführungen, Workshops, Ausstellungen, Begegnungsformaten, ist dieser „Performance Club“ vielleicht das merkwürdigste Element. Ein Experiment mit Stille und Gemeinschaft Er wird von einer noch älteren Tänzerin und Choreographin angeboten. Im hellen Tanzsaal im ersten Stock sammeln sich dreißig Personen auf Stühlen in einer Art Halbkreis. Deborah Hay, Jahrgang 1941, die ihren grauen Schopf mit einem Häkelmützchen bezwingt, erklärt den Titel zu einem Witz, „a joke“. Sie habe etwas anbieten wollen wie einen Golfklub, Schachklub, Kochklub. Ihr Klub sei ein „community experiment“. Eine Stunde lang gebe es „Zeit und Raum für euch und mich“ und um zu bemerken, wie man so miteinander ist. Statt nach einer Performance zu applaudieren, aufzustehen, wegzugehen, könne man hier sehen, „was mit mir passiert“, nachdem man Zuschauer gewesen sei. So tanzt sie los, rundet die Arme, setzt kleine Schritte, vorwärts, auch rückwärts, einen Fuß nach außen gedreht, wedelt mit den Fingern. Legt einen Handrücken aufs Kreuz, die andere Hand fliegt über den Kopf. Sie schaut, dreht, tippelt auf den Ballen, hebt die Knie, öffnet einen Arm weit, bückt sich. Singt plötzlich. Sie zeigt keine Formen vor, keine geplanten Schrittfolgen, sondern das, was in und mit ihr entsteht, in dem Moment und dem nächsten. Total unspektakulär, etwas nie Fertiges, etwas, das ein Dazwischen zu sein versucht, genau in diesem Raum. Sie und wir. Als Musik gibt es nur die Geräusche von außen, Polizeisirene, Stimmen, Hupe, Automotor, Vespa und ein Kind, das ruft: „Haaallo, ich bin hier.“ Was wie ein Impuls für Deborah Hays rauen Phantasiesilbengesang wirkt. Oder doch ein Zufall? Die Stunde gehört uns, dem Publikum Nachdem sie getanzt habe, so ihre Anweisung, gehöre der Rest der Stunde uns, dem Publikum. Bewegen, Malen, Zeichnen, Schreiben, Ausruhen, alles geht, nur nicht: Sprechen. Sie selbst hockt sich an die Wand, malt auf ein weißes Blatt Blau, mit Buntstift, und reibt mit dem Finger über die Farbe. Andere legen sich hin, sitzen, dehnen still ihre Glieder, schreiben, zeichnen. Gehen umher. Niemand ist allein. Auch nicht diejenigen, die ihre Augen schließen. Halb Ruhe, halb Unruhe, Erwartungsgefühle und Wartegewohnheiten spielten mit, Abwehren und Nachgeben, Kindliches. Es braucht wenig, um so viel innere Bewegung zu animieren. Man geht aus dem „Performance Club“ anders heraus, als man hineingegangen ist. Auch „wir / us“ erschafft eine Verbindung im Raum. Das Publikum applaudiert, als die Frauen zu „Crazy Frog“ im Sitzen rennen und mit den Beinen Gymnastik absolvieren oder nachdem sie krachend Stühle zu Nina Hagens „Unbeschreiblich weiblich“ geworfen haben. Die Zuschauer kichern und raunen zu gefilmten Aussagen der Protagonistinnen zum Altwerden mit Körpern, Gefühlen, Gedanken, Positivem, Negativem. Zum Schluss singt Meredith Monk, Jahrgang 1942, die ebenso zu den amerikanischen Postmodernen gehört wie Hay und die auch glücklicherweise immer noch Kunst macht: „I am a happy woman“. Leider nicht live. Das mit der „Community“, dem Gemeinschaftsein oder -werden, gestalten Kunstprojekte meist aktiver. Lenkend. So lädt bei dem Festival die Gruppe andpartnersincrime mittags im Mousonturm-Erdgeschoss zum Mitmachen in der „Neuen Frankfurter Stadtteilküche“, was in dem gentrifizierten Viertel deplatziert anmutet. Oder ist es umso passender? Dass Deborah Hay wieder in Frankfurt auftaucht, ist großartig. Eine frühe Cunningham-Tänzerin, lief die Amerikanerin in die Richtung des sogenannten Postmodern Dance, den Tanz dem alltäglichen Leben näherzubringen und umgekehrt. 2009 hatte William Forsythe sie nach Frankfurt eingeladen, für seine Company zu choreographieren. Sie wurde Teil seines Projekts „Motion Bank“, arbeitete für weitere namhafte Tanzensembles. Sie weiß so viel – und sucht und probiert immer weiter. Der „Performance Club“ findet bis zum 27. September täglich zu wechselnden Uhrzeiten statt, außer am 22. September. Festival bis 4. Oktober.
