FAZ 30.09.2026
18:32 Uhr

Erpressung und Vorwürfe: Wachstumsschmerzen und Pannen plagen Revolut


Die Neobank Revolut hat schon 80 Millionen Kunden gewonnen und plant einen Börsengang mit Rekordbewertung. Aber es gibt auch Probleme: etwa eine Erpressung durch Hacker und Geldwäschevorwürfe aus München.

Erpressung und Vorwürfe: Wachstumsschmerzen und Pannen plagen Revolut

Das Wachstumstempo ist rasant, die Branche schaut ungläubig zu: Durchschnittlich alle 17 Tage gewinnt die Onlinebank Revolut eine Million neue Kunden hinzu. Vor Kurzem überschritt sie die Marke von 80 Millionen Kunden in vierzig Ländern, davon gut drei Millionen in Deutschland. Das Ziel von 100 Millionen Kunden, das Revolut-Gründer und Vorstandschef Nik Storonsky bis Mitte 2027 erreichen will, erscheint nicht aus der Luft gegriffen. Europas am aggressivsten expandierende Neobank lässt Wettbewerber blass aussehen. Die „erste echt globale Bank der Welt“ will Storonsky etablieren. „Fast alles ist möglich“, sagt er. Zudem werden nun die Pläne für einen Börsengang im Jahr 2028 konkreter. Der aus Russland stammende Fintech-Gründer, der mittlerweile allein die britische Staatsbürgerschaft hält, will die Revolut-Aktie an zwei Börsen platzieren: New York und London. Die US-Börse sei größer und liquider, daher müsse Revolut dort präsent sein. Einige Zahlen, die Storonsky derzeit in Interviews zum Börsengang äußert, klingen phantastisch: Selbst eine Billion-Dollar-Bewertung könne er sich vorstellen. „Warum nicht?“, sagt der 42-Jährige salopp, der sein Start-up vor elf Jahren aus einem Londoner Coffee-Shop heraus aufgezogen hat. Realistischer sind wohl eher 150 bis 200 Milliarden Dollar, so die Gerüchte am Londoner Finanzmarkt. Bei einem Sekundär-Aktienverkauf, bei dem Mitarbeiter ihre Papiere an Investoren abgeben konnten, wurde Revolut im Sommer mit 115 Milliarden Dollar bewertet. Das entspricht dem kombinierten Börsenwert der beiden größten deutschen Finanzinstitute Deutsche Bank und Commerzbank. Und es ist ein Anstieg um gut 50 Prozent gegenüber der Finanzierungsrunde im vorigen Jahr. Revolut wird dabei mit dem 50-Fachen des Vorsteuergewinns wie ein extrem wachsendes Fintech-Unternehmen, nicht wie eine klassische Bank bewertet. „Normale“ Banken werden maximal mit dem Zehnfachen des Jahresgewinns gehandelt. Normal ist Revolut aber nicht: Mit nur etwa 13.000 Mitarbeitern hält es die Kosten bemerkenswert niedrig. Ex-Mitarbeiterin aus Deutschland erhebt Vorwürfe In Deutschland wirbt die Digitalbank mit großen Auftritten etwa am Hauptstadtflughafen BER oder am Flughafen München. Dort baute sie in diesem Sommer Padel-Spielfelder auf. Innerhalb von zwei Jahren wuchs die Kundenzahl in der Bundesrepublik um 50 Prozent. Wettbewerber wie N26 oder Trade Republic sind in Sichtweite, die auf vier bis fünf Millionen Kunden in Deutschland kommen. Beatrice Cossa-Dumurgier, die Revolut-Vorstandschefin für Westeuropa, sagte gegenüber der F.A.Z.: „Wir wollen die Nummer eins in Deutschland werden und arbeiten seit Jahren daran, unser Angebot noch stärker auf den deutschen Markt auszurichten.“ Dafür investiere Revolut in neue Spar- und Investmentprodukte und baue das Marketing deutlich aus. Als Werbefigur hat die Neobank Fußballweltmeister Mario Götze engagiert. Schlagzeilen macht Revolut derzeit aber nicht nur durch rasantes Wachstum, sondern auch mit Pannen. Da ist die peinliche Erpressung durch eine Hackergruppe in Italien. Die Gruppe kaperte eine E-Mail-Domain einer römischen Regierungsbehörde und forderte von Revolut die Herausgabe sensibler Kundeninformationen auf. Es ging um Adressen, Telefonnummern und Transaktionsdaten. Die Bank fiel darauf herein und gab Informationen von 680 Kunden, vor allem aus der Schweiz und Frankreich, preis. Nun erpresst die Hackergruppe Revolut und fordert drei Millionen Dollar. Schwer einzuschätzen ist ein anderer Fall, der Revolut in Deutschland bewegt. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Compliance-Abteilung, der noch während der Probezeit gekündigt wurde, verklagt die Digitalbank vor dem Arbeitsgericht München. Sie behauptet, bei Revolut habe es eine „Vielzahl von Verstößen“ gegen Geldwäscheregularien gegeben. Insbesondere seien die Kontrollen gegen illegales Glücksspiel zu lax gewesen. Ihr sei gekündigt worden, kurz nachdem sie auf Mängel hingewiesen habe. In der vergangenen Woche berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ über die Vorwürfe. Die Bank weist diese strikt zurück. „Revolut setzt die gesetzlichen Anforderungen zur Bekämpfung illegalen Glücksspiels in Deutschland vollständig um und geht in vielen Bereichen darüber hinaus“, sagte ein Sprecher. Die Bank sperre alle IBANs und Händler, die von der Glücksspielbehörde GGL als illegal gemeldet würden. Verdächtige Aktivitäten melde sie entsprechend den gesetzlichen Pflichten an die zuständige Geldwäschebehörde Financial Intelligence Unit (FIU). Gründer Storonsky will in hundert Ländern aktiv sein In der Londoner Zentrale bereitet der Münchner Prozess derzeit keine großen Kopfschmerzen, man betrachtet ihn dort als lokales deutsches Problem. Konzernchef Storonsky ist vielmehr damit beschäftigt, die globale Expansion voranzutreiben. Bis Mitte 2027 will er nicht nur 100 Millionen Kunden erreichen, sondern auch in 100 Ländern aktiv sein. Pannen wie die Erpressung durch die Hackergruppe oder den Prozess in Deutschland, die womöglich auf Schwachpunkte in der IT und der Compliance hindeuten, sieht die Bank als Wachstumsschmerzen, die im Expansionsprozess auftreten können. Das Tempo, mit dem Revolut in neue Länder vorstößt, gilt in der Branche als einmalig. In Mexiko hat die Onlinebank vor Kurzem, nur acht Monate nach dem Markteintritt, schon mehr als eine Million Kunden gewonnen. Vor zwei Wochen erhielt Revolut eine Banklizenz in Kolumbien; dort stehen schon 200.000 Interessenten auf die Warteliste. In den USA sieht die Onlinebank noch ein besonders großes Potential. In Europa, mit rund 60 Millionen Kunden der Schwerpunkt, operierte Revolut lange mit einer EZB-Banklizenz, die von der litauischen Notenbank ausgestellt worden war. Jüngst erhielt sie zusätzlich eine französische Bankenlizenz. Paris ist auch Sitz des Westeuropa-Hauptquartiers, in das Revolut derzeit mehr als eine Milliarde Euro investiert. Der Wettbewerb in Europas Bankensektor wird in jedem Fall härter.