FAZ 13.08.2026
06:50 Uhr

Endlagerung: Studieren für die Ewigkeit


Wer sich an der Uni mit Endlagerung beschäftigt, hat damit kein leichtes Thema für Small Talk. Doch das schreckt Studenten nicht ab – genauso wenig wie die Aufgabe, ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle zu finden.

Endlagerung: Studieren für die Ewigkeit

Wird Julius Wolf auf einer Party auf seinen Studienschwerpunkt angesprochen, wird es schnell ernst. Ein gutes Thema für lockeren Small Talk ist die Endlagerung radioaktiver Abfälle nämlich nicht gerade. „Wenn das Gespräch beginnt, merke ich direkt, dass die Leute mit einer gewissen Anspannung reingehen.“ Wieder beginnt etwas, das Wolf auch als Chance wahrnimmt: „Ich erkläre, worum es bei der Endlagerung geht, und nehme Ängste.“ Mit 24 Jahren hat Wolf gerade seinen Chemiemaster beendet und promoviert nun am Institut für Nukleare Entsorgung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Dort beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich ein bestimmtes Radioisotop im Atommüll verhält, wenn ungewollt Wasser in ein Endlager eintritt. Ob ein Job im Bereich der Endlagerung Zukunft habe, wenn schon keine Atomkraftwerke mehr am Netz seien und eines Tages ein Endlager gefunden sei? Auch diese Frage bekommt Wolf gestellt. „Dabei wird das Thema in meiner Lebenszeit wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossen sein.“ Die Suche nach einem Endlager zieht sich Allein die Suche nach einem Standort für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle dürfte noch viele Jahre andauern. Darauf folgen noch die Genehmigung, die Konstruktion des eigentlichen Lagers, die Einlagerung der Abfälle, der Verschluss. Es ist ein Vorhaben, das sich bis weit ins nächste Jahrhundert ziehen könnte – und dementsprechend braucht es auch in Deutschland weiter Menschen, die zu Fachleuten auf diesem Gebiet werden. „Radioaktivität fühlt sich immer noch ein bisschen an wie Magie, denn du siehst sie ja nicht“, sagt Josie Hartung, die das Wahlmodul Radiochemie im Chemiemaster am KIT gewählt hat. In den nächsten Semestern will sie lernen, mit radioaktiven Stoffen umzugehen. Dafür wird sie im Labor stehen, sich aber auch im Hörsaal mit Reaktorsicherheit und Reaktorkonzepten auseinandersetzen. Denn Hartung will mitforschen. „Wir sind in der Verantwortung, das vernünftig zu machen“, sagt sie zur Suche nach einem Endlager für hoch radioaktive Abfälle. Immerhin sieht das sogenannte Standortauswahlgesetz vor, einen Ort in Deutschland zu finden, an dem hoch radioaktive Abfälle wie abgebrannte Brennelemente für eine Million Jahre sicher eingeschlossen werden können. Einen entsprechenden Standort festzulegen, war für das Jahr 2031 angestrebt worden. Doch die Suche zieht sich, das Ziel dürfte um viele Jahre verfehlt werden. „Das demotiviert mich nicht“, sagt Hartung. „Die radioaktiven Abfälle sind nun mal da“ Ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle zu finden, ist zudem nicht das einzige Projekt, das in der Endlagerung ansteht – und es gilt auch, Fehler aus der Vergangenheit zu korrigieren. Etwa die Rückholung schwach und mittelradioaktiver Abfälle aus der maroden Schachtanlage Asse II zu planen. Bei einem im Studium vorgesehenen Besuch bekommen Studenten, die sich im Master Nachhaltige Rohstoff- und Energieversorgung an der RWTH Aachen auf Endlagersicherheit spezialisieren, genau zu sehen, auf welche Fragen ihr Studium sie möglicherweise vorbereitet. Für Lea Mengen war es vor zwei Jahren so weit. In Grubenkleidung, zu der ein blaues Steigerhemd mit weißen Längsstreifen gehört, und ausgestattet mit einem Dosimeter zur Messung der Strahlendosis sowie einem drei Kilogramm schweren Atemschutzgerät, besichtigten sie und Kommilitonen selbst die Schachtanlage. „Beeindruckend“ nennt Mengen die Erfahrung unter Tage. Im Master beschäftigte sie sich mit Bergbau, mit Geologie, aber auch mit rechtlichen Grundlagen. Und in Planspielen mit der Frage, wie unterschiedliche Positionen bei der Standortauswahl berücksichtigt werden können. „Ich mache etwas Sinnvolles“, sagt sie zu ihrem Master, den sie mittlerweile abgeschlossen hat. Denn „die radioaktiven Abfälle sind nun mal da, die verschwinden ja nicht einfach wieder“. Wird in der Endlagerung bald mehr Nachwuchs gesucht? Klaus Fischer-Appelt stellte als Abteilungsleiter einer Sachverständigenorganisation selbst viele Jahre lang junge Menschen ein und initiierte Mengens Vertiefungsrichtung Repository Safety mit dem Anspruch, den Studenten einen Überblick über das „Gesamtmosaik“ Endlagerung zu geben. Das sagte der Professor an der RWTH Aachen der F.A.Z. vor vier Jahren, kurz bevor die ersten Studenten die Vertiefungsrichtung aufnahmen. „Ich habe es mir anders vorgestellt, aber wir sind zufrieden“, sagt der Leiter des Lehrstuhls für Endlagersicherheit heute dazu, wie viele junge Menschen sie jährlich mit der Vertiefung auf Endlagersicherheit ansprechen. Rund 50, 60 Studenten je Semester studierten das Fach „ernsthaft“ und bekämen eine „Rundumausbildung“, die die Industrie interessiere. Trotzdem: „Ich hoffe, dass wir demnächst mehr Nachwuchs bekommen“, sagt Fischer-Appelt. Einerseits will er mehr Studenten aus Deutschland für den Master begeistern, denn bislang schrieben sich für die englischsprachige Vertiefungsrichtung fast ausschließlich Studenten aus dem Ausland ein, für die es hohe sprachliche Hürden auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt. Er will aber auch verstärkt Bachelorabsolventen ansprechen, die nicht wie bislang vornehmlich Geowissenschaftler und Bergbauingenieure sind. Ob die Absolventen der Mastervertiefung in Aachen leicht einen Job finden? Dazu kann Fischer-Appelt noch nichts sagen, denn Mengen ist bislang die Einzige, die die Vertiefungsrichtung abschloss, nun wird sie am Lehrstuhl promoviert. Fischer-Appelt ist überzeugt, dass im voranschreitenden Standortauswahlverfahren bald mehr Leute gesucht werden: „Das wird ein großer Aufwand. Deswegen, meine ich, kommt demnächst ein Einstellungsschub.“ Nur auf Jobchancen zu schauen, sei keine gute Motivation Man muss sich im Studium nicht auf Endlagerung spezialisieren, um auf dem entsprechenden Feld zu arbeiten. Zumindest haben das viele der heute dort Beschäftigten nicht getan, sie arbeiteten sich stattdessen in das Thema ein. In diesem Umfeld initiierte auch Daniela Gutberlet, Professorin für Umwelttechnik und Logistik, nach vielen Jahren in der Industrie ein neues Studienangebot. Sicherheit in der kerntechnischen Entsorgung nennt sich der neue Weiterbildungsmaster an der Westfälischen Hochschule (WH), der Menschen mit mindestens einem Jahr Berufserfahrung einen Überblick vom Rückbau kerntechnischer Anlagen bis hin zur Endlagerung vermitteln soll. Anders als geplant konnte es mit dem Studienangebot noch nicht losgehen. Bislang waren noch nicht genügend Studieninteressierte bereit, das Entgelt in Höhe von rund 30.000 Euro zu zahlen. Warum sollte jemand den Master absolvieren, wenn man auch ohne entsprechenden Studiengang einen Job findet? „Wir benötigen in Deutschland den Kompetenzerhalt auf akademischem Niveau, um unseren Aufgaben auch in Zukunft sicher nachkommen zu können“, ist WH-Professorin Gutberlet überzeugt. Eine aufgabenspezifische Einarbeitung im Job reiche dafür nicht aus – und viele Fachleute aus Industrie und Behörden gingen in den nächsten Jahren in Rente. Gutberlet verweist auf einen gemeinsamen Appell der drei Kommissionen, die das Bundesumweltministerium zu Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Entsorgung radioaktiver Abfälle beraten. Darin heißt es unter anderem: Die Bedeutung dieser Kompetenzen finde immer weniger Beachtung, und es stünden immer weniger Mittel zur Verfügung, um die junge Generation in diesen Kompetenzen zu befähigen. Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten müssten erhalten und weiterentwickelt werden – eben auch an Hochschulen. Bleibt die Frage: Werden denn Leute in der Endlagerung gesucht? „Es werden sehr spezielle Fachrichtungen gesucht“, sagt Andrea Kozlowski. Etwa „Leute, die Bergbau können“. Kozlowski ist Sprecherin der Jungen Generation der Kerntechnischen Gesellschaft, die „Nachwuchskräfte im kerntechnischen Bereich zusammenbringt“. Auch Kozlowski sieht perspektivisch mehr Einstellungen, wenn das Standortauswahlverfahren fortschreitet. Doch sie denkt: „Wenn man jetzt mit dem Studium anfängt, muss man wissen, dass es eine Durststrecke geben wird.“ Nach ihrer Promotion auf dem Gebiet arbeitet sie auf einer befristeten Stelle im Bereich der Endlagerung. Auf Jobsuche war sie dafür ein Jahr lang. Nur auf Jobchancen zu schauen, sei keine gute Motivation, um sich im Studium auf Endlagerung zu spezialisieren. Aber: „Wenn man wirklich für das Thema brennt, dann sollte man es auch machen.“ Es klingt wie bei vielen anderen Spezialisierungen. Nur mit einer Aufgabe für die Ewigkeit.