Immerhin auf eines kann sich Jan G. jetzt freuen: Er muss nicht mehr jeden Tag um sein Leben fürchten. Stattdessen wird er seine Zeit in Untersuchungshaft verbringen, mutmaßlich im Hochsicherheitsgefängnis Vught. Wie die Zeitung „De Telegraaf“ berichtet, hat ein deutscher Richter am Donnerstag die Auslieferung von Jan G. an sein Heimatland, die Niederlande, genehmigt. Die haben einen Europäischen Haftbefehl gegen den 28 Jahre alten Mann ausgestellt, der schon wegen Rauschgiftdelikten verurteilt worden ist. Diesmal geht es um eine Kokainlieferung, die am 7. September im Hafen von Dünkirchen abgefangen wurde: 3,9 Tonnen Kokain im Schwarzmarktwert von 225 Millionen Euro. Jan G. soll der Auftraggeber sein. Am 18. September war er von der deutschen Polizei auf der A 44 bei Soest angehalten und festgenommen worden. Im Auto saßen außerdem seine Frau und seine Kinder. Die Familie hatte aufregende Wochen hinter sich, mit wechselnden Verstecken. Sie war auf der Flucht, aber nicht vor der Polizei, sondern vor einer rivalisierenden Drogenbande. Tatsächlich war sie nur um ein Haar dem Tod entronnen, als am 1. September um vier Uhr morgens plötzlich mehr als dreißig vermummte und schwerbewaffnete Personen vor ihrem Haus in Overasselt auftauchten. Die beschauliche Gemeinde liegt in Gelderland, ein paar Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt. Sogar die Niederländer waren schockiert Was in jener Nacht geschah, schockierte sogar die Niederländer, die in Sachen Rauschgiftkriminalität allerhand gewohnt sind. Die Vermummten, allesamt männlich und zwischen 16 und 32 Jahre alt, waren über kriminelle Netzwerke rekrutiert worden. Sie hatten sich zunächst in einer Lagerhalle in Brüssel getroffen, wo sie über ihren Auftrag informiert wurden: Sie sollten das Haus von Jan G. überfallen und jeden töten, der sich dort aufhielt. So haben es einige der Verdächtigen, die später festgenommen wurden, nach Polizeiangaben berichtet. Die Anführer bekamen automatische Waffen ausgehändigt, die anderen Pistolen. Mit mehreren Vans machten sie sich dann auf den Weg nach Overasselt. Dort marschierten die Männer zum Anwesen von Jan G. im Ewijkseweg, was von Überwachungskameras dokumentiert ist. Vor dem Haus erschossen zwei Personen aus der Gruppe einen Bewacher, den G. engagiert hatte. Kurz darauf traf ein Streifenwagen ein, der einen Notruf erhalten hatte. Die Vermummten eröffneten sofort das Feuer, auf einem Video sind mehrere Schüsse in schneller Folge zu hören. Die beiden jungen Polizisten wurden schwer verletzt, einer schwebte zwischenzeitlich in Lebensgefahr. Nach diesem Zwischenfall machten sich die Angreifer aus dem Staub. Jan G. flüchtete ebenfalls, angeblich in Unterhose und mit einem Kleinkind auf dem Arm, durch seinen Garten hinter dem Haus. Verletzt wurde er nicht. Er war vorgewarnt. In sozialen Netzwerken kursierte schon vor dem Angriff ein Video, das vier maskierte Männer zeigt. Drei sind mit Sturmgewehren und einer Maschinenpistole bewaffnet, der vierte trägt, mit erheblichen Leseschwierigkeiten, eine Morddrohung vor. Er spricht Englisch mit spanischem Akzent und wirft Jan G. vor, dieser habe „1283 Kilogramm“ von „unserem belgischen Freund in Spanien“ gestohlen. Diese Menge habe Spanien nie verlassen. „Du hast zwölf Stunden Zeit, um die Ware zurückzugeben“, sagt der Vermummte. „Danach werden wir jeden töten, den du liebst.“ Seine Frau, die Kinder, die gesamte Familie, Freunde und alle, die ihm geholfen hätten. Das Kokain war in Kokosnüssen versteckt Die besagten 1283 Kilogramm waren Kokain und in Kokosnüssen versteckt, die mit einem Seecontainer nach Spanien eingeführt wurden. Am 8. September teilte die spanische Polizei mit, dass sie die Ladung in Sevilla abgefangen habe, kurz bevor die Ware ausgeliefert werden sollte. Sie habe die verdächtige Lieferung seit Monaten im Blick gehabt. Wer dahinterstand, gaben die Ermittler nicht bekannt. Niederländische Zeitungen stellen mit Verweis auf ungenannte Quellen einen Bezug zu Jos Leijdekkers her, einem der meistgesuchten Verbrecher des Landes. Leijdekkers steht unter dem Schutz Sierra Leones, die niederländische Regierung bemüht sich seit fast zwei Jahren vergeblich um die Auslieferung des Mannes, der in Belgien und den Niederlanden in Abwesenheit zu insgesamt 102 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Bemerkenswert ist, dass Justizminister David van Weel selbst Leijdekkers in Zusammenhang mit dem Vorfall in Overasselt nannte. Dessen Anwälte wiesen jede Verwicklung ihres Mandanten zurück. Die Angreifer wurden von der Polizei nach der Tat in einer konzertierten Aktion festgenommen, 32 Personen sitzen seither in Untersuchungshaft. Ihnen werden die Tötung des Wachmanns, versuchter Mord an den beiden Polizeibeamten, vorbereitende Handlungen zu Mord, Totschlag, Geiselnahme und Freiheitsberaubung sowie unerlaubter Waffenbesitz vorgehalten. 16 Personen kommen aus Frankreich, elf aus den Niederlanden, je zwei aus Belgien und Algerien und je eine aus Libyen und der Ukraine. Der Zugang zum Anwesen ist gesperrt Jan G. hat eine lange kriminelle Vorgeschichte. 2019 entdeckten Ermittler ein Drogenlabor in einem Seecontainer auf dem Grundstück in Overasselt. Zwei Jahre später hoben sie ein weiteres Labor aus, in dem die synthetische Droge MDMA hergestellt wurde, besser bekannt als Ecstasy. Im April dieses Jahres wurde er deshalb zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Weil er jedoch in Berufung ging, durfte er bis zum rechtskräftigen Urteil in Freiheit bleiben. Zudem läuft ein weiteres Verfahren wegen Geldwäsche gegen ihn und seinen Vater, auf den das Grundstück im Grundbuch eingetragen ist. Der für Overasselt zuständige Bürgermeister hat den Zugang zu dem Anwesen für ein Jahr gesperrt. Er hoffe, sagte Joeri Minses, er könne der Gemeinde so wieder zu etwas Ruhe verhelfen, auch wenn das Sicherheitsgefühl so schnell nicht zurückkehren werde.
