Das Schlachtfeld liegt erhöht und ist gut einsehbar. Infanteristen nehmen Aufstellung, jetzt auch die Kavallerie. Offiziere bedrängen den König. Als sich die Truppen gegenüberstehen, gibt es kein Entrinnen mehr, der erste Bauer stürmt vor, d2 auf d4, danach ist er auf Feindesland. Quer durch das Schlachtfeld verläuft die Grenze, sie teilt das Schachspiel, und sie trennt das Königreich der Niederlande vom Königreich Belgien. Eine Grenze aus kleinen schwarzen und weißen Quadraten. Nirgends auf der Welt teilt ein Schachfeld zwei Länder, nur hier in Baarle, und nur hier, am südlichen Ende der Niederlande, lässt sich Krieg in seiner zivilsten Form spielen, im Sitzen, an einem Tisch, über den sich die mit weißen Kreuzen markierte Grenzlinie zieht. Baarle tut viel dafür, das verrückteste Grenzdorf der Welt zu sein. Der Schachtisch ist die jüngste Idee. Marjon de Hoon-Veelenturf, die Bürgermeisterin von Baarle-Nassau, trat hier gegen Philip Loots, ihr belgisches Pendant aus Baarle-Hertog, an. Assistiert wurden sie von den jeweiligen nationalen Großmeistern. Ein Spaß natürlich, ein Einfall des Tourismusbüros, das in Baarle auch schon eine Doppelschaukel auf die Grenze gestellt hat, abgenommen natürlich von beiden Aufsichtsbehörden, denn wer in den Luftraum des anderen Landes eindringt, soll in Baarle nicht nur hoch, sondern auch sicher fliegen – und heil zurückkommen. Die eigentliche Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien erreicht selbst der wildeste Schaukler nicht. Bis zur Staatsgrenze sind es noch zwei Kilometer. So weit ist Baarle von Belgien entfernt. Und doch gibt es in dem Dorf Grenzen in unüberschaubarer Vielfalt. Das liegt an den Enklaven, den fremden Einsprengseln im eigenen Land. Baarle ist in dieser Disziplin Weltmeister. Und weil „Dorf“ bei einem staatstragenden Wettbewerb nicht angemessen ist, nennt man sich „Stadt“, Welthauptstadt der Enklaven. Der Ort ist von weißen Grenzmarkierungen durchzogen, von Kreuzen, die auf das Pflaster gemalt sind, von eingelassenen Aluminiumplatten und Metallmarken. An den Laternenmasten haften Aufkleber in Nationalfarben, am Boden kennzeichnen Buchstaben die Länder, „B“ für Belgien, „NL“ für die Niederlande. Quer durch Gärten verlaufen Grenzen, sie springen durch Häuser, teilen Straßen, Wohnungen und Zimmer. Baarle-Nassau ist niederländisch und hat ein blaues holländisches Ortsschild, Baarle-Hertog ein weißes belgisches, das niederländische oben, das belgische unten, doch bevor wir uns restlos in dem Grenzpuzzle verirren, fragen wir den Mann, der den Überblick behält, den Tourismusförderer Willem van Gool. „Wir haben 22 belgische Enklaven in Baarle“, sagt er, „und in zwei dieser 22 Enklaven stecken sieben niederländische Konterenklaven, also Puzzleteile, die sich in Belgien verbergen, aber letztlich in den Niederlanden liegen. Zusätzlich gibt es ein Stückchen Land, das Baarle in Belgien gehört.“ Willem strahlt wie ein Zauberer, der seinen Trick wiederholen kann, weil er weiß, dass man ihn auch beim zweiten Mal nicht durchschaut. „In der Summe sind das 30 von weltweit 62 Enklaven.“ Kein Mensch wusste mehr, wo die Grenzen verliefen Er zeigt auf den runden Tisch im Besucherzentrum, der so groß ist, dass wir auf den Feldern und Häusern herumspazieren könnten. Jedes Detail ist auf dieser Luftaufnahme verzeichnet, und aus dem Zentrum fliegen farbige Flächen, scharfkantige Puzzleteile, kleine und große Stücke, unregelmäßig und so seltsam geschnitten, dass sie nie wieder zusammengelegt werden können. Diese Flächen sind die Trümpfe des Willem van Gool, seine Enklaven. USP, sagt Willem, Unique Selling Point, das Alleinstellungsmerkmal von Baarle. Das Grundbuch-Tohuwabohu geht auf Herzog Hendrik I. von Brabant zurück, der 1198 Land verleiht, um von den Pächtern Steuern zu erheben. In den folgenden Jahrhunderten geraten die Ländereien zwischen die Mühlsteine der bewegten niederländischen Vergangenheit. Spanier, Franzosen und Österreicher greifen ein, Kanonen donnern, das Königreich Belgien entsteht, die Deutschen kommen und gehen – und 15 Versuche scheitern, die Grenzen eindeutig festzulegen. Irgendwann weiß kein Mensch mehr, wo die Grenzen verlaufen. Eine meterlange Schautafel illustriert im Tourismusbüro die wilde Geschichte, die erst im Jahr 1995 endet. 15 Jahre haben die Katasterämter recherchiert, dann gelingt es den Baarlern, ihre Grenzverläufe verlässlich zu kartographieren. Das Ergebnis ist überraschend. Viele Häuser stehen mitten auf der Grenze. Was tun? Die Baarler einigen sich auf eine pragmatische Regel: Dort, wo die Grenzen durch die Gebäude laufen, soll die Lage der Haustür über die Staatszugehörigkeit entscheiden. Und weil manches Haus auch eine Hintertür hat, die in ein anderes Land führte, wählt man die Vordertür. „Frau Bont, die im Chaamseweg 10 lebte, war Belgierin“, erinnert sich Willem. „Da sie nach der Grenzfeststellung in den Niederlanden wohnte, tauschte die resolute Vierundachtzigjährige Tür und Fenster, legte ihre Fußmatte auf belgischen Boden, betrat frohgemut ihr Haus und war mit diesem Kunstgriff wieder in ihre Heimat gezogen.“ Baarle ist ein Muster für die Europäische Union, ein Labor, bei dem geprobt wird, wie Menschen sich abstimmen, wenn unterschiedliche Normen und Gesetze gelten. „Wir müssen miteinander reden“, sagt Philip Loots, der belgische Bürgermeister, „und uns einigen.“ Er empfängt im belgischen Gemeindehaus. Das steht selbstverständlich auf der Grenze. Schräg durch den Ratssaal verläuft ein Lichtband. „Wir sind der einzige Ort auf der Welt, in dem wir eine Grenze ein- und ausschalten können“, sagt Loots. Dreimal im Jahr trifft sich hier der Enklaverat. Vier Niederländer kommen zusammen, drei Belgier. Dann diskutieren sie gemeinsame Vorhaben, sprechen über das im Bau befindliche Kulturzentrum mit seiner Drehtür, die Besucher auf der belgischen Seite hineinschleust und auf der niederländischen entlässt, die Kooperation der Feuerwehr, der Polizei und der Krankenhäuser. „Wir sind der Prüfgarten Europas“, sagt Willem, „sprechen eine Sprache, haben aber unterscheidbare Akzente.“ Willem klickt auf einen QR-Code, spielt ein niederländisches Audio ab und murmelt zufrieden „Ja“. Danach Flämisch. „So spricht Philip: sehr weich, soft, er sagt nicht einmal ‚Prost‘ sondern ‚Santé‘.“ Der Bürgermeister setzt ein feines Lächeln auf: „Die Herausforderung liegt in der unterschiedlichen Kultur.“ Niederländer seien pragmatischer. Sie wandelten unbekümmert Kirchen in Buchhandlungen oder Hotels um. Der Denkmalschutz spiele eine untergeordnete Rolle. „Wir reißen schnell schon mal was ab“, bestätigt Willem. Belgier seien formaler, traditionsbewusster, mehr an Kultur interessiert. Ihre Schulen seien in Baarle begehrter. Wenn Fußball übertragen werde, feuere jede Nation ihre Mannschaft an. Scheide in einem Turnier eine Mannschaft aus, stünden aber alle wie ein Mann hinter dem Gewinner, egal ob Holland oder Belgien. Es geht um pragmatische Lösungen Im Enklaverat rede man selbstverständlich auch über Geld. Niederländer verdienten besser. Ihre Häuser seien teurer. „Wir müssen mittlerweile Baugrund für unsere Landsleute reservieren“, sagt Loots, „doch manchmal finden wir auch kreative Lösungen.“ Weil die Bauvorschriften in den Niederlanden strenger als in Belgien sind, haben die Bewohner von Desirée Geeraertstraat 2 zu einer List gegriffen. Sie bauten in ihr Haus, das durch die Grenze geteilt wurde, auf belgischer Seite eine zweite Haustür ein, stockten nach belgischem Recht auf und erfanden eine „3D-Grenze“. Jetzt wohnen sie friedlich übereinander, die Niederländer unten, die Belgier im zweiten Stock, getrennt durch eine horizontale Grenze. Dass die beiden Eingangstüren für alle sichtbar in den gleichen Flur führen, spielt keine Rolle. „Wir suchen immer Vereinbarungen, die lebensnah und unbürokratisch sind“, sagt Philip Loots. In den Niederlanden dürfen Jugendliche von 18 Jahren an Alkohol trinken, in Belgien von 16 Jahren an. „Sollen wir in den Kneipen kontrollieren? Da bestellt doch der ältere Freund für den jüngeren. Und was machen wir bei Parkverstößen?“ Niederländer dürfen links wie rechts am Straßenrand anhalten, Belgier nur in Fahrtrichtung. „Wir machen Gesetze, die wir ‚grau‘ nennen, schauen durch die gespreizten Finger und tolerieren das Verhalten.“ Manchmal stoßen aber auch die gewitzten Baarler an ihre Grenzen. Die vielen Feuerwerksläden sind den Stadtoberen ein Dorn im Auge. Wie in Deutschland ist der Verkauf von Böllern und Raketen in den Niederlanden auf wenige Tage im Jahr beschränkt. In Belgien jedoch nicht, und der Bedarf nach Feuerwerkskörpern scheint unersättlich. Die Geschäfte werden murrend akzeptiert. Einmal kippten die Bürgermeister ein nationales Gesetz. Es ging um Müll. Wegen der gesplitterten Zuständigkeiten fuhren täglich Müllwagen durch die Straßen, bis die Baarler genug vom Krach hatten und die Abfuhr für beide Länder gemeinsam ausschrieben. Seitdem schafft ein belgischer Anbieter den Müll aus der Stadt und karrt ihn nach Belgien, obwohl die Niederländer rechtlich den Müllexport verbieten. „Wir fahren ständig nach Brüssel, um unsere Probleme vorzutragen“, sagt Loots, „und hoffen, dass nicht noch einmal so etwas wie in Corona passiert.“ In den Jahren der Pandemie eskalierten die Probleme. Grenzschließungen hier, Lockdown da, Maskenpflicht hüben, Freiwilligkeit drüben. „Die beiden Innenminister saßen hier und haben sich die Haare gerauft.“ Weil in der Praxis nicht alle Auflagen umsetzbar waren, machten es die Baarler wie immer. Sie nahmen das Beste von beiden Seiten. Masken trugen sie freiwillig. Philip Loots legt seine Amtsschärpe an. „Die trage ich bei offiziellen Anlässen“, sagt er, „zum Beispiel bei Trauungen.“ Dabei müsse er aufpassen. Die Brauteltern dürften im Saal sitzen, wo sie wollen, aber Brautpaar und Trauzeugen müssten auf belgischer Seite Platz nehmen, „sonst ist die Heirat nicht gültig“. Sagt er und knipst das Licht seiner Grenze aus. Wir folgen den LED-Lichtern vor der Tür. Rotbraune Ziegelsteine bedecken den Boden, rotbraune Ziegelsteine klettern die Hauswände hoch. „Je bent in Baarle-Hertog“ steht an den Lichtmasten - wir sind also in Belgien. Am Ende der Straße ein beflaggtes Haus mit einer Haustür und zwei Hausnummern, Loveren 2 und Loveren 19. Das eine ist die belgische Hausnummer, das andere die niederländische. Wir haben die kleinste Enklave der Welt erreicht. Sie heißt H7. H7 besteht aus anderthalb Häusern und einem halben Garten. Seit eine Bewohnerin verstorben ist, hat die Enklave ein Drittel ihrer Einwohner verloren. Zwei Belgier leben jetzt hier. Ahnungslose Bürger wurden Opfer des Todesdrahts Eine Tafel mit QR-Code informiert über die Absurditäten, die der Krieg der Enklave brachte: Niederländische Soldaten hatten das Haus im Zuge ihrer Mobilmachung 1939 besetzt – und prompt Ärger mit der angerufenen belgischen Justiz bekommen, denn die Soldaten hatten versehentlich ein belgisches Gebäude konfisziert. Der sibyllinische Urteilsspruch: Die Soldaten mussten Schlafplätze und Schreibtische tauschen. Schlafen in Belgien wird in Kriegszeiten toleriert, nicht aber das Arbeiten. Solche Probleme kennt Ed Delaat nicht. Sein Haus liegt in den Niederlanden, eindeutig, denn dort steht die Vordertür. Bei ihm läuft die Grenze durch die Küche. Den Herd hat er so ausgerichtet, dass Ed in Belgien kocht. Das macht Sinn, die belgische Küche hat einen besseren Ruf. Und das Spülen – geht auch in den Niederlanden. Eine Straße weiter trennen Markierungsknöpfe die Fahrbahnen. Doch sollten Autofahrer achtgeben, sich von ihnen leiten zu lassen. Die Metallknöpfe sind keine Verkehrszeichen, sondern Grenzen und schwenken unvermittelt in einen Garten. Wir passieren die Bakkerij Vromans, den Discounter Albert Heijn und erreichen das alte Rathaus, einen Klinkerbau mit angesetzter Freitreppe. Eine Tafel erinnert an den berüchtigten Dodendraad, den viele Hundert Kilometer langen Todesdraht, den Deutsche im Ersten Weltkrieg zwischen dem besetzten Belgien und den neutralen Niederlanden spannten. Mit der Starkstromleitung sollten Grenzübertritte verhindert werden. Doch die Hochspannungsleitung forderte auch zivile Opfer – die meisten unter den arglosen Bürgern von Baarle, deren Straßen mit 2000-Volt-Zäunen getrennt wurden. In der Remigiuskirche gedachte man der Verstorbenen. Die Kirche steht im Zentrum des Ortes auf belgischem Grund, die Grenze läuft neben ihr und teilt die Terrasse des Restaurants Den Engel. Gäste sehen den Besuchern zu, wie sie auf den weißen Kreuzen balancieren und sich aus Holland und Belgien die Hände reichen. Und doch lebt Baarle nicht nur vom Tourismus. Lumiforte, Weltmarktführer für intelligente Beschichtungen, hat hier seine Zentrale. Die Technik kühlt oder wärmt Gewächshäuser, neuerdings mit biobasierten Schattierungen. Neue Arbeitsplätze entstehen auch durch die Brainport-Initiative, die von der boomenden Firma ASML im benachbarten Eindhoven angestoßen wird, ohne deren Maschinen die Mikrochipherstellung nicht denkbar wäre. Um die Zusammenhänge einer vernetzten Welt deutlich zu machen, hat sich Willem etwas Neues einfallen lassen. Er plant, einen Glasdeckel auf eine Straße zu legen, unter der Wasser-, Elektro-, Gas- und Glasfaserleitungen verlaufen. Manche Netze seien in Baarle getrennt, manche hätten für Belgier und Niederländer unterschiedliche Preise, „aber wir haben alle die gleichen Bedürfnisse und trinken das gleiche Wasser“. Bei so viel europäischer Gesinnung fragt man sich, warum noch kein EU-Gipfel in Baarle getagt hat. Ursula von der Leyen ist noch nicht hier gewesen. Stattdessen erscheinen Delegationen aus Ländern mit Grenzkonflikten. Moldawier, Chinesen, Iren, Serben und Koreaner waren schon vor Ort. 16.000 Touristen betraten im vergangenen Jahr das Tourismusbüro, mehr als Baarle Einwohner hat. Willem pflanzt für jeden eine Flagge in seine Weltkarte. Im vergangenen Jahr begrüßte er Inder, Polen, Japaner und Engländer. Auch 243 Ukrainer und 133 Russen, das macht Hoffnung. Er greift sich einen bordeauxroten Pass, überspringt die Seiten mit den persönlichen Angaben, zieht seinen Stempel „World Capital of Enclaves“ hervor und beginnt die besuchten Enklaven abzustempeln. H1 im Zentrum bis H22 im Niemandsland, das H steht für Hertog, die belgischen Enklaven, das N für Nassau, die niederländischen. „Aber das Wichtigste – bei keiner Annexion floss Blut, weder auf dem Feld, noch am Schachtisch.“ Informationen: Das niederländische Baarle-Nassau, auf Flämisch Baarle-Hertog, liegt 50 Kilometer von Eindhoven in den Niederlanden und 50 Kilometer von Antwerpen in Belgien entfernt. Routen zu den Enklaven sind im Ort ausgeschildert, auch ein 18 Kilometer langer Rundkurs für Radfahrer. Die Sehenswürdigkeiten werden auf Tafeln beschrieben. Ein QR-Code übersetzt Niederländisch in zehn Sprachen; www.visitbaarle.com
