FAZ 09.09.2026
18:02 Uhr

Dirigentin Marie Jacquot: Die erste Frau an der Spitze eines deutschen Rundfunkorchesters


Marie Jacquot wird Chefdirigentin beim WDR-Sinfonieorchester

Dirigentin Marie Jacquot: Die erste Frau an der Spitze eines deutschen Rundfunkorchesters

Der neue Dirigententypus macht keine großen Worte. Er ist an der Sache orientiert und steht zur Handwerklichkeit seines Berufes. Zunächst einmal geht es ja um die Organisation einer Gruppe von oft 100 Musikern. Der neue Typus liebt die Klarheit des Klangs, sodass möglichst alle Stimmen des Orchesters gut zu hören sind (das hat seine demokratischen Seiten), er schätzt die Präzision. Kalt ist er deswegen nicht: Er ist erfüllt von einer tiefen Bewunderung für alles Musikalische und einer Begeisterung für die klanglichen Möglichkeiten, die ein großes Orchester bietet. Er hegt eine entschiedene Hochachtung vor dem Werk, das er aufführt, und vor all denen, die ihm dabei helfen – den Orchestermusikern nämlich. Man wird Kirill Petrenko, den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, zu diesem Typus zählen dürfen, Wladimir Jurowski, den Münchener Generalmusikdirektor und Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, Donald Runnicles, den neuen Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie, vielleicht auch Christian Thielemann, dessen Stil in den vergangenen Jahren immer sachlicher geworden ist. Auch Marie Jacquot gehört dazu, die beim WDR-Sinfonieorchester nun ihr Amt als Chefdirigentin antritt, 36 Jahre alt und mit einer steilen Karriere hinter sich. Die führte nach Studien in Wien und Weimar über Kapellmeisterposten in Würzburg und an der Deutschen Oper am Rhein nach Kopenhagen, wo sie seit 2024 Chefdirigentin der Königlichen Oper ist. Im kommenden Januar steht die Entscheidung an, ob die Zusammenarbeit über das Vertragsende 2029 hinausgeht. Bei den Staatskapellen in Berlin und Dresden gastierte sie in der Vergangenheit oft, auch bei den Rundfunkorchestern des Bayerischen, des Hessischen und des Westdeutschen Rundfunks. Zu erleben war eine Dirigentin mit unprätentiösem Auftreten, mit einer sparsamen, ganz uneitlen Zeichengebung. Richard Strauss (einer ihrer Lieblingskomponisten), ein Verfechter des Taktschlagens nur mit einer Hand, hätte seine Freude gehabt. Immer im Fluss, immer in der Schwebe hält Marie Jacquot dabei die Musik, nie wird es klebrig oder breiig, auch nicht bei den Symphonien Anton Bruckners (ein weiterer ihrer Lieblinge), die sie mit Sinn für vollen Klang, aber auch mit freiem Atem dirigiert – blitzenden Auges und lächelnden Mundes (darin erinnert sie an Claudio Abbado und Carlos Kleiber). Atmen dürfen bei Jacquot auch die Musiker: Etwas Apodiktisches oder Hartes hat ihr Schlag bei aller Verbindlichkeit nie. „Ich will immer mit dem arbeiten, was die Musiker mir anbieten. Darin bin ich Teamplayer“, sagt Jacquot beim Telefongespräch, kurz bevor sie sich in Kopenhagen wieder aufs Rad schwingt, um zu den Proben im Opernhaus zu fahren. In der Woche vor dem Kölner Amtsantritt am 18. September steht die Premiere von Jules Massenets „Werther“ an – französisches Repertoire, das allerdings eher am Rand von Jacquots Vorlieben steht. Dass ihre musikalische Seele der deutschen Romantik gehöre, hat sie oft gesagt: Bruckner, Brahms, Strauss und nun auch wieder Richard Wagner – nach Teenagerschwärmertum und anschließender Distanzierungsphase. Ihr Antrittskonzert wird sie mit dem Vorspiel zum „Lohengrin“ eröffnen. Nachwuchshoffnung im Tennis Wie kommt eine Jugendliche in Chartres (die außerdem zu den französischen Nachwuchshoffnungen im Tennis zählte) zur deutschen Romantik? Das habe viel mit dem Instrument zu tun, das sie gelernt hat: der Posaune. „Die großen Choräle bei Bruckner, die Art, wie Brahms die Posaunen in seinen Symphonien einsetzt, die Blechbläsersätze bei Wagner: Das hat mich sehr fasziniert.“ Beim Studium in Wien hat sich diese Faszination vertieft, Frankreich hatte sie auf Anraten ihres damaligen Dirigierlehrers verlassen. Das Wettbewerbssystem der französischen Ausbildung würde ihr zu wenig Luft für kreative Entwicklung lassen. Bis heute ist bei Jacquot eine kritische Distanz zu ihrer Heimat zu spüren, auch von der französischen Freude an der Revolution möchte sie nicht viel wissen. „Ich schätze die Tradition“, sagt sie, „ich will sie aber weiterentwickeln, damit sie nichts von ihrer Lebendigkeit verliert.“ Für ihre neue Aufgabe in Köln heißt es in der ersten Saison dann auch zunächst: schauen, was möglich ist. Bewusst breit habe sie das Repertoire gewählt, damit sie das Orchester in unterschiedlichen Stilen bei verschiedenen Komponisten kennenlernen könne – und die Musiker sie. Am Ende soll dann eine gemeinsame „Kunst des Erzählens“ stehen, denn Musik sei doch vor allem eine Erzählung ohne Worte. Um Lebendigkeit beim Erzählen zu erreichen, hinterfragt Jacquot nicht zuletzt den Perfektionsstandard, der durch den Aufnahmebetrieb entstanden ist. „Ich höre derzeit viele alte Mitschnitte, die noch vor der Zeit moderner Studiotechnik entstanden sind, und bin fasziniert von der gestalterischen Freiheit, die zu erleben ist. Igor Markevitch zum Beispiel, wenn er die zweite ‚Daphnis und Chloe‘-Suite dirigiert: so viel Risiko bei der Aufführung, so viele Temporückungen! Er begreift Musik ganz entschieden von ihrem Charakter her.“ Zugleich begibt sich Jacquot mit besonderer Freude in die klar definierten, auf die kluge Zurückhaltung der Dirigenten angewiesenen Klangräume Richard Strauss’. In der vergangenen Saison dirigierte sie in Kopenhagen ihren ersten „Rosenkavalier“, für sie ein Werk der Werke, von einer Aufführung der „Alpensinfonie“, vielleicht ihr Lieblingsstück überhaupt, träumt sie noch. Was sie an Strauss so fasziniert? Die menschliche Nähe seiner Musik, ihre selbstverständliche Zugewandtheit. Da mag sich in der Vorliebe auch der eigene Charakter spiegeln. Zugewandtheit und menschliche Nähe: Das beschreibt zu einem guten Teil auch die Dirigentin selbst. Eine gute Nachricht für alle, die bei klassischer Musik immer noch an den Elfenbeinturm denken.