FAZ 14.09.2026
12:15 Uhr

Dichtung und Grab: Romantik und Vergänglichkeit


Klage, Trost, Angst und Neugier: Christoph Palmer widmet sich in einem Sammelband dem Verhältnis deutscher Romantiker zum Tod, und Henning Kreitel fotografiert deren Grabdenkmäler.

Dichtung und Grab: Romantik und Vergänglichkeit

Er war ganz oben, ein Star im literarischen Leben seiner Zeit. Seine Bücher waren Bestseller und wurden häufig bereits kurz nach Erscheinen raubkopiert. Mit seinen „Sigurd“-Dichtungen schwamm er auf der Welle der Mittelalterbegeisterung zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, und seine „Undine“ brachte ihm die Verehrung auch seiner Kollegen ein – der eigentlich ganz anders geartete E. T. A. Hoffmann komponierte nach dem Libretto seines Freundes sogar eine Oper, die erfolgreich in Berlin uraufgeführt wurde. Doch Friedrich de la Motte Fouqués Stern sank. Während sich nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon die Zeiten änderten, blieb der 1777 geborene Dichter, wie er war, vielleicht noch ein bisschen christlicher als bisher, als um ihn herum die Industrialisierung auch Deutschland von Grund auf veränderte. Seine Romane und Schauspiele fanden kaum noch Resonanz, einige wurden zu seinen Lebzeiten gar nicht gedruckt. So auch sein sehr umfangreicher „Parcival“ nach Wolfram von Eschenbachs Roman, eine romantische Dichtung, die Fouqué 1831 begann, nachdem seine zweite Frau gestorben war. „Ein grünes Grab“ sei nun sein „HoffnungsAugenmerk“, schreibt er im Prolog: „Ein Grab, das ernstlichhold mich mahnt: ‚empor!‘ / Ein Grab, das mich als BrautMal will beglücken.“ Das Klapperbein soll schön wegbleiben Dass zur literarischen Romantik auch der Tod und mithin das Grab gehört, ist bekannt, und schon Novalis’ „Hymnen an die Nacht“ loten lustvoll diese Verbindung aus. Das ist oft genug ein literarisches Spiel mit auch frivolen Zügen. Im „Parcival“ stellt sich der moderne Dichter vor, wie ihn der mittelalterliche Autor besucht und ihm deswegen ins Gewissen redet. „Schon meine JünglingsLieder riefen oft dem Tod“, verteidigt er sich. Und Wolfram antwortet: „Fernher. Nie wann der Klapperbein dir nahe stand.“ Christoph Palmer hat nun einen Band zusammengestellt, der die Beschäftigung einer Reihe von Männern und wenigen Frauen dokumentiert, die zu den Romantikern gerechnet werden – Autoren, Philosophen, Salonnieren, Historiker und Künstler. Einer kurzen Vorstellung folgt jeweils ein kurzer Textausschnitt, ein Gedicht oder auch eine Briefstelle. Darunter ist manches Erwartbare, wie Hölderlins „Hälfte des Lebens“ oder eines der Kindertotenlieder von Friedrich Rückert, das den Leser dennoch unvermittelt trifft mit seinem wiederholten, zwischen Trost und Verzweiflung changierenden Zeilenpaar „Du lebst in meiner Klage / Und stirbst im Herzen nicht“. Anderes zeugt von stupender Belesenheit und ermöglicht Wiederbegegnungen mit halb vergessenen Texten von August Klingemann, Wilhelm Waiblinger oder Hermann Kurz. Sie erzählen vom Tod der anderen, von tatkräftiger Hilfe zum Überleben oder eben vom Unterlassen. „Soll ich den Tod betrügen um das Bettlerleben?“, fragt Klingemanns wunderlicher Erzähler, der sich selbst „Kreuzgang“ nennt, als er einen Armen beobachtet, der in der Kälte einzuschlafen droht: „Beim Teufel, ich weiß es ja nicht was besser ist – Sein, oder Nichtsein!“ Zeigt Annette von Droste-Hülshoff ein sardonisches Lächeln? Andere flirten – wie einst Fouqué in seinen „JünglingsLiedern“ – heftig mit dem Tod, etwa der Lyriker Max von Schenkendorf, ein Teilnehmer an den Befreiungskriegen. „Todessehnen“ heißt ein hier abgedrucktes Gedicht Schenkendorfs: „Hör’es, Vater in der Höhe / Aus der Fremde fleht Dein Kind: / Gib, daß er mich bald umwehe, / Deines Todes Lebenswind.“ Jacob Grimm, auch ihm ist ein Eintrag in diesem Buch gewidmet, erlebt den patriotischen Lyriker Anfang 1814 in Karlsruhe auf dem Weg nach Frankreich. Schenkendorf trägt in Gesellschaft eine Ballade vor, „worin“, schreibt Jacob Grimm seinem in Kassel gebliebenen Bruder Wilhelm, „in jeder Strophe: Cattenblut, heißes Blut, rothes Blut wiederkommt“. Der Band belässt es nicht bei Textzeugnissen. Der Fotograf Henning Kreitel hat in Deutschland, aber auch in Italien, Österreich, der Schweiz und Frankreich Gräber und Denkmäler der vorkommenden Romantiker aufgesucht und im Bild festgehalten. Manche sind schlicht, etwa die efeuüberwucherte Grabplatte der Rahel Varnhagen auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin, andere überraschend pompös und auch mit religiösen Motiven überladen (der fromm gewordene Friedrich Schlegel bekommt in Dresden eine Kreuzigungsstatue aufs Grab), heroisch – wie das von August Graf von Platen-Hallermünde in Syrakus – oder persönlich: Zeigt Annette von Droste-Hülshoff nicht ein geradezu sardonisches Lächeln? Fouqués Grab auf dem Alten Ganisonsfriedhof in Berlin-Mitte ist von wildem Grün umgeben, mit Abstand in allen Richtungen. Dass er es dann doch nicht allzu eilig hatte, das „HoffnungsAugenmerk“ zu erreichen, und dass er die Zeit für eine Reihe von Dichtungen nutzte, ist unser Glück. Christoph Palmer, Henning Kreitel: „Die Gräber der deutschen Romantik“. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026. 196 S., Abb., br., 24,– €.