Langsam wird es Herbst in Deutschland, und so mancher mag in der orientierungslosen Bewegung des taumelnden Blatts kurz den eigenen Seelenzustand – wenn nicht sogar den des ganzen Landes – aufflackern sehen. Jedenfalls wäre das, dem Regisseur Christopher Rüping zufolge, eine durchaus deutsche Regung, ist der Herbst nicht nur aufgrund der obsessiven Beschäftigung der Romantiker von Novalis bis Brentano mit dem vergänglich Fallenden und dem unruhig Treibenden doch „die deutscheste aller Jahreszeiten“. In dem ambivalenten Motiv des Übergangs erkennt er vielmehr ein urdeutsches politisches Imaginäres, in dem sich Abgründiges und die Chance zur Verwandlung – mit offenem Ausgang – die Waage halten. Just in dem Herbst also, in dem der rasche Aufstieg der AfD ein Land in Erklärungsnot versetzt, tritt Rüping zu Beginn der neuen Theatersaison mit dem aufgeladenen Stücktitel „Deutscher Herbst“ an. Mögen bei dem Wort die allermeisten an das Krisenjahr 1977 denken, in dem die RAF die Bundesrepublik in unheilvollem Bann hielt, ist der Ausgangspunkt für Rüpings assoziative historische Tiefenbohrung in deutsche Seelenlagen ein anderer. Der schwedische Journalist und Autor Stig Dagerman verfasste 1946 auf einer Fahrt durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland einen gleichnamigen literarischen Reisebericht, in dem er als scharfer und unvoreingenommener Beobachter von einer zerrissenen gesellschaftlichen Situation erzählt: von Kellerdeutschen, Tuberkulose und der Allgegenwart des Hungers genauso wie von der Farce mancher Entnazifizierungsverfahren und vom Opportunismus. Eine Tochter auf Vatersuche Im Deutschen Theater Berlin, wo Rüpings Theaterabend nun Berlinpremiere feierte, werden manche der literarischen Passagen Dagermans eingewebt. Doch schlägt der Abend einen größeren Bogen. Die Protagonistin, Wiebke Mollenhauer, kommt aus dem Heute und ist auf den ersten Blick weniger von Geschichtsbewältigung als von Komplikationen privater Natur geplagt. Chronischer Schwindel überkommt sie immer häufiger, ohne dass Ärzte die Ursache gefunden haben. Das erzählt sie, etwas verloren, während sie bei ihrem dementen Vater zu Besuch ist, den sie vergeblich versucht, mit zarter Stimme und alten Volksliedern aus dem Gesangsbuch „Frau Musica“ zu erreichen. Es sind diese Momente der Ratlosigkeit und Vergessenheit, in die Rüping die Geister der Vergangenheit eintreten lässt – und dabei versucht, historische Tiefendimensionen aus dem Schwindel der Gegenwart freizulegen. Wenn Dagerman, vorgetragen von Steven Adjei Sowah, von der Trostlosigkeit erzählt, dann wandert Wiebke Mollenhauer mit, neugierig und doch mit ständiger, leichter Überforderung, staunend und doch bedrängt von der Geschichte. Immer wieder wird sie damit konfrontiert, dass sie verpasst hat, von ihrem Vater von der Vergangenheit erzählt zu bekommen, die nun einer Kuppel aus Blei gleicht. Schillernd an Dagermans Textvorlage ist jedoch vor allem sein Gespür für die ambivalenten moralischen Zonen, durch die er sich beschreibend bewegt: Wie er das Elend der Schwachen voller Empathie zu beschreiben weiß, ohne gleichzeitig den Blick für Täter und armselige Mitläufer zu verlieren, und so ein gesellschaftliches Bild zeichnet, das neben seiner existenziellen Kraft auch gesellschaftsanalytische und sozialgeschichtliche Schärfe besitzt. Der Berliner Abend jedoch vertraut stark – zu stark – auf die Passagen Dagermans, die durch ihren empathischen Charakter in den Bann ziehen. So berührend die assoziative Durchdringung der unabgeschlossenen Vergangenheit jener verlorenen und suchenden Tochter auch ist: Mit zunehmender, etwas in sich selbst suhlender Gefühligkeit an dem Abend drängt sich doch die Ahnung auf, dass mit dem Mut, differenziertere Bilder der deutschen Vergangenheit zu zeichnen, mehr gegen die herbstliche Orientierungslosigkeit gewonnen wäre. Zu Dagermans nuancierter Reportage lässt sich jedenfalls jederzeit greifen.
