Im herbstlichen Prognosereigen haben die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre gemeinsame Wachstumsprognose für Deutschland verdoppelt. Sie erwarten für dieses Jahr einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,3 Prozent und um 1,1 Prozent im kommenden Jahr. Im Frühjahr hatten sie für dieses Jahr noch ein Plus von 0,6 Prozent erwartet. Die Erholung falle stärker aus als noch im Frühjahr erwartet, bleibe aber schwach, heißt es in einer Pressemitteilung der Institute. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Institute für das Jahr 2028 nur noch ein Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent erwarten. Erst dann soll die Inflationsrate, die in diesem und im kommenden Jahr um drei Prozent liegen dürfte, auf rund zwei Prozent sinken. Die Gemeinschaftsdiagnose der Institute ist die Basis für die BIP-Prognosen der Regierung und die Steuerschätzung. Mit dem sich abzeichnenden ersten spürbaren Wirtschaftswachstum nach drei Jahren der Rezession und Stagnation verbessert sich auch die Stimmung in der Wirtschaft. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im September von 88,8 auf 89,9 Punkte. Es war der fünfte Anstieg nacheinander. Die Unternehmen bewerteten die aktuelle Geschäftslage positiver. Auch die Erwartungen hellten sich weiter auf. „Die deutsche Wirtschaft setzt ihren Erholungskurs fort“, kommentierte Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts in München. Die Erholung zeigt sich im Ifo-Geschäftsklima vor allem im verarbeitenden Gewerbe, im Dienstleistungssektor und im Handel. Das Bauhauptgewerbe zeigt dagegen keine Aufwärtstendenz. Die Ökonomen warnen vor der schuldenfinanzierten fiskalischen Expansion, die in diesem und im kommenden Jahr zu einem guten Teil die Konjunktur treiben wird. Das staatliche Finanzierungsdefizit wird gemäß der Prognose von 4,1 Prozent des BIP in diesem Jahr bis zum Jahr 2028 auf 4,7 Prozent steigen. Es gebe zunehmenden Handlungsbedarf in der Finanzpolitik, heißt es. Ausdrücklich weisen die Institute darauf hin, dass die deutsche Finanzpolitik mit den europäischen Fiskalregeln nicht im Einklang stehe. Der Zuwachs der sogenannten Nettoprimärausgaben dürfte den im europäischen Regelwerk vorgesehenen Pfad deutlich überschreiten, heißt es in dem Gutachten. Selbst wenn die reformierte nationale Schuldenbremse eingehalten werde, würde die Schuldenquote mittelfristig weiter steigen und würden die Zinsausgaben erheblich zunehmen. Damit wachse der Konsolidierungsbedarf, heißt es. Mit dem sperrigen Wort meinen Ökonomen die Notwendigkeit, dass der Staat weniger Geld ausgibt oder die Steuern anhebt. Private Investitionen bleiben schwach „Der Aufschwung steht auf einem schmalen Fundament“, erklärte Oliver Holtemöller, der Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. In diesem Jahr stützt die wirtschaftliche Erholung, die die Institute als Aufschwung bezeichnen, sich vor allem auf eine robuste Nachfrage aus dem Ausland und steigende öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Im kommenden Jahr soll nach der Prognose vor allem die inländische Verwendung den Aufschwung tragen. Dabei erwarten die Ökonomen eine moderate Erholung des privaten Konsums und einen allmählichen Anstieg der Wohnungsbauinvestitionen, die in den vergangenen Jahren einen großen Teil der wirtschaftlichen Flaute ausmachten. Insgesamt bleibe die private Investitionstätigkeit jedoch wohl schwach, schreiben die Institute. Der Zuwachs der Bruttoanlageinvestitionen in diesem Jahr speist sich bislang vor allem aus den staatlichen Investitionen, während die privaten Ausrüstungsinvestitionen im Abwärtstrend im ersten Halbjahr vielleicht einen Boden gefunden haben. Am Arbeitsmarkt wird die wirtschaftliche Erholung wie üblich zeitverzögert ankommen. Die Erwerbstätigkeit werde zunächst weiter sinken, heißt es in der Gemeinschaftsdiagnose. Die Arbeitslosenquote werde in diesem Jahr 6,4 Prozent betragen und erst im Jahr 2028 unter sechs Prozent sinken. Für dieses und das kommende Jahr prognostizieren die Institute, dass die Arbeitslosenzahl im Durchschnitt mehr als 2,9 Millionen Personen betragen wird.
