FAZ 23.07.2026
07:26 Uhr

Der Mittelrhein als Wiege des Tourismus: Die schönste Jungfrau sitzet, dort oben wunderbar


Weltberühmt, widersprüchlich und unendlich traurig: Seit zwei Jahrhunderten kämmt die Loreley auf ihrem Felsen das blonde Haar, und noch immer wollen ihr Millionen Menschen dabei zuschauen. Serie „Deutsche Mythenorte“

Der Mittelrhein als Wiege des Tourismus: Die schönste Jungfrau sitzet, dort oben wunderbar

Sie ist Opfer und Täterin zugleich, Verführerin und Verführte, Unheilstiftende und Unheilgestrafte, Selbstmörderin und Mörderin, jedenfalls für die Bigotten unter den Christenmenschen. Sie ist Schönheit und Schrecken in einer Gestalt, so zwiespältig, widersprüchlich, janusköpfig, wie es nur die Deutschen sein können und sein wollen, immer zwei Seelen in einer Brust, und alles, was bis heute um sie ist, widerspricht so wie sie sich selbst. Das ist die Loreley, die lebenshungrige, lebensüberdrüssige, liebesgierige, liebesmüde, männerverschlingende, männerverachtende Blondine, die auf einem schroffen Felsen am Mittelrhein singend ihr Haar kämmt, um die Seeleute ins Verderben zu stürzen – und so zum archetypischsten aller deutschen Mythen geworden ist. Die echte oder falsche, jedenfalls die derzeitige Loreley, ganz wie man will, ist Warenflussmanagerin bei einem großen Discounter, stammt aus einem Dorf am Fuß des Felsens und heißt in Wahrheit Selina. Sie ist so blond wie Rapunzel, sieht aus, als habe sie kaiserdeutschen Salonmalern rheinischer Sirenen Modell gestanden, trägt einen überdimensionalen Messingkamm als Zepter, kann mit Heine und Brentano nicht besonders viel anfangen, versieht ihr Amt aber dennoch mit großem Stolz und ebensolcher Würde. Selina ist die sechsundzwanzigste, leibhaftige Verkörperung der Loreley seit 1930, was ihr Repräsentationspflichten wie einer Weinkönigin auferlegt. Sie erledigt sie in ihrem offiziellen Ornat, einem wallenden, türkisfarbenen Kleid aus Tüll und Pailletten, das sie selbst entworfen hat und das den glitzernden Rhein widerspiegeln soll, stand damit Modell für eine Playmobil-Figur, die demnächst weltweit vertrieben wird, und posiert, wenn es ihre knappe Zeit erlaubt, auf dem Felsplateau am Mittelrhein für Fotos mit Besuchern gleich welches Alters und Geschlechts. Marilyn Monroe besingt ihre Freundschaft zu Diamanten Ein todbringender Mythos zum Anfassen mit freundlichem Lächeln im Prinzessinnenkleid, das muss kein Widerspruch sein. Ebenso wenig ist es die Tatsache, dass sich Loreley als Mädchenname trotz aller Popularität nicht einmal im Mittelrheintal durchgesetzt hat. Und so bleibt die berühmteste aller Loreleys außerhalb ihrer Heimat Marilyn Monroe in Howard Hawks Film „Blondinen bevorzugt“ – allerdings mit „i“ statt „y“ geschrieben und nicht Männer in den Tod, sondern über ihre innige Freundschaft zu Diamanten singend. Die Loreley der deutschen Romantiker ist längst ein touristischer Superstar. Der Blick auf ihren schwindelerregenden Schieferfelsen, der bei St. Goarshausen wie ein gigantischer, schwarz schimmernder Faustkeil 132 Meter senkrecht in den Himmel ragt, gehört seit einem Vierteljahrtausend zum Pflichtprogramm jedes Rhein-Reisenden. Und das Plateau hinter dem Felsen ist seit einem Jahrhundert das Epizentrum des Loreley-Tourismus, dem man sich allerdings ganz unspektakulär nähert. Dunkle Wälder und wogende Weizenfelder führen zu ihm hin und riesige Parkplätze auf struppigen Wiesen für die Besucher der Freilichtbühne, auf der von Plácido Domingo über Joe Cocker bis zu Judas Priest schon die gesamte internationale Bühnenprominenz aufgetreten ist. Dann kommt man am brandneuen Restaurant im alten Turnerheim von 1928 vorbei, ein Zeugnis dafür, dass dieser Ort nicht antiquarisch erstarrt ist. Und schließlich ist man mitten im Mythos angelangt, dem mit einer Mythenhalle, mit Mythenpfaden und sogar mit dem Bistro „Zum Mythischen Fels“ gehuldigt wird – in dem die meisten Gäste Bier bestellen, so blond wie das Haar der Loreley. In der Mythenhalle, einem gläsernen Pavillon mit einem Fundament aus dem polierten Stein des Rheinischen Schiefergebirges, wird die Geschichte der Loreley minutiös nacherzählt – bis hin zu einer der Schiffsglocken, die vor der Durchfahrt der schmalen Passage am Loreley-Felsen dreimal geschlagen wurden, um die Schiffsbesatzungen im Angesicht des Todes zum Beten zusammenzurufen. Vor der Halle kann man sich auf einer Mythenempore mit weitem Blick über den Rhein und den Hunsrück ganz offiziell von Standesbeamten trauen lassen, was von romantischen Paaren gern in Anspruch genommen wird – offensichtlich ohne das Schicksal der melancholischen Felsenfrau für ein böses Omen zu halten. Auf den mäandernden Mythenpfaden wiederum, die den wandernden Rhein vor seiner Begradigung symbolisieren, wird der Mythos mit interaktiven Stationen zelebriert. An „Hörfelsen“, die wie die Steine eines Miniatur-Stonehenge hoch über dem Fluss stehen, kann man sich von eingebauten Lautsprechern in fünf Sprachen das Mysterium des siebenfachen Loreley-Echos erklären lassen: So schaurig laut war der Widerhall, den die Schiffe am Fuß des Felsens verursachten, dass die Seeleute vermuteten, er sei die Wohnstatt böser Geister und übellauniger Zwerge, die sie wegen Ruhestörung ins Unglück zu stürzen trachteten – was auch immer wieder geschah, denn keine Passage des gesamten Rheins war gefährlicher und todbringender als jener schmale Durchbruch bei der Loreley, an dem sich der gewaltige Fluss von 300 auf 100 Meter verengt. Unsterblich trotz ihres frühen Todes Alle Mythenpfade führen zum Felssporn, auf dem sich einst die Loreley kämmte, vorbei an einer rheinischen Macchia aus Schafgarbe und Natternkopf, Pimpernelle und Malve, wildem Majoran und wucherndem Johanniskraut, Bibernell-Rosen und der eigens gezüchteten Rose „Zauber der Loreley“. Dann steht man dort, wo die Loreley die Schiffer ins Verderben lockte, blickt auf schwarze Schieferfelsen und das vertikale Patchwork abenteuerlich steiler Weinberge, auf Mythisches wie die mittelalterlichen Burgen der Geschlechter Katz und Maus, die hier jahrhundertelang mit blutrünstigen Fehden ihrem Namen sprichwörtliche Ehre machten; und auf Profanes wie einen Baustoffhof, einen Campingplatz und lauter lärmende Güterzüge, an Widersprüche ist man ja inzwischen gewöhnt. Statt Selina hält dort die Bronzestatue einer jungen, schönen Frau Wacht, lebensgroß und leicht, aber dennoch züchtig bekleidet, nicht anzüglich nackt wie auf den Gemälden der kaiserlichen Salonmaler. So wollten es die Bürger am Mittelrhein, die sich 2019 für diesen Entwurf einer Berliner Künstlerin entschieden. Am Sockel deuten gekenterte Schiffe, flitzende Fische und ein Totenschädel die Schaurigkeit des Mythos an. Und nicht selten versammeln sich ausländische Besucher rund um die Statue und stimmen auf Deutsch das berühmte Loreley-Lied an, die Verse von Heinrich Heine, die Musik von Friedrich Silcher, eine Kombination, die die Loreley trotz ihres frühen Todes unsterblich machen sollte. Die wirkmächtigsten Mythen sind oft nicht die langsam gewachsenen, sondern die dramatisch erfundenen. So ist es auch bei der Loreley. Die Rheinschiffer dürsteten jahrhundertelang verzweifelt nach einer Erklärung, warum so viele von ihnen an der schmalen Passage untergingen, Opfer von Strudeln und Stromschnellen, Untiefen und Riffen, behalfen sich mit bösen Geistern und beließen es dabei, die beiden Orte am Felsen nach Sankt Goar zu benennen, dem Heiligen, der für Schiffbrüchige zuständig ist. Dem Erzromantiker Clemens Brentano war das nicht spektakulär genug. So ersann er im Jahr 1800 aus antiken Zutaten wie den Sirenen, den Nymphen und Kirke eine Frau von solch überwältigender Schönheit, dass sie – sich dieser wohl bewusst und Rache nehmend für erlittene Untreue – die Männer scharenweise ins Unglück stürzte: eine exkulpatorische Macho-Phantasie erster Güte, die heute zu Recht feministische Proteststürme auslösen würde. Brentano ließ seine Loreley ihr Unwesen 15 Kilometer südlich des Felsens von St. Goarshausen auf der anderen Rheinseite treiben: „Zu Bacharach am Rheine / Wohnt eine Zauberin, / Sie war so schön und feine / Und riß viel Herzen hin. / Und brachte viel zu Schanden / Der Männer rings umher, / Aus ihren Liebesbanden / War keine Rettung mehr.“ Der Bischof von Köln wollte sie als frommer Gottesmann töten lassen, wandelte das Urteil angesichts ihrer Schönheit aber in Klosterverbannung um und ließ drei Ritter sie in ihr Exil geleiten. Am Loreley-Felsen bat sie die Edlen, noch einmal ihren geliebten Rhein sehen zu dürfen, erklomm das Kliff und stürzte sich in den Tod – und fast fertig war der Mythos. Das Wunderland am Mittelrhein Heinrich Heine machte in seinem Gedicht von 1823 endgültig eine Sirene aus der Loreley, die alle Blicke der Schiffer inmitten der Stromschnellen auf sich zieht: „Die schönste Jungfrau sitzet / Dort oben wunderbar / Ihr gold’nes Geschmeide blitzet / Sie kämmt ihr gold’nes Haar.“ Und dann nimmt das Unheil seinen Lauf: „Ich glaube, die Wellen verschlingen / Am Ende Schiffer und Kahn / Und das hat mit ihrem Singen / Die Lore-Ley gethan.“ Mit Friedrich Silchers Vertonung von 1837 begann dann rasend schnell die Verkitschung der Loreley zum Postkartenmotiv, wobei ihre gesamte Komplexität auf Nimmerwiedersehen den Felsen hinunterstürzte – was ihrer Popularität aber bis heute nicht im Geringsten schadet. Die Rheinromantik ist auch dank ihrer Galionsfigur seit einem Vierteljahrtausend ein touristischer Topos mit unerschütterlicher Anziehungskraft – seit den englischen Adeligen, die Ende des 18. Jahrhunderts auf ihrer „Grand Tour“ als Erste den Mittelrhein entdeckten und von dieser Kombination aus Steilwänden und Stromschnellen, Weinbergen und Kirschgärten, Backsteinkirchen und gleich 65 Burgruinen begeistert waren. „A blending of all beauties“ und „Earth paved like heaven“, nannte Lord Byron diese Gegend zwischen Pittoreske und Schroffheit. „Ein in sich geschlossenes Gemälde und überlegtes Kunstwerk eines gebildeten Geistes“ erblickte Friedrich Schlegel im Mittelrhein, den Victor Hugo schwärmerisch als „Wunderland“ bezeichnete. William Turner wanderte mit seinem Skizzenbuch 1817 zum ersten und nicht zum letzten Mal den Rhein entlang und fertigte nach seiner Rückkehr Dutzende Aquarelle in London an, die Britanniens rheinromantische Begeisterung weiter entfachten. Und schon 1835 verlegte Karl Baedeker die „Rheinreise von Mainz bis Cöln“ eines selbst ernannten „Schnellreisenden“ namens Johann August Klein, um damit sein Reiseführerimperium zu begründen. Ein Vierteljahrtausend Tourismusgeschichte geht auch am Mittelrhein nicht spurlos vorüber. Die Städtchen zu beiden Seiten des Flusses haben Patina angesetzt und taugten mit ihrem Fachwerkidyll und ihrem Kopfsteinpflaster, den Schieferschindeldächern und der Ritterrüstungsromantik, mit all ihrer altdeutsch altmodischen Gemütlichkeit als ideale Kulisse für einen Film mit Heinz Rühmann oder Heinz Erhardt. Die Denkmäler der Kriegervereine für die siegreichen Waffengänge von 1866 und 1870/71 stehen, inklusive flankierender Kanonen, immer noch blitzblank unter deutschen Eichen. Die Lokale heißen „Deutsches Haus“ oder „Zum Mundschenk“, und im Ort Kaub wird bis heute stolz mit einem Museum und einer Kolossalstatue des bedeutendsten Ereignisses der Stadtgeschichte gedacht: In der Neujahrsnacht 1813 überquerte Generalfeldmarschall Blücher auf einer improvisierten Pontonbrücke mit 50.000 Soldaten den Rhein, um Napoleon endgültig den Garaus zu machen. In Kaub kann man am eindrücklichsten besichtigen, dass nicht alles am Mittelrhein so golden glänzt wie Loreleys Haar. Der Ort wirkt erschöpft und ausgeblutet, die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben unter sich, manches Haus verwahrlost, viele Geschäfte stehen leer, und nur der Tante-Emma-Laden von Tante Marion – wie sie hier alle nennen – hält gemeinsam mit wenigen anderen Unverdrossenen die Fahne der Lebendigkeit noch hoch. Ihr Geschäft, in dem es alles Notwendige fürs Überleben gibt und sich Touristen einen Picknick-Korb im Stil der „Grand Tour“-Schwärmer bestücken lassen können, ist aber noch viel mehr: Notfallanker, Rettungsstation, Schwatzbörse, Trostort, Touristeninformation, Jakobsweg-Stempelstelle. Und nicht wenige Gespräche der Einheimischen mit Tante Marion drehen sich um die Brücke im Mittelrheintal, die wegen unfähiger Politiker seit Jahrzehnten nicht gebaut wird, obwohl die UNESCO schon ihr Plazet gegeben hat, und die der stiefmütterlich isolierten, rechten Rheinseite ganz neue Perspektiven eröffnen würde. So aber muss man, um an die belebtere, linke Rheinseite zu kommen, immer eine der privaten Fähren nehmen, die nicht billig sind und nur bis neun Uhr abends fahren, vorausgesetzt, der Fährmann hat noch Lust dazu. Schwindelfreiheit ist zwingend erforderlich Doch auch im Tourismus zeigt sich die Janusköpfigkeit von Loreleys Heimat. So antiquarisch er an manchen Stellen wirken mag, so dynamisch zeigt er sich andernorts. Nachdem das Mittelrheintal 2002 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben wurde, stiegen die Übernachtungszahlen deutlich und liegen heute stabil bei drei Millionen pro Jahr. Und seit der Eröffnung des Fernwanderweges Rheinsteig drei Jahre später, der über 320 Kilometer rechtsrheinisch von Bonn nach Wiesbaden führt, hat sich das Tal zu einem Wanderziel ersten Ranges entwickelt. Heute gibt es auch den Rheinburgenweg auf der linken Flussseite und zwei Dutzend ausgeschilderte Rundwanderwege für Tagestouren, oft mit spektakulären Ausblicken auf die Loreley, für die Schwindelfreiheit zwingend erforderlich ist. Viele der 65 Burgen werden inzwischen sinnvoll genutzt, als Hotels, Jugendherbergen, Restaurants, Rathäuser und manchmal als Capriccio eines Milliardärs wie Burg Katz, die sich ein schwerreicher Japaner mit ausgeprägter Mittelalterbegeisterung als luxuriöse Ferienwohnung hält. Auf dem Jakobsberg bei Boppard wird gerade ein Luxushotel samt Golfplatz eröffnet. Die Ausflugsgaststätte Maria Ruh gegenüber dem Loreley-Felsen, die den besten Blick auf die unglückliche Sirene bietet, haben vor Kurzem zwei junge Menschen aus der Gegend übernommen und veranstalten jetzt Konzerte mit lokalen Größen für 1000 Besucher. Im Hotel Fetz hoch über Kaub mit wunderbarem Blick auf den Hunsrück wird modernes Design mit einer ausgezeichneten, streng regionalen Küche und vielen kulinarischen Sonderveranstaltungen verbunden. Und auf Initiative des Malers und Kulturwissenschaftlers Armin Thommes ist eine Turner-Route angelegt worden. 25 runde Bronzeplatten mit Skizzenrelief und QR-Code für weitere Informationen hat man an jenen Stellen im Boden eingelassen, an denen William Turner 1817 während seiner ersten Rheinreise beim Malen stand, wobei zwei Fußabdrücke in der Platte helfen, die exakte Perspektive einzunehmen. Turner hatte es noch gut, denn er kam vor dem Siegeszug der Eisenbahn an den Mittelrhein und konnte sich die Bizarrerie ersparen, dass heute 800 Züge durch eine der pittoreskesten Landschaften Mitteleuropas donnern, die in einem Flusstal eng wie ein Canyon von Menschenhand und Naturgewalt gemeinsam als Gesamtkunstwerk erschaffen wurde. Die meisten sind Güterzüge und so laut, dass das siebenfache Echo der bösen Geister heute wie Nachtigallengesang klingen würde und die Loreley ihr eigenes gesungenes Wort nicht mehr verstünde – und es sollen noch viel mehr werden. Denn durch den Mittelrhein führt Deutschlands wichtigste Nord-Süd-Achse für den Güterverkehr auf der Schiene, ein Kernstück der Strecke Mailand–Rotterdam, in der Europa seine Zukunft sieht. Der Kardinalfehler sei es gewesen, beim Neubau der ICE-Strecke von Frankfurt nach Köln nicht gleich auch eine Trasse für Güterzüge einzuplanen, sagt Jörg Lanius-Knab, der in Oberwesel in siebter Generation eines der besten Weingüter am Mittelrhein führt und dessen Wingerte den spektakulärsten aller Loreley-Blicke haben. Alles hat er versucht, um die Lärmbelastung durch die Eisenbahn zu reduzieren, nichts hat es gebracht, obwohl es finanziell und technisch praktikable Lösungen gibt und ein wenig mehr stilles, lockendes Idyll der Weinbauregion Mittelrhein gut zu Gesicht stünde. So aber muss Lanius-Knab mitansehen, wie die Rebfläche immer weiter sinkt und sich in den vergangenen Jahrzehnten auf 440 Hektar halbiert hat. Heute kann sich der Mittelrhein immerhin des zwiespältigen Superlativs rühmen, die Hessische Bergstraße als kleinstes deutsches Weinbaugebiet abgelöst zu haben. Und er genießt notgedrungen das Privileg, dass ausschließlich exzellente Lagen bewirtschaftet werden, weil man sie als Letzte aufgibt. „Wir sind die einzige Weinregion in Deutschland, in der es ausschließlich Steillagen gibt, und die machen viermal mehr Arbeit als die Wingerte im Flachen“, sagt Lanius-Knab. Mehr als zwanzigmal muss er pro Saison mit Raupen an Seilwinden in das hochalpine Gelände seiner Wingerte klettern, eine Mühe und Plage, die sich kaum noch ein Winzer macht und die unglücklicherweise viele zu wenige Weintrinker mit den entsprechenden Preisen zu honorieren gewillt sind. Das ist eine Schande, denn man schmeckt die Steillage im Glas wie das reinste Glück: Sie ist immer intensiver und komplexer, aromatischer und ausdrucksstärker als ein Flachlandgewächs, weil die Rebstöcke im vertikalen Gelände kämpfen und ihre Wurzeln tief in den Schiefer treiben müssen, um überleben zu können – was wiederum zu einer grandiosen Komplexität und extrem hohen Lagerfähigkeit führt. Jörg Lanius-Knab macht umgehend die Probe aufs Exempel und öffnet einen Kabinett Engehöller Goldemund feinherb von 1998, der so frisch und lebendig schmeckt, als sei er gerade erst abgefüllt worden, und gleichzeitig eine wunderbare Altersweisheit besitzt. Was für ein Jammer wäre es, wenn diese Weine verschwänden, die so sehr zum Mittelrheintal gehören wie die Loreley und die Burgen, die Mythen und Legenden, ganz bestimmt schon Heine und Brentano beflügelnd, und nur noch goldblondes Bier wie im „Bistro zum Mythischen Felsen“ übrig bliebe. Kein Besuch bei der Loreley ist vollständig ohne eine Schifffahrt, die man am besten nostalgisch mit der Goethe unternimmt, einem originalgetreu nachgebauten Schaufelraddampfer von 1931. Noch immer brodelt das Wasser in Untiefen und Strudeln, noch immer muss das Schiff Slalom fahren, um nicht zu kentern, noch immer ragt der Felsen so dramatisch in die Höhe, als hätten die Götter ihn eigens als Wohnstatt der traurigen Blondine erschaffen. Das Loreley-Lied wird gespielt und geht im Güterzuglärm unter. Doch selbst die plappernden Polen an Bord werden beim Anblick des Felsens plötzlich so still und andächtig, wie es die Amerikaner schon die ganze Zeit sind. Die Loreley selbst sehen sie nicht, aber sie spüren, dass sie noch immer da sein muss, die unsterblich schöne Sirene des Mittelrheins, die traurigste aller deutschen Mythengestalten. Informationen über die Loreley und das Mittelrheintal unter www.loreley-touristik.de und www.romantischer-rhein.de; über das Hotel Fetz unter www.hotel-fetz.de, über Maria Ruh unter https://maria-ruh.de, über die Turner-Route unter www.turner-route.de, über das Weingut Lanius-Knab unter https://lanius-knab.de. Bisher erschienen: Neuschwanstein (25. Juni); Heidelberg (9. Juli).