FAZ 26.09.2026
14:27 Uhr

Der Fall Ernst Wagner: Von der Nützlichkeit des Verfolgungswahns


Das Hörspiel „Wahn“ greift den Fall des Massenmörders Ernst Wagner auf, den die Nazis aus der Psychiatrie freibekommen wollten. Wie private und politische Verschwörungstheorien ineinandergreifen, wird hier vorgeführt.

Der Fall Ernst Wagner: Von der Nützlichkeit des Verfolgungswahns

Sein Fall hinterließ Spuren in der Literaturgeschichte. Das Hörspiel „Wahn“ zäumt ihn von seinem Ende auf. Der Volksschullehrer Ernst Wagner sitzt 1932 seit fast 20 Jahren in der schwäbischen Heilanstalt Winnenthal. Er hatte 1913 seine Frau und seine vier Kinder getötet, danach postalisch mehrere Bekennerschreiben und Manuskriptpakete aufgegeben, andernorts vier Scheunen angezündet und wahllos neun der aufgescheuchten Menschen erschossen, bevor er überwältigt wurde. „Um die Kinder und die Frauen und das Vieh tut’s mir leid“, sagt er; um die Männer nicht. Die Diagnose lautete auf Verfolgungswahn, Wagner wurde für unzurechnungsfähig erklärt. So weit, so historisch. Hermann Hesse verarbeitete die Tat 1919 in seiner Erzählung „Klein und Wagner“, in der einen zivilisationsflüchtigen Bankbeamten Albträume heimsuchen, die von Wagners Tat angeregt sind. In der Anstalt verfasste der tatsächliche Wagner eine Reihe pathetischer Versdramen und eine Autobiographie. Den Schriftsteller Franz Werfel bezichtigte er des Plagiats an ihnen. Für sein 1922 veröffentlichtes Drama „Schweiger“, das von einem Massenmörder handelt, der ebenfalls in der Psychiatrie einsitzt, habe sich Werfel der Schriften Wagners bedient. Wagner hielt sich für gesund und verfolgt Wagner hält sich für gesund und verfolgt. „Gerade weil ich nicht dumm bin, sehe ich die Eindeutigkeit.“ Er steigert sich in die Behauptung hinein, Werfel und die Juden hätten ihn in die Heilanstalt verbringen lassen, damit er dort Schriften verfasse, die sie danach plagiieren konnten. Das nehmen 1932 Nationalsozialisten auf, denen Worte wie „Judenmacht“ gefielen. Sie entsenden eine völkisch gesinnte, stets lächelnde Doktorandin, um Druck auf den behandelnden Arzt auszuüben, Wagner als geheilt zu entlassen. Tatsächlich war das zuständige Innenministerium bis zum März 1933 noch in der Hand der Zentrumspartei, aber auf Abteilungsleiterebene gab es schon Sympathisanten der NSDAP. Weshalb das Hörspiel aus dem Innenminister einen Sozialdemokraten macht, erschließt sich nicht. Die Doktorandin spricht mit Wagner, fordert ihn auf, seiner Raserei nachzugeben, denn man brauche für die völkische Erhebung Barbaren, keine Intellektuellen. Wagner wird an der Universität Tübingen der psychiatrischen Zunft vorgestellt. Durch Rezitation von Gedichten Schillers scheint er den politisch willfährigen Professoren zu belegen, kein „blöder Schizophrener“ zu sein. Die Abgesandte des Ministeriums findet ihn „ziemlich authentisch“, der Ministerialdirigent hält ihn für „geistig gesundet“ und droht dem widerspenstigen Stationsarzt. Patrick Findeis, der Autor, führt modellhaft vor, wie eine private und eine politische Verschwörungstheorie ineinandergreifen. Der Wahn im Titel seines Hörspiels bezieht sich auf beides. Befragt, sie glaube doch wohl selbst nicht, die Juden hätten Wagner verrückt gemacht, versetzt die Doktorandin kühl: „Muss ich auch nicht.“ Hauptsache, die Leute tun es. Wahn läuft am Samstag um 20.03 Uhr auf Bayern 2.