FAZ 09.09.2026
13:41 Uhr

Debatte um Erinnerungskultur: Wer Geschichte nicht kennt, hält jede Krise für neu


Deutschland erlebt eine paradoxe Enthistorisierung des politischen Denkens. Nie gab es so viele Referenten, Strategiepapiere, Thinktanks – aber selten war der historische Horizont des politischen Betriebs so verengt. Wie kommt das?

Debatte um Erinnerungskultur: Wer Geschichte nicht kennt, hält jede Krise für neu

Deutschland erinnert sich unablässig. Es gibt Gedenk- und Jahrestage, Ausstellungen und Erinnerungskultur. Politiker beschwören bei jeder passenden Gelegenheit die „Lehren der Geschichte“. Nur folgt daraus keineswegs, dass historisch gedacht wird. Man kann sehr viel von Geschichte reden und dennoch geschichtslos Politik machen. Jacob Burckhardt hat den entscheidenden Unterschied einst auf eine griffige Formel gebracht: „Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (für ein andermal) als weise (für immer) werden.“ Geschichte liefert keine Rezepte. Aber sie schärft im besten Fall jene historische Urteilskraft, die politische Gewissheiten relativiert, Absichten von Wirkungen unterscheidet und mit den unbeabsichtigten Folgen des eigenen Handelns rechnet. Dass die AfD davon wenig wissen will, überrascht nicht. Ihr Verhältnis zur Geschichte besteht darin, sie unablässig zu beschwören und zugleich ihrer historischen Widersprüchlichkeit zu entkleiden. Alexander Gaulands Wort, das Dritte Reich sei nur „Vogelschiss“ in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte, war deshalb mehr als eine geschmacklose Provokation. Darin verdichtet sich ein Umgang mit Geschichte, der eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte imaginiert und alles Widerstrebende athetiert. Geschichte ist zum identitären Selbstbedienungsladen verkommen. Besonders grotesk wird es, wenn ausgerechnet die deutsche Geschichte zur Begründung ethnischer Homogenität herhalten soll: die Geschichte eines Raumes in der Mitte Europas, dessen Grenzen, Bevölkerungen, Sprachen, Konfessionen und politische Ordnungen sich über Jahrhunderte immer wieder verändert haben. Die AfD beruft sich fortwährend auf Geschichte und denkt doch radikal unhistorisch. Geschichtslosigkeit im gesamten Parteienspektrum Es griffe allerdings zu kurz, die Geschichtslosigkeit nur bei der AfD zu suchen. Denn die historische Urteilskraft hat auch in den Parteien rapide an Bedeutung verloren, die sich der AfD entgegenstellen. Gewiss, es gibt Unterschiede. Bei der AfD geht es um die platte völkische Instrumentalisierung von Geschichte, bei CDU und CSU um eine technokratische Geschichtslosigkeit, bei der SPD um den Verlust historischer Kategorien, bei den Grünen um deren Moralisierung, bei der Linken um eine selektive Erinnerung und beim BSW um die Rationalisierung eines geschlossenen Weltbildes. Es sind unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Defizits: Politik wird betrieben, ohne dass Geschichte noch zum Instrumentarium des politischen Urteils gehört. Besonders folgenreich ist diese Entwicklung in der Union, weil sie die Bundesrepublik länger regiert hat als jede andere politische Kraft und sich selbst als Partei historischer Kontinuität versteht. Doch Angela Merkel markiert eine tiefe Zäsur. Ihre politische Begabung lag darin, komplexe Konflikte in lösbare Sachfragen zu zerlegen. Politik wurde zur pragmatischen Bewältigung des jeweils Anstehenden; aber die historischen Voraussetzungen und langfristigen Folgen gerieten aus dem Blick. Europa musste funktionieren und wurde kaum mehr als eine historisch gewachsene politische Ordnung wahrgenommen. So bearbeitete man in nächtlichen Gipfeln die Eurokrise mit Rettungsschirmen und Sparauflagen, als ließen sich die unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und Mentalitäten Europas administrativ harmonisieren. In der Migrationskrise von 2015 zeigte sich dasselbe Muster noch deutlicher. „Wir schaffen das“ war kein moralisches, sondern ein technokratisches Statement: Deutschland sei leistungsfähig, also werde Deutschland auch dieses Problem bewältigen. Wie verändert Migration das Verhältnis von Staat und Gesellschaft? Was fehlte, war wieder einmal die historische Perspektive: Wie haben politische Gemeinwesen in der Vergangenheit tiefgreifende Veränderungen bewältigt – und wann sind sie daran gescheitert? Unter welchen historischen Bedingungen gelang die Integration von Zuwanderern, und welche Konflikte entstanden, wenn sie misslang? Wie veränderten Migration und kulturelle Pluralisierung auf Dauer das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und politischer Zugehörigkeit? Und was lehrt die europäische Geschichte darüber, dass Integration nicht allein eine Frage bürokratischer Effizienz, sondern auch historisch gewachsener Loyalität und des nationalen Selbstverständnisses ist? Friedrich Merz ist die Antwort auf Merkel – und zugleich ihr später Erbe. Er spricht anders, aber auch bei ihm ist Geschichte nur Kulisse. Europa soll stärker, Migration geordneter, die Wirtschaft wettbewerbsfähiger, die Bundeswehr leistungsfähiger werden. Alles richtig. Nur ergibt die Summe richtiger Einzelmaßnahmen noch keine Vorstellung davon, was Deutschland politisch sein will. Adenauer wusste, weshalb Westbindung mehr war als Außenpolitik. Brandt wusste, weshalb Ostpolitik mehr war als Entspannung. Kohl wusste, weshalb europäische Integration mehr war als Binnenmarkt. Doch bei Merz bleibt nur der Eindruck, Geschichte sei ein Standortfaktor, der zur Kenntnis genommen werden müsse. Noch deutlicher ist die intellektuelle Auszehrung bei der SPD zu beobachten. Sie verfügt über eine großartige Geschichte, die von Lassalle und Bebel über Ebert und Schumacher bis zu Brandt und Schmidt reicht – eine der bedeutendsten politischen Traditionslinien Europas. Nur: Man merkt es nicht mehr. Wo frühere Sozialdemokraten über Klasse und Nation, Kapitalismus und Demokratie, Krieg und Frieden stritten, dominieren heute wohlfeile Formeln wie Respekt, Diversität und soziale Gerechtigkeit. Dahinter steht ein politisches Rekrutierungssystem, das schon in jungen Jahren zu Ämtern in Partei, Fraktion und Apparat führt, aber Erfahrung innerhalb des Betriebs mit politischer Erfahrung verwechselt. Doch historische Urteilskraft entsteht nicht durch das Absolvieren einer Ochsentour. Sie setzt vielmehr die Fähigkeit voraus, gegenwärtige Konflikte in längeren Zeiträumen zu denken, Interessen und Ideen in ihrer historischen Bedingtheit zu erkennen und die eigenen politischen Gewissheiten zu relativieren. Gerade davon ist bei der ältesten demokratischen Partei Deutschlands kaum mehr etwas zu spüren. Vergangenheit als Vorgeschichte moralischer Forderungen Bei den Grünen liegt der Fall anders. Ihr Geschichtsbild ist durch 1968 geprägt. Nationalsozialismus, Emanzipation, Ökologie, Feminismus, Kolonialismus: Die Vergangenheit erscheint bevorzugt als Vorgeschichte heutiger moralischer Forderungen. Das produziert ein merkwürdig teleologisches Geschichtsbild. Die Vergangenheit wird danach sortiert, wer früher bereits auf der richtigen Seite unserer gegenwärtigen Debatten stand. Historische Fremdheit verschwindet. Aus Geschichte wird eine Gerichtsverhandlung, bei der die Urteile vor Beginn der Beweisaufnahme feststehen. Das rächt sich beispielsweise in der Außenpolitik. Wer internationale Politik überwiegend als Konflikt zwischen Demokratien und Autokratien begreift, weiß sich vielleicht moralisch überlegen, besitzt aber noch keine historische Analyse. Denn Staaten agieren nicht nur nach grünen Werten. Sie handeln aus Sicherheitsinteressen, Machtlagen, geographischen Zwängen und historischen Erfahrungen. Das wusste Bismarck, das wusste Stresemann, das wusste Adenauer, und selbst Willy Brandts Außenpolitik beruhte darauf, dass man mit Regimen verhandeln muss, deren Werte man nicht teilt. Verqueres Geschichtsbild: Der Westen handelt, der Osten reagiert Die Linke wiederum ist auf einem Auge blind. In weiten Teilen ihres Milieus scheint die Geschichte des 20. Jahrhunderts noch immer wesentlich aus westlichem Imperialismus, amerikanischer Hegemonie und kapitalistischer Ausbeutung zu bestehen. Der Umstand, dass Polen, Balten, Tschechen oder Ukrainer Putins Russland aufgrund eigener historischer Erfahrungen anders wahrnehmen könnten als ein deutscher Linker, ficht die Partei nicht an. Aber gerade die deutsche Linke müsste eigentlich wissen, dass Osteuropäer nicht darauf warten, von Deutschen erklärt zu bekommen, welche ihrer Ängste vor Russland historisch berechtigt sind. So entsteht ein völlig verqueres Geschichtsbild: Der Westen handelt, der Osten reagiert, und kleinere Staaten sind Verfügungsmasse. Für eine politische Bewegung, die sich so viel auf ihre Ideologiekritik zugutehält, ist das eine erstaunlich naive Sicht auf die Geschichte. Beim BSW ist die Situation noch kruder. Sahra Wagenknecht inszeniert sich mit einigem Erfolg als Intellektuelle: Sie hat Hegel und Marx gelesen, spricht in längeren Sätzen und vermittelt in Talkshows den Eindruck, über den Gegenstand schon nachgedacht zu haben, während andere noch ihre Notizen sortieren. Nur schützt historische Bildung auch sie nicht vor Geschichtsvergessenheit. Vier Tage vor dem russischen Überfall hielt Wagenknecht einen Angriff Putins auf die Ukraine für ausgeschlossen. Man hätte erwarten können, dass eine derart fundamentale Fehleinschätzung die eigenen Prämissen erschütterte. Stattdessen blieb die Erzählung im Wesentlichen dieselbe: NATO-Osterweiterung, amerikanische Interessen, westliche Provokationen. Die historischen Erfahrungen der Polen, Balten und Ukrainer mit Russland sind darin eigentümlich blass. Der Täter begeht die Tat, aber die Vorgeschichte wird so lange erzählt, bis die Verantwortung wieder beim politischen Lieblingsgegner angekommen ist. Gegen den Mythos hilft nicht der bessere Mythos Was folgt aus dieser Beobachtung? Deutschland erlebt die Professionalisierung der Politik bei gleichzeitiger Enthistorisierung des politischen Denkens. Noch nie gab es so viele wissenschaftliche Mitarbeiter, Referenten, Strategiepapiere, Thinktanks, Talkshows, Podcasts und Experten – und selten war der historische Horizont des politischen Betriebs so verengt. Das hat schwerwiegende Folgen. Wer Geschichte nicht kennt, hält jede Krise für beispiellos und jede eigene Lösung für neu. Er verwechselt moralische Absichten mit politischen Wirkungen. Er unterschätzt Institutionen, weil er nicht weiß, weshalb sie entstanden sind. Er überschätzt Gesetze, weil er glaubt, gesellschaftliche Wirklichkeit lasse sich verordnen. Vor allem aber verliert er das Gefühl für die unbeabsichtigten Folgen politischen Handelns – und damit jene Skepsis gegenüber den eigenen Überzeugungen, die einmal zum Handwerkszeug des Staatsmannes gehörte. Vielleicht erklärt diese Beobachtung sogar einen Teil des Erfolgs der AfD. Eine geschichtslose politische Mitte hat einem falschen Geschichtsbewusstsein wenig entgegenzusetzen. Wer selbst nur noch in „Narrativen“ spricht, darf sich nicht wundern, wenn andere das wirksamere Narrativ anbieten. Gegen den Mythos hilft aber nicht der bessere Mythos. Gegen ihn hilft nur Geschichte.