Als ich von meinem allerersten Date komme, habe ich schon Nachrichten von mehreren Freundinnen. „Und, wie war es???“ Gute Frage. Ich lasse mir einen Moment Zeit mit dem Antworten. Erst muss ich meine Gedanken sortieren. Denn nach langer Zeit mal wieder auf ein Date zu gehen – noch dazu mit einer Person, der man zuvor noch nie im wahren Leben begegnet ist –, ist für sich schon mal überwältigend. Vor ein paar Monaten hätte ich mir das nicht mal vorstellen können. Kurz nach der Trennung von meinem Ex-Partner schien in meinem Kopf allein die Idee, an meiner Seite könnte mal ein anderer Mann stehen, ungefähr so wahrscheinlich wie ein Umzug auf den Mars. Aber jetzt laufe ich durch den kleinen Park nahe meiner Wohnung zurück nach Hause und fühle mich gut: weil ich mich getraut habe, weiterzumachen. Es ist mein persönlicher Sieg über die Trennung, sie bestimmt nicht mehr mein Liebesleben. Trotzdem: Die Frage, wie nun das Date an sich war, finde ich gar nicht so leicht zu beantworten. Wir hatten uns zuvor ein paar Tage lang auf einer Dating-App geschrieben, welche Bücher wir gerne lesen, wer schon wie lange in der Stadt lebt, und schließlich zu einem Spaziergang verabredet. Es war ein Samstagnachmittag, wir liefen zum Fluss, tranken dort an einem Kiosk eine Limonade in der Sonne (er zahlte!) und schlenderten schließlich wieder zurück. Auf dem Papier passte viel – nur der Funke fehlte Gemessen an den Horrorszenarien, die ich mir vorher in den buntesten Farben ausgemalt hatte, war es auf jeden Fall gut gelaufen. Ich wurde nicht versetzt, er sah auch ungefähr so aus wie auf den Fotos. Und auch meine größte Angst, dass er direkt Körperlichkeiten erwarten könnte, erfüllte sich nicht: Zum Abschied umarmten wir uns nur kurz, und das fühlte sich in diesem Moment richtig an, wie ein Dankeschön dafür, dass man sich zwei Stunden Zeit füreinander genommen hatte. Mehr aber eben auch nicht. Es hatte keine Art von Funken gegeben, auch keine weichen Knie oder ein festgetackertes Lächeln in meinem Gesicht, nicht mal die leise Frage danach, wie es wohl wäre, ihn zu küssen. Wir hatten uns zwar gut unterhalten in diesen zwei Stunden, und auch sonst hatte auf dem Papier viel gepasst: Mir gefiel, dass er Lehrer war, ein Beruf, der auch Sinn stiftet und nicht nur Geld. Wir mochten die gleichen Bars und Restaurants in unserem Viertel, hatten ähnliche Hobbys. Er war neugierig; wenn er den Hype um einen Künstler nicht verstand, ging er trotzdem zum Konzert, dann hatte er es wenigstens auch mal ausprobiert. Und er wünschte sich, genau wie ich, eine Familie. Umgehauen hatte er mich trotzdem nicht, nicht mal ein bisschen. Muss er das denn, fragte mich eine Freundin später beim Abendessen, wenn sonst so viel passt? Große Gefühle von Anfang an sind berauschend – und bequem Ich glaube, wir haben alle diesen Wunsch: dass wir jemandem begegnen und es einfach klick macht. Dass es sich nach wenigen Stunden anfühlt, als würden wir uns schon ewig kennen, wir uns gegenseitig anziehen. Dass wir uns verlieben wie Benedict sich in Sophie in der neuen Staffel „Bridgerton“: ein Blick, ein Gespräch, ein Tanz – rettungslos. Es ist eine Form von Liebe, die scheinbar rein und bedingungslos daherkommt. Eine, die aufregend ist und gleichzeitig bequem: weil man sich nicht erst kennenlernen und dabei ständig von seiner besten Seite zeigen muss, sondern sich einfach dem Rausch der Gefühle hingibt. Und weil eben diese quälende Entscheidung wegfällt, ob man sich Zeit nimmt für ein zweites Treffen oder direkt weiterzieht. Die meisten Dates, das merke ich der nächsten Zeit, sind nicht so eindeutig. Oft bleibt man ein bisschen ratlos zurück: Das war nett. Mehr aber auch nicht. Sollte ich mich noch mal mit einer Person treffen, zu der ich mich nicht hingezogen fühle – weil sie zu mir passen und der Funke schon noch überspringen könnte? Verpasse ich vielleicht gerade Liebes- und irgendwann auch mal Familienglück, weil ich zu hohe Erwartungen habe? Ein erstes Date geht oft nur zwei Stunden, meistens sind beide aufgeregt. Ich habe mal gelesen, dass man jeden Menschen mag, wenn man ihn nur gut genug kennenlernt. Und heißt es nicht immer, wir seien heute einfach nicht mehr bereit, genug in Beziehungen zu investieren? Irgendwas sollte uns Lust machen, den anderen wiederzusehen Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Dating-Apps verlocken dazu, einfach abzubrechen: Hinter dem nächsten Swipe könnten sie eben doch lauern, die großen Liebesgefühle. Wozu Zeit mit weniger verschwenden? Auf der anderen Seite lassen sich Gefühle eben nicht am Reißbrett planen, auch wenn die Dating-App-Betreiber mit ihren Algorithmen uns das weismachen wollen. Irgendwas sollte uns Lust machen, den anderen wiederzusehen – die Art, wie uns der andere eine Anekdote erzählt hat, dass wir zusammen laut über ein Missverständnis gelacht haben oder einfach seine strahlend blauen Augen. Es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass man direkt merkt: Das passt auf gar keinen Fall. So erging es mir mit einem anderen Mann zwei Wochen später. Ich fand es schon recht merkwürdig, dass er nicht kochte. Er machte aber auch keinen Sport, traf unter der Woche keine Freunde und las keine Bücher – dabei machte er schon um 15 Uhr Feierabend. Was er denn dann in seiner Freizeit machte? Er druckste herum, schließlich stellte sich heraus: Er zockte die meiste Zeit. Kurz blitzte vor meinem inneren Auge das Bild auf, wie er in einem dunklen Zimmer mit Controller in der Hand den Fernseher anbrüllte, während ich um ihn herumschlich, eine leere Chipstüte und dreckige Wäsche einsammelte und vorsichtig fragte, ob er wohl in zehn Minuten zum Essen kommen könnte. Es gab kein weiteres Treffen. Übrigens auch nicht mit dem Mann vom Anfang dieser Kolumne. Weil da wirklich nichts war – und es ihm, wie er mir zwei Tage später in einer netten Nachricht schrieb, auch so ging. Ich war erleichtert. Mein Gefühl hatte mich nicht getrogen, und ich konnte aufhören, mich zu fragen, ob mir womöglich die Liebe entging. Die Lust, sie weiterzusuchen, ist geblieben. Der Name der Autorin ist ein Pseudonym.
