Die Europäische Schule soll auf dem bisherigen Gelände der Bundesbank in Frankfurt eine neue Heimat finden. Wie Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Mittwoch im Frankfurter Römer verkündeten, soll die Europäische Schule, die an ihrem bisherigen Standort seit vielen Jahren unter erheblichem Platzmangel leidet und an der vorwiegend die Kinder von Mitarbeitern der europäischen Institutionen unterrichtet werden, auf dem zehn Hektar großen Areal untergebracht werden. Zu diesem Zweck will die Stadt das Grundstück von der Bundesbank erwerben. Zuvor hatte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel verkündet, dass die derzeit in die Innenstadt ausgelagerte Bundesbank nicht in ihren Stammsitz zurückkehren werde. Lagarde sprach von einem „Durchbruch“: „Ich widme diesen Moment Generationen von Eltern und Kindern, die seit 15 Jahren auf diesen Augenblick gewartet haben“, sagte sie. Die Situation der Schule am bisherigen Standort sei äußerst beengt und von provisorischen Bauten geprägt. Lagarde sprach von „Containern über Containern“, in denen die Kinder nicht die besten Bildungsmöglichkeiten hätten. Es sei wichtig für den europäischen Ruf der Stadt Frankfurt, den Mitarbeitern der Institutionen auch eine gute Schule zu bieten. Die Schuldirektorin Anastazija Avsec sagte: „Ein Wunder ist geschehen.“ Bau der Schule soll noch in diesem Jahrzehnt beginnen Oberbürgermeister Josef sprach von einer überzeugenden und vor allem „greifbaren Lösung“. Weil das Grundstück der Bundesbank als Fläche für den Gemeinbedarf ausgewiesen und schon erschlossen sei, könne man die Schule verhältnismäßig schnell an dieser Stelle unterbringen. Die Verkehrsanbindung werde mit dem Lückenschluss der U4 noch verbessert. Ob die Schule ganz oder zumindest teilweise im Hochhaus unterkommt oder auf dem Grundstück neu gebaut wird und wie die restlichen Flächen genutzt werden kann, soll noch in diesem Jahr untersucht werden. Im nächsten Jahr soll es dann einen Wettbewerb für das Projekt geben. Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) hält es für realistisch, noch in dieser Dekade mit dem Bau zu beginnen. In vier bis sechs Jahren könne die Schule fertig sein. Bundesbank-Präsident Nagel ist sich der historischen Bedeutung dessen, was er am Mittwoch verkündete, durchaus bewusst: „Wir schließen ein Kapitel in der Geschichte der Bundesbank“, sagte er vor Journalisten. Er bestätigte, was sich in den vergangenen Tagen schon abgezeichnet hatte: Die Notenbank wird nicht in ihr angestammtes Gebäude an der Wilhelm-Epstein-Straße zurückkehren, das 1972 bezogen wurde und das derzeit umfassend saniert wird. Am Dienstag habe der Vorstand die Richtungsentscheidung dazu getroffen. Tresor mit Goldreserve wird abgetrennt und besonders gesichert „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagte Nagel. Ausschlaggebend sei allein eine Wirtschaftlichkeitsberechnung gewesen. Demnach hätte die Bundesbank in den Campus an der Wilhelm-Epstein-Straße, zu dem neben dem Haupthaus weitere Bürogebäude, eine Kindertagesstätte und Veranstaltungsräume zählen, rund 1,6 Milliarden Euro investieren müssen. Hochgerechnet auf eine Nutzungsdauer bis 2067 hätten sich Gesamtkosten in Höhe von 2,9 Milliarden Euro ergeben. Die 3300 Mitarbeiter, die dort einen Arbeitsplatz erhalten sollten, könnten deutlich kostengünstiger in der Innenstadt untergebracht werden. 40 verschiedene Varianten seien untersucht worden, alle seien wirtschaftlicher gewesen als der Rückzug auf das alte Gelände. Die Bundesbank plant jetzt, einen Neubau oder ein kernsaniertes Bestandsgebäude in der Innenstadt zu kaufen. Dieses soll sich laut Nagel möglichst in der Nähe der Bundesbank-Hauptverwaltung, der früheren Landeszentralbank, an der Taunusanlage befinden. Das in den Achtzigerjahren errichtete Gebäude will die Bundesbank weiter nutzen. Die neue Immobilie müsse nicht besonders repräsentativ sein, sagte Nagel. Es gehe ausschließlich darum, den Mitarbeitern gute Arbeitsbedingungen zu bieten. Eine Umfrage habe ergeben, dass für diese die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln das wichtigste Kriterium für den künftigen Standort sei. Eine neue Zentrale in der Innenstadt, über deren Ankauf innerhalb der nächsten 18 Monate entschieden werden soll, könne außerdem schneller bezogen werden als das sanierte Haupthaus. Nach den bisherigen Plänen würde ein modernisierter Campus an der Wilhelm-Epstein-Straße erst Mitte der Dreißigerjahre fertig. Auch das Geldmuseum, das sich in einem erst vor zehn Jahren modernisierten Gebäude an der Wilhelm-Epstein-Straße befindet, soll in die Innenstadt ziehen. „Dann erreichen wir mehr Laufkundschaft.“ Auf dem alten Bundesbank-Gelände soll nur der unterirdische Tresor bleiben, in dem rund 1700 Tonnen Goldbarren lagern. Dieses Areal werde von dem insgesamt zehn Hektar großen Grundstück abgetrennt und besonders gesichert. Josef sagte auf Nachfrage, die Stadt und die Bundesbank seien sich darüber einig, dass das Grundstück ohne Ausschreibung über eine Direktvergabe an die Stadt gehen soll; Grundlage werde ein gemeinsames Wertgutachten sein. Eine mögliche Summe wurde bisher nicht genannt. Nagel sagte aber, dass in den Kaufpreis auch die Ausgaben einfließen werden, die der Bundesbank für die weit fortgeschrittene Sanierung der alten Zentrale entstanden sind. Einschließlich der Kosten für die Planung der schon vor geraumer Zeit aufgegebenen Erweiterungsbauten habe die Bundesbank 168 Millionen Euro investiert. Die Stadt müsste dem Vernehmen nach für den Ankauf mit einem dreistelligen Millionenbetrag rechnen. In dem alten Bundesbank-Gebäude die Europäische Schule unterzubringen, hält Nagel für keine schlechte Idee. Sollte aber keine Einigung mit der Stadt zustande kommen, schließt er auch den Verkauf des Areals an einen Investor nicht aus. Oberbürgermeister Josef sagte, er freue sich, dass die Bundesbank künftig im Zentrum der Stadt und des Finanzplatzes Frankfurt angesiedelt sein wird. „Die Bundesbank ist prägend für die nationale und europäische Bedeutung unserer Stadt.“ Gleichzeitig mache der Umzug den Weg frei für die Europäische Schule. Die Diskussion über eine Ansiedlung der Schule auf dem Festplatz am Ratsweg sei damit beendet. „Die Dippemess’ bleibt an ihrem Platz“, sagte der Oberbürgermeister.
