FAZ 15.03.2026
08:01 Uhr

Briefwahl in Hessen: Der Preis der Bequemlichkeit


Die Briefwahl erleichtert die Teilnahme an der Wahl. Sie stärkt die Demokratie – und schwächt sie zugleich. Das Wahllokal ist das bessere Leitbild.

Briefwahl in Hessen: Der Preis der Bequemlichkeit

Wir werden am Sonntag ins Wahllokal gehen, den Wahlhelfern freundlich einen guten Morgen wünschen und uns für die Mühe bedanken, die sie sich machen. Hier kann man der wunderbaren bürgerlichen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland bei der Arbeit zusehen. Aber für immer weniger Menschen ist der Gang zur Wahlkabine noch einen kleinen Sonntagsausflug wert: Die Briefwahl in Hessen erzählt die wahre politische Erfolgsgeschichte — und sie ist eine demokratische Zumutung. Eine Erfolgsgeschichte ist sie nicht nur ob des großen Zuspruchs, sondern natürlich auch, weil sie ein altes Versprechen des Wahlrechts ernst nimmt: dass möglichst jeder seine Stimme abgeben kann, nicht nur der Gesunde, der Ortsansässige und der am Sonntag freie Bürger. Genau dafür wurde die Briefwahl einst geschaffen, zuerst als Ausnahme für Kranke, Reisende und Verhinderte. Doch seit der Liberalisierung 2008/09 ist daraus ein breites Zugangsangebot geworden, das viele aus reiner Bequemlichkeit wahrnehmen. Was wird aus dem Wahlgeheimnis? Gewiss: Demokratie lebt nicht davon, dass Bürger zwingend in einer Turnhalle oder Schule Schlange stehen, um ihre Stimme abgeben zu können. Sie lebt zuerst davon, dass sie teilnehmen können. Insofern ist die Briefwahl ein Gewinn: Sie senkt Hürden, erhöht Flexibilität, passt zu einer mobilen, arbeitsteiligen Gesellschaft und nimmt den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl ernst. Und doch bleibt das Unbehagen. Denn die Briefwahl verlagert die Stimmabgabe aus dem geschützten, öffentlichen Raum des Wahllokals in einen privaten Raum, in dem vor allem die geheime Wahl nicht garantiert ist. Genau darin liegt der demokratische Preis. Hinzu kommt ein zweiter, politisch oft unterschätzter Effekt: Die Briefwahl zieht den Wahltag auseinander. Wenn viele Bürger ihren Stimmzettel direkt nach Erhalt abschicken, dann endet ein Teil des Wahlkampfs nicht mehr am Samstag vor der Wahl, sondern womöglich zwei oder drei Wochen früher. Was bis zur Wahl passiert, erreicht einen wachsenden Teil des Wahlvolks nur noch nachträglich. Die Briefwahl ist also demokratisch nützlich, aber sie ist demokratisch auch nicht unschuldig. Gerade deshalb sollte man sie nicht ohne jedes Nachdenken nutzen. Der Auftrag lautet deshalb nicht Rückbau, sondern Nüchternheit und mündet in einem vermutlich vergeblichen und dennoch wichtigen Appell: Das Wahllokal sollte weiterhin als Leitbild ernst genommen werden. Denn Demokratie ist mehr als Stimmabgabe.