Eine Bundesanleihe fürs Portfolio? Das kam bis vor Kurzem für die meisten Privatanleger kaum infrage. Wenn es überhaupt mal um den Rentenmarkt ging, rieten Fachleute zu Unternehmensanleihen guter Qualität, manche auch – je nach persönlicher Risikoneigung der Investoren – zu Hochzinsanleihen oder besser rentierenden Schwellenländertiteln. Aber die gute alte Bundesanleihe war Privatanlegern in Zeiten niedriger Zinsen und eines Aktienmarktes, der einen Höchststand nach dem anderen erklomm, meist zu unattraktiv. Kein Wunder, rentierte eine Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit Ende August 2019 sogar noch negativ: Damals lag die Rendite mit minus 0,7 Prozent auf dem Tiefststand. Mittlerweile ist die Rendite auf fast 3,6 Prozent gestiegen – und damit für viele wieder äußerst attraktiv. „Die höheren Renditen geben Anlegern mehr Auswahl“, schreibt Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Finck. In der Niedrigzinsphase sei mit dem Kupon vieler Anleihen kaum etwas zu verdienen gewesen. „Wer eine attraktive Gesamtrendite erzielen wollte, war deshalb häufig auf steigende Kurse durch fallende Marktzinsen angewiesen“, so der Fachmann. Heute könnten die laufenden Erträge wieder einen größeren Teil der Gesamtrendite ausmachen. „In der Niedrigzinsphase mussten Anleger für nennenswerte Erträge häufig geringere Bonität, längere Laufzeiten oder komplexere Anlagen in Kauf nehmen“, so Greil. Heute böten schon viele Anleihen mit höherer Bonität Renditen, die vor wenigen Jahren kaum zu finden waren. Damit könne bei der Auswahl wieder stärker die Qualität und Nachhaltigkeit der Erträge im Vordergrund stehen statt allein die Suche nach der höchsten Rendite. Die Zinsentwicklung, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Kreditrisiken blieben aber wichtig. „Anleihen sind durch die höheren laufenden Erträge nicht risikofrei geworden“, warnt Greil. Aber wie nachhaltig ist das Comeback der Anlageklasse insgesamt und der Staatsanleihen im Besonderen? „Das Anleiheumfeld erlebt eine strukturelle Neuausrichtung“, glauben die Anleihefondsmanager der Fondsgesellschaft Jupiter. Die Rahmenbedingungen, die Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen in den vergangenen zwei Jahrzehnten bevorzugten, kehrten sich um, erklären Mark Nash, James Novotny, Huw Davies und Orestis Vamvakas. Jupiter: Der Anleihemarkt erlebt eine strukturelle Neuausrichtung Es komme nicht oft vor, dass man sich an der Schwelle zu einem tiefgreifenden makroökonomischen Regimewechsel befinde. „Wir sind aber überzeugt: Anleger an den Anleihemärkten befinden sich genau jetzt mitten in einem solchen Wandel“, so die Fachleute des britischen Vermögensverwalters. Die Phase nach der globalen Finanzkrise sei geprägt gewesen von Globalisierung, schwachen Ausgaben, geringem Nominalwachstum und niedriger Inflation. Dank der Anleihekaufprogramme der Zentralbanken seien die Renditen niedrig geblieben. Die zugrunde liegenden Haushaltsrisiken der Staaten hingegen seien in diesem Umfeld effektiv kaschiert worden. „Der Inflationsschock nach der Covid-Pandemie legte diese Schwachstellen offen“, so die Fondsmanager. Lieferkettenbrüche hätten die Grenzen der Globalisierung aufgezeigt. Höhere Zinsen gepaart mit schwachem Wachstum hätten indes Bedenken hinsichtlich der Bonität von Staaten geschürt. Anleger forderten daher höhere Risikoaufschläge für Staatsanleihen. Unternehmensanleihen profitierten nach der globalen Finanzkrise stark von Niedrigzinsen und niedriger Inflation, während hohe Staatsverschuldungen die Attraktivität von Staatsanleihen schmälerten. Viele Unternehmen nutzten genau dieses Umfeld, um ihren Verschuldungsgrad rasch abzubauen und ihre Bilanzen zu verbessern, was ihre Attraktivität bei Investoren steigerte. Dieser relative Vorteil droht sich nun umzukehren. Starkes Nominalwachstum sei zwar positiv für Unternehmen. Doch höhere Realzinsen steigerten potentiell die Ausfallrisiken. „Zudem starten Unternehmensanleihen von einem teuren Bewertungsniveau, während KI Unsicherheit darüber schafft, welche Geschäftsmodelle tragfähig bleiben.“
