Die AfD-Fraktion veranstaltete vor Kurzem einen Wirtschaftsgipfel im Bundestag. Zum Programm gehörten Diskussionsrunden von AfD-Abgeordneten mit den Teilnehmern, unter ihnen Unternehmer und Leute aus Unternehmen; die Veranstaltung firmierte als „Unternehmertag“. Eines der Themen war der Fachkräftemangel. Der AfD-Abgeordnete Uwe Schulz, Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, stellte dazu gemeinsam mit Patrick Popp, einem Unternehmer aus der Automobilbranche, ein Thesenpapier vor. Darin heißt es, der demographische Wandel sei „aus eigener Kraft zu bewältigen. Deutschland fehlen nicht pauschal Menschen. Wir müssen vorhandene Arbeitskräfte besser qualifizieren und einsetzen, die staatlichen Fehlanreize korrigieren und Produktivität sowie technologischen Fortschritt endlich stärker in die Rechnung einbeziehen.“ So fasste es Schulz zusammen. In Deutschland gebe es „keinen flächendeckenden Fachkräftemangel“, sagte der AfD-Politiker und verwies auf die Bundesagentur für Arbeit (BA). In der Tat liegen nach Auskunft der BA „derzeit keine Belege für einen allgemeinen, flächendeckenden Arbeitskräftemangel vor“. Speziell zum Fachkräftemangel teilte die Behörde mit, dieser sei „kein flächendeckender Zustand des gesamten Arbeitsmarktes, sondern zeige sich berufsfachlich, qualifikatorisch und regional sehr unterschiedlich“. Aber in einer erheblichen Zahl von Berufen gebe es ausgeprägte Fachkräfteengpässe. In dem AfD-Thesenpapier wird hervorgehoben, nur 13 Prozent der Berufe (157 von 1200) seien Engpassberufe. Die Angaben stammen aus der Fachkräfteengpassanalyse der BA von 2025. Dazu teilte die Behörde mit, auf Fachkraftniveau seien 84 von 231 bewertbaren Berufsgattungen, also rund 36 Prozent, als Engpassberufe eingestuft worden. Begriff des Fachkräftemangels ist unpräzise Ökonomen geben zu bedenken, mit diesen Zahlen sei das Problem nicht hinreichend beschrieben. Der Begriff des Fachkräftemangels sei unscharf und in gewisser Weise auch „aus marktwirtschaftlicher Perspektive erklärungsbedürftig“, sagt der Ökonom Stefan Kolev, der das Ludwig-Erhard-Forum in Berlin leitet. „Eigentlich sollten die Löhne das Problem lösen.“ Dieser Punkt komme in der deutschen Diskussion jedoch zu kurz, beobachtet der Arbeitsmarktökonom Simon Jäger, der an der Princeton-Universität in den USA lehrt. „Volkswirtschaftlich lässt sich Mangel nie losgelöst von Preisen, also von Löhnen, analysieren — außer offenbar in der deutschen Arbeitsmarktdebatte“, sagte Jäger der F.A.Z. Im August 2026 gab es rund drei Millionen arbeitslose Menschen, denen im zweiten Quartal 2026 rund 1,02 Millionen offene Stellen gegenüberstanden. Im AfD-Thesenpapier wird dieses „Passungsproblem“ unter anderem auf ungesteuerte Migration zurückgeführt. „Pauschale Zuwanderung“ sei nicht die Lösung. Dem Szenario eines demographischen Rückgangs um 7,2 Millionen Menschen bis 2035 stehe ein Inlandspotential von rund neun Millionen Menschen oder Vollzeitäquivalenten gegenüber, heißt es in dem Papier. Die Autoren beziehen sich auf Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Migranten und junge Menschen sind mobiler IAB-Ökonom Enzo Weber sieht im Inland zwar noch „erhebliche Potentiale“, wie er der F.A.Z. sagte. „Aber selbst in einem sehr optimistischen Szenario würden sie in der Summe nicht ausreichen, um ohne Zuwanderung eine Schrumpfung des deutschen Arbeitsmarktes zu verhindern.“ Der Anteil der Beschäftigten ohne deutsche Staatsbürgerschaft wirke der demographiebedingt rückläufigen Beschäftigung von Deutschen entgegen, ergänzte IAB-Direktor Bernd Fitzenberger. Mit der Alterung der inländischen Erwerbsbevölkerung sinke auch deren Mobilität. Junge Menschen und Migranten seien meist mobiler und könnten das regionale Passungsproblem reduzieren. Nach Berechnungen des IAB muss Deutschland langfristig jährlich etwa 400.000 Menschen netto aufnehmen, damit die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte ungefähr stabil bleibt. Kolev gibt aber zu bedenken, dass sich der Bedarf womöglich durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) ändere. „In einer wegen der KI neu zu führenden Debatte über Einwanderung sollte man die Lücke neu vermessen“, regt er an. Welche Berufe haben in Zeiten von KI noch Zukunft? Die aktuellen Engpässe auf dem Arbeitsmarkt will die AfD „gezielt durch Ausbildung, Qualifizierung und Bildungspolitik“ lösen. Kolev verweist jedoch auf erhebliche Unsicherheiten. „Wir haben, erneut KI-bedingt, ein Wissensproblem, was zukunftsfähige Berufe sind“, fasst der Ökonom mit Blick auf den technologischen Wandel und strukturelle Veränderungen der Wirtschaft zusammen. Die Familien- und Rentenpolitik der AfD setze jedenfalls keine Anreize, um mehr einheimische Arbeitskräfte zu gewinnen. Die Partei will unter anderem an der „Rente mit 63“ festhalten und die Betreuung kleiner Kinder zu Hause fördern. Zu optimistisch erscheint aus Sicht von Kolev, was in dem AfD-Thesenpapier zu Wachstumseffekten steht. Demnach ist Deutschland imstande, den demographischen Rückgang langfristig durch ein jährliches Produktivitätswachstum von einem Prozent auszugleichen. „Ein nennenswertes Wachstum bei der Arbeitsproduktivität haben wir aber seit etwa zehn Jahren nicht mehr“, sagt der Ökonom. Zugleich betreibe die AfD beim Thema Stellenabbau Schwarzmalerei. Ob es sich bei dem Abbau von Industriearbeitsplätzen, wie in dem Papier behauptet, um ein strukturelles Problem handle oder ob ein Aufbau neuer Arbeitsplätze nach dem Ende der aktuellen Wachstumsmisere möglich ist, sei nicht belegt. Schwachpunkte der übrigen Parteien in der Fachkräftedebatte Einer der Hauptverursacher für die aktuellen Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt ist nach dem Thesenpapier der Staat. Er entziehe dem Markt Arbeitskräfte. Als Beleg werden Zahlen der BA angeführt: Demnach sind vergangenes Jahr im öffentlichen Dienst 95.100 zusätzliche Stellen entstanden, im verarbeitenden Gewerbe hingegen 177.000 Stellen weggefallen. Die Behörde stellt jedoch klar, „aus der gegenläufigen Beschäftigungsentwicklung lässt sich nicht ableiten, dass der öffentliche Dienst dem verarbeitenden Gewerbe Arbeitskräfte entzogen hat“. Dafür wären insbesondere Daten über Wechsel von Beschäftigten zwischen den Bereichen erforderlich. Der Zuwachs im öffentlichen Dienst betreffe vor allem Schulen, Hochschulen und Kindertageseinrichtungen. Princeton-Ökonom Jäger weist darauf hin, dass viele Zahlen in dem AfD-Thesenpapier „den gewünschten Schlussfolgerungen folgen und nicht umgekehrt“. Zugleich greife die Partei Schwachstellen der anderen Parteien und vieler Akteure in der Fachkräftedebatte auf: Meist beschränke sich die Diskussion darauf, Bedarf an ausländischen Arbeitskräften festzustellen. „Offen bleibt, welche flankierenden Maßnahmen es braucht, etwa eine höhere Tarifbindung, damit kein großer Niedriglohnsektor mit wenigen Aufstiegschancen entsteht“, so Jäger. Wer dem Thesenpapier der AfD etwas entgegensetzen wolle, müsse die ökonomischen und institutionellen Bedingungen von Arbeitsmigration benennen und gestalten. Außerdem fehlten durchgreifende Maßnahmen, um das Inlandspotential zu heben. An rhetorischen Bekundungen in der deutschen Politik mangele es nicht. „Aber wenn es zum Schwur kam, ist es nie zu einer entscheidenden Reform gekommen, weder beim Ehegattensplitting noch bei verlässlicher und qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung“, sagt Jäger.
