FAZ 12.05.2026
16:50 Uhr

Antirassismus-Comedy im Kika: Die biodeutsche Oma fällt in den braunen Fluss


Die Sketch-Comedy „Moooment!“ im öffentlich-rechtlichen Kika soll Kindern Rassismus erklären. Sie will Stereotype knacken, produziert sie aber selbst. Und jetzt ist sie plötzlich offline. Warum?

Antirassismus-Comedy im Kika: Die biodeutsche Oma fällt in den braunen Fluss

Im Jahr 2021 sah die Sache noch anders aus oder – sie wurde anders gesehen. Da ging beim öffentlich-rechtlichen Kinderkanal Kika eine fünfteilige Sketch-Comedy mit dem Titel „Moooment!“ zum Thema Alltagsrassismus auf Sendung. Darin treten sechs Mädchen und Jungen im Alter von zwölf, dreizehn Jahren auf, halten in bestimmten Situationen die Zeit an, springen in die Szene und erklären, warum dieses oder jenes rassistisch ist, etwa wenn Opa einen Witz von einem Jugoslawen, einem Türken und sonst wem erzählt. Da steht er dann und ist eingefroren, während die sechs „Moooment!“-Gescheiten erklären, warum das nicht geht und „wie sinnlos und dumm Rassismus ist“. „Woher kommen Vorurteile, was ist Othering?“ „Was ist Rassismus, woher kommen Vorurteile, was ist Othering, was sind Mikroaggressionen“, das wolle man auf phantasievolle Weise erklären, schreibt die zuständige Redakteurin Steffi Warnatzsch-Abra. Vor allem wolle man „Kinder mit Migrationsgeschichte und verschiedenen kulturellen Hintergründen durch Wertschätzung stärken, sie empowern“. Das wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen und mit vier Preisnominierungen honoriert (Grimme, Civis, Goldener Spatz, Prix de Jeunesse). Doch jetzt, im Mai 2026, sind die Episoden von der Kika-Plattform verschwunden. Und das hat mit einer möglichen Neubewertung zu tun. Die Antirassismus-Comedy, die rassistische Stereotype aufspießen will, kommt nämlich ihrerseits nicht ohne dieselben aus. Konterpart der sechs jungen Aufklärer sind zum Beispiel die klassischen „biodeutschen“ Großeltern mit ihren Vorurteilen, die es zu entlarven gilt. Das reicht in einem Sketch hin bis zu dem – fiktiven – Videospiel „Almaniac – The Game“, bei dem eine grauhaarige Großmutter als „Endgegner“ mit komplizierten deutschen Wörtern und Bratwürsten um sich wirft, bevor sie als Spielverliererin von einer Brücke in einen braungefärbten Fluss plumpst. Keine Intention, „Großeltern zu diskriminieren oder zu unterstellen, sie seien rassistisch“ Ist das nicht seinerseits antideutsch? Oder zumindest wenig kindgerecht, unterkomplex, um nicht zu sagen so doof, wie sich Jan Böhmermann für schlau hält? Die Kika-Verantwortlichen fanden das damals passend, halten die Geschichte jetzt aber vorläufig an. „Seit mehreren Tagen beobachten wir, dass Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Medien insbesondere Beiträge zu ,Almaniac – The Game‘, aber auch weitere Ausschnitte aus der fiktionalen Serie ,Moooment!‘ verbreiten und kritisch kommentieren“, sagt die Kika-Sprecherin Christiane Rohde auf Anfrage der F.A.Z. „Vor diesem Hintergrund haben sich die Verantwortlichen dazu entschieden, diesen Beitrag zunächst offline zu stellen.“ Für wie lange, das kann man beim Kika noch nicht sagen. Die vor allem im Netz an den Sketch mit dem fiktiven Videospiel „Almaniac“ anknüpfende Kritik aber weist der Sender zurück. Dieses habe „spielerisch, in Games-Ästhetik die Themen Sprache, Esskultur oder alltägliche Zuschreibungen gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte“ aufgegriffen. Es sei keinesfalls die Intention der Macher gewesen, „Großeltern zu diskriminieren oder zu unterstellen, sie seien rassistisch“, sagt Christiane Rohde. Die „überzogene Darstellung“ stelle „Rassismus-Erfahrungen der Opfer in den Vordergrund, Kinder ohne Migrationsgeschichte werden für das Thema sensibilisiert“. Dass „bestimmte Formen von Alltagsrassismus bis heute Teil der Lebensrealität vieler Kinder und Jugendlicher“ seien, bestätigten auch aktuelle Studien. „Moooment!“, heißt es weiter, „wollte und will keine pauschalen Vorwürfe erheben, sondern Empathie fördern, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und Kinder dazu ermutigen, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen und miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Man darf gespannt sein, wie sich der Kika weiter verhält. Was vor fünf Jahren vermeintlich woke-witzig weitgehend unter dem Radar lief, sieht heute eher kontraproduktiv aus. Eines muss der Sender mitbedenken: Die sechs Kinder, die inzwischen junge Erwachsene sind, werden im Netz als Repräsentanten des Programms mit Klarnamen herumgereicht. Sie sollten nicht diejenigen sein, die den Kopf hinhalten.