FAZ 18.09.2026
08:18 Uhr

Anschläge auf Lokale: Kriminologin vermutet mehrere hundert Drogenbanden in Hessen


Jugendliche legen Sprengsätze oder schießen auf Fremde. Eine Kriminologin erklärt, warum sie sich dazu hinreißen lassen, und wie das viele Geld, das im Kokainhandel steckt, die Gewaltbereitschaft erhöht.

Anschläge auf Lokale: Kriminologin vermutet mehrere hundert Drogenbanden in Hessen

Für Gewalttaten setzen kriminelle Netzwerke zunehmend auf Minderjährige – doch warum lassen sich junge Menschen für solche Taten anwerben? „Jugendliche aus bestimmten sozial prekären Verhältnissen sind zum Teil unglaublich fasziniert von der Selbstdarstellung krimineller Gangs im Internet, über die Rapper-Szene, über bestimmte Rocker-Strukturen und wollen einfach dazugehören, wollen dort ihren Weg sehen“, sagt die Kriminologin Britta Bannenberg der Deutschen Presse-Agentur. Die Professorin forscht an der Gießener Justus-Liebig-Universität unter anderem zur Organisierten Kriminalität. Zuletzt hatten mehrere Explosionen in Frankfurt und Offenbach für Aufsehen gesorgt, bei denen möglicherweise das Kriminalitätsphänomen „Violence as a Service“ in Betracht kommt. Zwei Jugendliche im Alter von 15 und 17 Jahren wurden im Zusammenhang mit den Taten festgenommen. In solchen Fällen werben laut Ermittlern kriminelle Netzwerke meist junge Menschen an, die dann Gewalttaten gegen Bezahlung begehen. Nach den Worten Bannenbergs handelt es sich um eine Gruppe, die anfällig für Manipulationen und leicht zu überzeugen sei. Den jungen Leuten würden wenige tausend Euro für die Taten gezahlt oder in Aussicht gestellt, nicht immer bekämen sie das Geld auch tatsächlich. In einem Fall, der in Frankfurt vor Gericht kam, lockten die Auftraggeber mit 3000 Euro. Kokain verändert die Szene Bei Drogenbanden in Deutschland handele es sich in der Regel nicht um große und hierarchisch strukturierte Organisationen, sondern „sehr viele nebeneinander agierende Banden und Strukturen“, sagte Bannenberg. Allein mehrere Hundert davon dürfte es nach ihrer Einschätzung in Hessen geben. Wer „eine große Nummer im jeweiligen Deal“ sei, wolle natürlich im Verborgenen bleiben und die Gewinne, etwa aus Drogengeschäften, für sich behalten. Deshalb werde versucht, „wie früher auch schon“, die Gewalttaten auf andere Personen umzulenken. „Und jetzt hat man entdeckt, dass es leicht möglich ist, über soziale Medien Jugendliche, die sehr schnell zusagen, rekrutieren zu können.“ Um diese Form der Kriminalität zu bekämpfen, sei die Einschaltung der jeweiligen Landeskriminalämter der Bundesländer in Verdachtsfällen wichtig, damit entsprechende Fälle dort zusammenlaufen und nicht als Einzelfälle betrachtet würden. „Wir müssen uns aber bewusst sein, dass wir als Europa insgesamt, aber eben auch in Deutschland, mittlerweile ein Ziel der organisierten, vor allem Kokainhändler sind“, sagte die Kriminologin. „Und das verändert alles: Das Geld, was im Spiel ist, die Bereitschaft bei manchen dieser Banden, massive Gewalt einzusetzen, wenn ihre Interessen gestört sind.“ Dies sei meist dann der Fall, „wenn Drogen weg sind oder Geld verschwunden ist oder man meint, man müsste irgendwelche regionalen Streitigkeiten um die Ausdehnung des Territoriums führen“, sagte Bannenberg. „Da ist nicht jede Gruppe gewaltbereit, aber die, die es sind, tangieren dann leider auch Unbeteiligte und den öffentlichen Raum, weil sie eben skrupellos Gewalt einsetzen oder einsetzen lassen.“ Unterdessen hat der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) angekündigt, die Zusammenarbeit mit den niederländischen  Sicherheitsbehörden zu intensivieren, da die Spuren immer wieder in die Niederlande führen. Zudem will er das Thema in die nächste Innenministerkonferenz einbringen. „Es handelt sich um ein deutschlandweites Phänomen. Deshalb ist es richtig, Bekämpfungsstrategien aufeinander abzustimmen.“ Der aus seiner Sicht erfolgreiche Kampf gegen Geldautomatensprengungen mache mich zuversichtlich, dass auch der Kampf gegen das Phänomen „Violence as a Service“ erfolgreich sein werde. „Es gibt einige Parallelen zwischen den Phänomenbereichen, nicht zuletzt im Hinblick auf die Bezüge in die Niederlande.“