FAZ 03.08.2026
12:58 Uhr

Anlageexperte Stephan: Warum der Dax trotz Deutschlands Niedergang so gut läuft


Die Autohersteller bauen Stellen ab, der Maschinenbau sieht schwarz. Aber der Dax erreicht einen historischen Rekord. Wie erklärt sich das  Anlagefachmann Ulrich Stephan von der Deutschen Bank?

Anlageexperte Stephan: Warum der Dax trotz Deutschlands Niedergang so gut läuft

Wenn man die Kommentare zur Lage Deutschlands in letzter Zeit gelesen hat, konnte man manchmal den Eindruck haben, es werde hier bald kein Brot mehr zu essen geben. Nicht nur das Ausscheiden bei der Fußball-Weltmeisterschaft wurde als unzweifelhaftes Symbol des nationalen Niedergangs gedeutet. Auch die realen Nachrichten aus der Wirtschaft klangen alles andere als erfreulich. Die Schwierigkeiten von VW und Porsche und der Abbau von 8000 Stellen bei BMW verstärkten Sorgen um den deutschen Automobilbau. Und der deutsche Maschinenbau erwartet nach eigenen Angaben für dieses Jahr nun überhaupt kein Wachstum mehr. Zu allem Überfluss machte auch noch die Inflation im Juli einen Sprung, von 2,3 auf 2,8 Prozent: Rekordhohe Benzinpreise entlang der Autobahn vergällten deutschen Autofahrern die Freude an der Urlaubsreise. Börsenindex auf Allzeithoch Und was macht der deutsche Aktienindex Dax, der wichtige Leitindex, unser aller Börsenbarometer? Er steigt und steigt. Am Montag erreichte der Index mit 26.010,56 Punkten sogar den höchsten Stand in der Börsengeschichte. Anlass war der gesunkene Ölpreis, eine Folge der Friedenshoffnungen im Nahen Osten. Im Irankrieg hatte der Index schon wenig gelitten – aber jetzt geht es so richtig hoch. Mitten im deutschen Pessimismus scheint Deutschlands Börsenbarometer in Jubelstürme auszubrechen. Was ist da los? Wie verträgt sich der allgemein beklagte Niedergang Deutschlands mit dem Aufstieg des deutschen Aktienindex? Ulrich Stephan, der Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden, gießt im Gespräch mit der F.A.Z. etwas Wasser in den Wein. Der Dax habe zwar einen Rekord erreicht, sagte er. Gleichwohl sei seine Performance, sein Anstieg, in diesem Kalenderjahr bisher und auch über die vergangenen zwölf Monate „eher unterdurchschnittlich“. Im Jahr 2026 habe der Dax 40 vorerst nur ein Plus von 4,65 Prozent erreicht, in den vergangenen zwölf Monaten 9,41 Prozent. „Diese Zahlen vergleichen sich beim globalen Aktienindex MSCI World mit 11,55 Prozent im Jahr 2026 und 22,51 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten“, sagte der Anlagefachmann. Auch im Vergleich zu dem europäischen Aktienindex Stoxx 600 sehe die Performance des Dax schwach aus: „Der Stoxx 600 legte im bisherigen Jahresverlauf 2026 um 12,36 Prozent und in den vergangenen zwölf Monaten um 25,04 Prozent zu.“ Hoher Anteil zyklischer Werte Diese „relative Underperformance“ des Dax, sein schlechteres Abschneiden gegenüber Vergleichsindizes, erkläre sich mit seinem hohen Anteil zyklischer Werte, sagte Stephan. Diese seien negativ von einer schwachen Binnenkonjunktur und Unsicherheiten um Liefer- und Handelsketten infolge von Seeblockaden im Mittleren Osten und Zöllen der Vereinigten Staaten betroffen. Ein weiterer Grund sei nicht nur in der schwächeren Nachfrage Chinas nach deutschen Produkten zu suchen, sondern auch in der Tatsache, dass China deutschen Konzernen auf den internationalen Märkten zunehmend Konkurrenz macht, sagte Stephan: „Schließlich erzielen die Dax-Konzerne rund 80 Prozent der Umsätze im Ausland.“ Nichtsdestotrotz gibt es im Dax 40 eine große Spannbreite zwischen einzelnen Unternehmen und Sektoren. Nicht überraschend stünden an der Spitze der Kursentwicklung Unternehmen aus den Sektoren Technologie und Energie, aber auch Bau und Transport. „Insbesondere der Sektor Technologie ist aber im deutschen Aktienindex erheblich kleiner als beispielsweise in den Vereinigten Staaten oder in asiatischen Indizes“, sagte der Anlagefachmann der Deutschen Bank. Am unteren Ende der Entwicklung im deutschen Leitindex lägen – auch hier wenig überraschend – Unternehmen der Automobilindustrie, Grundstoffe, möglicherweise von KI-Disruption betroffene Software, Immobilien – aufgrund der gestiegenen Zinsen – und Konsumgüter. „Auf die kommenden zwölf Monate bleibe ich trotzdem optimistisch“, sagte  Stephan. Zwar sei der Dax 40 mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 auf Grundlage der geschätzten Gewinne der kommenden zwölf Monate im historischen Vergleich „nicht preiswert“. Jedoch sollte die Gewinndynamik der Unternehmen dem Analystenkonsens zufolge von 7,3 Prozent in diesem Jahr auf 15,9 Prozent im Jahr 2027 zulegen, hob Stephan hervor: „Auch die Revisionen der Gewinne waren in den vergangenen Wochen wieder positiv.“ Helfen sollten dabei sicherlich eine Beruhigung der Situation im Nahen Osten sowie eine anziehende Konjunktur, meinte der Anlagefachmann: „Ich rechne beispielsweise damit, dass 2027 die deutschen Sondervermögen richtig zum Tragen kommen.“