FAZ 25.09.2026
15:19 Uhr

Angebot für Schüler: Zum Vorstellungsgespräch ins Riesenrad


Ein ungewöhnliches Azubi-Speeddating haben Arbeitgeber in Frankfurt veranstaltet. Auf dem Volksfest Dippemess sprechen sie mit Jugendlichen in 48 Metern Höhe über Erwartungen, Ängste und die Arbeitswelt.

Angebot für Schüler: Zum Vorstellungsgespräch ins Riesenrad

Hier müssen Bewerber nicht nur zuverlässig und pünktlich sein, sondern auch noch frei von Höhenangst: Anlässlich der Dippemess hat die Wirtschaftsförderung Frankfurt am Donnerstag zum „Azubi-Speeddating“ auf dem Riesenrad eingeladen. Zehn Minuten haben die 27 teilnehmenden Schüler für jedes Kennenlerngespräch mit einem der zwölf Betriebe, die hier nach Auszubildenden suchen.  Mit dabei sind Fraport, Siemens und die Feuerwehr. „Jährlich bleiben in Frankfurt zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt“, sagt die Sprecherin der Wirtschaftsförderung, Beatrice Kaufeler, und nennt konkrete Zahlen: „Im August 2026 waren noch über 500 Ausbildungsstellen frei, obwohl sich viele junge Leute auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz befinden, der zu ihnen passt.“ Fernab des klassischen, oftmals angespannten Bewerbungsgesprächs setzt man hier auf ein lockeres, zehnminütiges Kennenlernen in einer Höhe von 48 Metern. Auch auf der Dippemess im Frühjahr hat die Wirtschaftsförderung das Format angeboten. Die Gründe für die zahlreichen vakanten Stellen sind vielfältig, berichtet Kaufeler: „Jugendliche legen heute großen Wert auf die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie attraktive Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt die Sprecherin und ergänzt: „Auch das Arbeitsklima und eine faire Vergütung sind ihnen enorm wichtig.“ Am Riesenrad wird schnell klar, dass junge Menschen heute oftmals andere Vorstellungen von ihrem Arbeitsplatz haben als frühere Generationen. „Wir wollen nicht ungerecht behandelt werden, weil wir Frauen sind“ Drei der Schülerinnen, die sich auf das Riesenrad wagen, sind die sechzehnjährigen Freundinnen Anisa, Maja und Esmanur. Sie sitzen vor dem Fahrgeschäft und werden langsam doch nervös. Viel Erfahrung mit Vorstellungsgesprächen hat keines der Mädchen, wie sie berichten. Ihre Lehrerin habe sie deshalb auf die Aktion aufmerksam gemacht und entsprechend vorbereitet. Die Freundinnen erzählen von einem Buch, das ihnen vermitteln sollte, wie wichtig Pünktlichkeit ist – und dass man auf keinen Fall in Jogginghose zu einem Vorstellungsgespräch erscheinen sollte. „Wir sind ein bisschen aufgeregt. Schließlich wissen wir nicht, was uns erwartet“, sagt Anisa und zeigt auf eine der Gondeln. „Man ist da zehn Minuten lang gefangen und kommt nicht heraus – hoffentlich wird es nicht unangenehm.“ Trotz ihres jungen Alters haben die drei bereits vage Vorstellungen vom Berufsleben – und konkrete Ängste. „Wir wollen nicht ungerecht behandelt werden, weil wir Frauen sind.“ Anisa interessiert sich beispielsweise für eine Ausbildung in der Hotellerie, ist heute aber „für alles offen“. Von Freunden, die bereits arbeiten, habe sie gehört, dass „Mädchen die Drecksarbeit machen müssen, während die Jungen die coolen Aufgaben am Computer erledigen dürfen“. Doch das ist nicht ihre einzige Sorge: Die Jugendlichen befürchten, dass Auszubildende, je nach Branche, generell anders behandelt werden als ausgelernte Angestellte. Lehrjahre sind keine Herrenjahre? Das Sprichwort „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ halten die Mädchen für „kompletten Quatsch“. Anisa findet klare Worte: „Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert, und Azubis sollten nicht die Drecksarbeit erledigen müssen, nur weil sie Azubis sind.“ Viel Zeit zum Weiterreden bleibt ihnen nicht: Die Fraport-Gondel hält, und die Mädchen steigen ein. Während Anisa und ihre Freundinnen ihr erstes Vorstellungsgespräch führen, bereitet sich der siebzehnjährige Maximilian auf sein Gespräch mit Siemens vor. Er besucht die zwölfte Klasse und weiß noch nicht, ob er Fach- oder Vollabitur machen möchte, wie er erzählt. Seine Mutter habe ihn auf das Riesenrad aufmerksam gemacht. Trotz seiner guten Noten und eines Auslandsaufenthalts in England seien die rund 40 Bewerbungen um Praktika und Ausbildungsplätze, die er bisher abgeschickt habe, größtenteils unbeantwortet geblieben, erzählt seine Mutter, die in der Finanzbranche arbeitet. Sie erwartet, dass Künstliche Intelligenz viele repetitive Aufgaben ersetzen und damit Arbeitskräfte überflüssig machen wird. „Früher konnte man mit einem Realschulabschluss so viel machen, und heute sind alle studiert oder haben Abitur, könnte man meinen – da können sich die Unternehmen die Bewerber aussuchen.“ Ein Ausbildungsbetrieb, in dem die KI wohl kaum Arbeitskräfte ersetzen wird, ist die Feuerwehr. Die Feuerwehrleute Lara Andraws und Philipp Tsangos nehmen am Speeddating teil, um junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen. „Die Boomer gehen in den Ruhestand, und es gibt keine Löschroboter“, sagt Tsangos. Was bei den Bewerbern gut ankomme, sei das sichere Beamtenverhältnis. „Das spiegelt sich auch in den gestiegenen Bewerberzahlen wider“, sagt der Feuerwehrmann und ergänzt: „Der Wirtschaft geht es schlechter, und die Menschen wollen einen sicheren Beruf ausüben.“ Die Anforderungen an einen guten Azubi sind bei der Feuerwehr und bei Siemens ähnlich: „Man muss einsatzbereit und teamfähig sein“, sagt auch Dalina Selimi von Siemens. Nach einer Stunde räumen die Betriebe ihre Gondeln, und die Schüler verlassen die Dippemess mit Flyern und Visitenkarten. Anisa und ihre Freundinnen ziehen eine positive Bilanz: Sie waren auch bei Fraport und finden besonders die Gepäckkontrollen spannend. Auch Maximilian nimmt einen positiven Eindruck mit und hat sich Dalina Selimi zufolge „sehr gut geschlagen“. Ob das aktuelle Speeddating zu weiteren Treffen führt, wird sich noch zeigen. Im vergangenen Durchgang im April gingen zunächst zwei Ausbildungsverhältnisse aus den Gesprächen hervor, wie die Veranstalter mitteilten.