In dem berühmten Gedicht von Michail Lermontow zum Tod des siebenunddreißigjährigen Dichters Alexander Puschkin, veröffentlicht schon wenige Tage, nachdem der in einer kalten Januarnacht 1837 im Duell gegen einen nebenbuhlenden Franzosen gefallen war, heißt es über den Sieger: „Sein leeres Herz war rohen Mutes / und nicht gezittert hat die Hand.“ Lermontows Klageruf auf den von staatlicher Zensur und gesellschaftlicher Häme in den Tod getriebenen Freund ist gepaart mit einer scharfen Anklage gegen Infamie und Opportunismus seiner Zeit. Aus vollem Herzen will Lermontow bezeugen, dass hier nicht nur ein Mensch, sondern ein Held erschossen wurde. Als der junge Slawist Andreas Guski 1970 an der Münchner LMU zu Lermontow und dessen „Konzept des literarischen Helden“ promoviert wurde, war die Studentenbewegung in vollem Gang. Dass Guski sich mit dem Helden als Problem der russischen Literatur beschäftigte und insbesondere seine gesellschaftliche Unfreiheit und das Gefühl einer blockierten Zukunft in den Blick nahm, zeugt vom ironischen Spiegelblick eines angehenden Wissenschaftlers, der in seiner Gegenwart verdeckt immer auch nach Impulsen für seine wissenschaftliche Forschung gesucht hat. Mit seiner Habilitation zu „Produktionsskizze und Produktionsroman im Russland des 1. Fünfjahresplan“ verschob er als Assistent an der Berliner Freien Universität seinen Schwerpunkt auf das zur damaligen Zeit sozialgeschichtlich brisante Verhältnis zwischen Literatur und Arbeit. Lebensretter der Slawistik in Basel Als das Buch endlich erschien, waren die Paradigmen zwar schon ein Stück weitergezogen, aber die Wucht von Guskis poetologisch durchdrungener Schrift hinterließ großen Eindruck. Und brachte ihm einen Ruf erst an die Ruhr-Universität Bochum und dann an die Universität Basel ein. Dort prägte Guski von 1989 bis 2007 die slawische Philologie nicht nur, er rettete ihr sogar das Leben. Als nämlich das Fach im Rahmen einer sogenannten Portfolio-Bereinigung abgeschafft werden sollte, lehnte sich Guski mit Lermontow'schem Heroismus dagegen auf und erkämpfte für sein Institut sogar den schönsten Standort der Basler Altstadt: den Engelhof. Schräg gegenüber von der legendären Labyrinth-Buchhandlung, die ihre Auslage zu Beginn jedes Semesters an den Vorlesungsverzeichnissen orientierte, führte Andreas Guski in die Literaturwissenschaft ein und begeisterte seine Studentenschaft für die Literaturen und Kulturen Russlands und Osteuropas. Sein auf Text und Zusammenhang konzentrierter, jeder modischen Theorieangeberei abholder Stil – der einem etwa auch in mehr als sechzig Beiträgen zur russischen Literatur in „Kindlers Literatur Lexikon“ begegnet – oder seine Exkurse zur tschechischen Literatur, die er als „zweite Slawine“ in seinen Höhenkamm miteinbezog, begeisterten und beeinflussten viele seiner Schülerinnen und Schüler. Vom Glück der Überwindung des Pathos Dass er sein wunderschönes Institut meist nur trocken „Geschäftsstelle“ genannt haben soll, zeugt vom ironischen Grundgestus eines Wissenschaftlers und Mannes, der als Kind noch die Bombardierung Dresdens miterlebte und in der Überwindung des zweifellosen Pathos ein geschichtliches Glück empfand. Die von seinen Assistenten liebevoll gestaltete „Nicht-Festschrift“ (eine wirkliche hatte er sich verbeten) zu seiner Emeritierung ist folgerichtig mit dem Satz „Denn Ironie eröffnet Zauber“ überschrieben. Während andere sich nach ihrer Emeritierung zur Ruhe oder in die Kreuzfahrtschiffkabine setzen, legte Guski 2018 eine phänomenale, mittlerweile sogar ins Chinesische übersetzte Dostojewski-Biographie vor, deren besonderes Verdienst es ist, den gewaltigen Schriftsteller in seinem historischen und psychopolitischen Zusammenhang zu würdigen. So erscheint Dostojewski bei Guski als aufgeriebener Einzelgänger, der an mangelnden Rückzugsräumen litt und mit politischer Impulsivität auf staatliche Willkür reagierte. Guski, der früher einmal Diplomat werden wollte, umgab neben aller Ironie stets auch die Sanftheit jenes klugen Ernstes, der selten geworden ist. Als Liebhaber der klassischen Musik und der großen Literatur blieb er dem Zauber, den die Kunst in unsere Welt bringt, stets zugewandt. Und suchte in ihrem geheimen Bezirk nach Seelenverwandten. Auf seinem Schreibtisch lagen die Vorstudien zu einer Tschechow-Biographie. Man hätte sie so gern gelesen. Nun ist Andreas Guski im Alter von 82 Jahren gestorben.
