FAZ 24.09.2026
19:02 Uhr

Alessandro Benetton: Das hat mich die Formel 1 gelehrt


In den Neunzigern hat Alessandro Benetton, heute Chef einer Familienholding und Investor, den Rennstall geleitet, mit dem Michael Schumacher zweimal Weltmeister wurde. Ein Gespräch über eine unvergessliche Zeit – und einen Film, der von ihr erzählt.

Alessandro Benetton: Das hat mich die Formel 1 gelehrt

Wenn Sie zurückblicken: Welches Gefühl ist für Sie am stärksten, wenn Sie an Ihre Zeit als Leiter des Benetton-Formel-1-Teams denken? Die Dokumentation zu machen, war für mich eine sehr emotionale Erfahrung, weil sie mich in phantastische Jahre zurückversetzt und unglaubliche Erinnerungen geweckt hat. Aus persönlicher Sicht konnte ich zu einer Zeit zurückkehren, in der ich, glaube ich, die Wurzeln meiner Karriere gelegt habe. Beim Zusammenfügen all der Fakten und Momente wurde mir vor allem bewusst, wie viel wir in relativ kurzer Zeit erreicht haben. Wir entwickelten uns sehr schnell von den lustigen Querdenkern – einem fröhlichen Team mit Farben, guter Atmosphäre, italienischem Essen, Partys und Mode – zum Außenseiter, dann zum Underdog und schließlich zum Gewinner. Wenn man daraus eine Zeitleiste macht, sieht man, wie schnell das ging. Das ist eine sehr schöne Erinnerung. Wo steht diese Erinnerung im allgemeinen Lebenskontext? Ich bin erst in den vergangenen fünf Jahren in das Familienunternehmen eingestiegen. Davor führte ich, abgesehen von der Formel 1, immer mein eigenes Private-Equity-Unternehmen und hatte eine von meiner Familie getrennte Karriere. Benetton Formula war die einzige Phase, in der wir etwas gemeinsam machten. Diese Zeit ist nicht nur wegen der Meisterschaften, Michael Schumacher oder der öffentlichen Aufmerksamkeit unvergesslich, sondern vor allem, weil wir die wahre Natur des Unternehmertums zum Ausdruck brachten: den Mut zur Veränderung, den Mut, etwas zu versuchen, und den Mut, größer zu träumen als wir selbst. Wir sagten uns: Wenn wir schon träumen, dann sollten wir groß träumen. Am stärksten blieb mir deshalb in Erinnerung, wie viel wir geschafft haben und wie schnell wir uns immer weiter veränderten, bis wir den richtigen Weg fanden und Weltmeister wurden. Haben Sie etwas aus der Formel 1 gelernt, das Sie später in Ihr Private-Equity-Geschäft übernommen haben? In der Dokumentation sagt jemand, dass in diesem Geschäft nichts für immer hält: Die Technik verändert sich, die Fahrer wechseln, und auch Personal und Strukturen müssen angepasst werden. Genau das ist der zentrale Punkt. Deshalb sollte die Dokumentation auch für unsere nächste Generation sein, damit sie weiß, woher wir kommen: aus dem Mut, den Status quo und den Stillstand infrage zu stellen, der sich nach Erfolgen einstellen kann. Man muss sich verändern und Neues ausprobieren. Das war für mich als Manager, Unternehmer und heutiger Leiter einer sehr großen Unternehmensgruppe die wichtigste Lektion: Dinge halten nicht für immer. Man kann sie nur dauerhaft bewahren, wenn man echte Werte und Traditionen von bloßen Gewohnheiten unterscheiden kann. Erfolg führt manchmal dazu, dass Gewohnheiten mit Tradition verwechselt und dadurch Mechanismen fortgeführt werden, die längst veraltet sind. Darauf achte ich in den Organisationen, die ich führe, besonders. Wer weiter gewinnen will, muss bereit sein, die Vergangenheit infrage zu stellen. Gibt es in Ihrer heutigen Tätigkeit noch eine Verbindung zur Formel 1 oder zur Automobilindustrie? Eine weitere zentrale Erkenntnis war für uns die Diskontinuität: sich kontinuierlich und strukturell zu verändern und zugleich die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Nur menschliche Energie kann eine Veränderung tatsächlich umsetzen. Als Führungskraft kann man eine strategische Vision und eine klare Absicht haben. Doch sie werden nur Realität, wenn man die Menschen um sich herum davon überzeugt. Diese Energie in anderen zu wecken und mit ihnen zu teilen, war in der Formel 1 entscheidend und ist es heute in all meinen Unternehmen. Sind Sie froh, dass Ihre Formel-1-Zeit in den 1980er- und 1990er-Jahren lag und nicht heute? Der Rennsport hat sich stark verändert, und auch die E-Mobilität spielt inzwischen eine Rolle. War Ihre Zeit eine besonders gute Zeit für die Formel 1? Ich weiß, dass ich damit wie ein Boomer klinge – und das bin ich schließlich auch. Die 1980er-Jahre waren phantastisch: Es gab eine besondere Mischung aus Zukunftsoptimismus, Glamour, Menschlichkeit und Technologie, die noch nicht übermäßig technisch war. Die Atmosphäre in der Boxengasse war greifbar. Persönlichkeiten wie James Hunt, Nelson Piquet und Alessandro Nannini verkörperten diesen besonderen Geist. Aus menschlicher Sicht machte es sehr viel Spaß. Ich vergleiche unterschiedliche Epochen allerdings ungern, denn jede hat ihre Vor- und Nachteile. Heute ist die Welt deutlich technischer, anspruchsvoller und präziser – und wahrscheinlich auch sicherer. Das darf man nicht vergessen. Beim Grand-Prix-Wochenende in Imola 1994 kamen Roland Ratzenberger und Ayrton Senna ums Leben; Rubens Barrichello wurde schwer verletzt. In dieser Hinsicht ist die Formel 1 heute viel besser. Aus menschlicher Sicht war es damals vielleicht unterhaltsamer. Technisch sowie hinsichtlich ihrer Sichtbarkeit und Größenordnung ist die Formel 1 heute jedoch viel größer. Auch soziale Netzwerke fördern die Entwicklung der Branche. Deshalb ist ein direkter Vergleich nicht ganz angemessen. Aber natürlich hatten wir viel Spaß. Welche Autos fahren Sie heute? Ich habe das Privileg, drei Autos zu fahren. Für den Alltag nutze ich einen Audi RS 6. Für Fahrten in die Berge oder ans Meer habe ich einen Toyota Land Cruiser. Ich bin kein Range-Rover-Typ; ich nutze einen Geländewagen tatsächlich für entsprechende Unternehmungen. Früher bin ich außerdem Motorrad gefahren. Ich hatte eine Harley-Davidson, eine Ducati und eine MV Agusta, benutze sie heute aber nicht mehr. Für sonntags habe ich einen Porsche Turbo, den ich sehr liebe. Damit habe ich ein sehr breites Spektrum an Möglichkeiten und bin in dieser Hinsicht äußerst privilegiert. Wie war Ihre Verbindung zu Michael Schumacher, und haben Sie heute noch Kontakt zu ihm? Heute habe ich keinen direkten Kontakt mehr, nur noch informelle Verbindungen. Seine Familie wusste von unserer Dokumentation und war mit dem Ergebnis zufrieden. Hat Michael Schumacher die Dokumentation gesehen? Dazu haben wir keine Informationen. Ich weiß aber, dass seine Managerin sehr zufrieden war; wir sprechen häufig miteinander. Man bat uns außerdem darum, unseren Formel-1-Wagen bei einigen Veranstaltungen einzusetzen, die seine Stiftung unterstützten. Darüber habe ich mich gefreut. Konkrete Informationen darüber, ob Michael die Dokumentation gesehen hat, habe ich jedoch nicht. Ich habe großartige Erinnerungen an Michael, seine Familie, Corinna und diese gemeinsamen Jahre. Für mich sind sie gewissermaßen in dieser Zeit eingefroren, und das gefällt mir so. Ich erinnere mich an einen sehr motivierten, wettbewerbsorientierten und entschlossenen Menschen, der auf alle in seinem Umfeld einen sehr positiven Einfluss haben konnte. Das heißt konkret was? Das Team, das wir damals entwickelten, bestand aus vielen wichtigen Menschen: Tom Walkinshaw, Ross Brawn, Pat Symonds, Joan Villadelprat und natürlich den Fahrern. Die gesamte Gruppe fand zusammen. Es gab die Anteilseigner und Flavio Briatore, der Veränderungen sehr schnell umsetzen konnte. Gleichzeitig gab es einen Katalysator für Professionalität – und das war Michael. Brachte Michael Schumacher etwas typisch Deutsches in das Team? Und mochte er auf der anderen Seite italienisches Essen, italienische Kleidung und den italienischen Lebensstil? Michael wollte sich ständig verbessern und lernte italienisches Essen und italienische Kleidung sehr zu schätzen. Für sein Alter war er jedoch ausgesprochen reif und konnte alles richtig einordnen. Diese Dinge blieben für ihn nebensächlich. Er verwechselte sie nie mit seinem Hauptziel: ein konkurrenzfähiger und siegreicher Fahrer zu sein. Es gab auch eine sehr schwierige Zeit: die Kollision und die Vorwürfe, Benetton habe betrogen. Wie sind Sie als Team damit umgegangen? Ich handelte so, wie ich es jeden Tag in meinen Unternehmen tue. Wenn ich meinem Managementteam vertraue und Verantwortung übertrage, muss ich hinter ihm stehen, solange ich keine gegenteiligen Beweise habe. In diesem Fall hatten wir Belege dafür, dass das Team ordnungsgemäß gearbeitet hatte. Deshalb war es aus meiner Sicht als Anteilseigner richtig, das Team zu schützen. Wir mussten hinter ihm stehen, weil uns keine gegenteiligen Beweise vorlagen. Sie haben drei Kinder. Welche Verbindung haben sie zu diesem Teil des Lebens ihres Vaters? Interessieren sie sich dafür, oder empfinden sie das als eine alte Geschichte, mit der sie nichts anfangen können? Ich habe eine sehr enge Verbindung zu meinen Kindern. Wir sind sehr eng zusammengewachsen. Je älter sie werden, desto mehr erfahren sie über meine Vergangenheit und desto stärker interessieren sie sich für das, was ich heute tue und früher getan habe. Als es einen ersten Entwurf der Dokumentation gab, zeigte ich ihn deshalb zuerst meinen Kindern. Das war mir sehr wichtig. Wenn ein solches Projekt nur für 50-, 60- oder 70-Jährige sentimental schön ist, erreicht es sein Ziel nicht. Die entscheidende Frage war: Können wir eine Geschichte erzählen, die auch für Menschen fesselnd und interessant ist, die Benetton Formula überhaupt nicht kennen? Meine Kinder kannten das Team und meinen Hintergrund zwar grundsätzlich, aber nicht im Detail. Deshalb nutzte ich sie als Maßstab dafür, wie fesselnd das Projekt ist. Sie waren begeistert und sagten: „Das wird ein großer Erfolg.“ Auf Italienisch: „Spaccherà“ – das wird richtig einschlagen. Seitdem ist ihre Aufmerksamkeit für die Formel 1 deutlich gestiegen, obwohl sie selbst unterschiedliche Sportarten betreiben. Ich glaube, sie sind auf meine Erinnerungen genauso stolz wie ich. Welcher war der beste Motor, den Benetton je hatte? Sie fuhren unter anderem mit BMW. Und wie beurteilen Sie die heutige Automobilindustrie? BMW hat angekündigt, 8000 Stellen abzubauen; auch Mercedes, Volkswagen und Fiat stehen unter Druck. Wohin entwickelt sich die Branche? Das ist eine sehr wichtige Frage, weil diese Entwicklung weitreichende Auswirkungen hat. Bei Edizione, dem Unternehmen, in dem ich täglich arbeite, betrachten wir solche Entscheidungen nicht nur geschäftlich oder finanziell. Wir fragen auch, wie wir zu den Volkswirtschaften und zum wirtschaftlichen sowie sozialen Ökosystem der Zukunft beitragen. Zu Ihrer Frage nach der Richtung der Branche: Die jüngeren Generationen sind nicht mehr so stark an Autos gebunden. Sie gehen gern ins Restaurant, reisen, besuchen neue Orte und interessieren sich für Technologie. Autos finden sie durchaus schön, aber sie haben nicht mehr dieselbe Bedeutung. Junge Menschen interessieren sich stärker für Erlebnisse als für materielle Güter wie Autos. Das müssen die Verantwortlichen in der Automobilindustrie berücksichtigen. Welches war denn nun der beste Motor, den Sie in einem Benetton-Formel-1-Wagen hatten? War es BMW? Wir müssen fair sein: Rein qualitativ betrachtet war Renault zweifellos der konkurrenzfähigste Motor, als wir ihn hatten. Etwas anderes können wir nicht behaupten. Der Erfolg von 1994 mit Michael war allerdings das Ergebnis mehrerer Faktoren. Williams hatte zunächst Schwierigkeiten, wieder konkurrenzfähig zu werden, verlor Ayrton Senna und musste sich wie alle Teams auf den Wegfall der elektronischen Fahrhilfen einstellen, was die Entwicklung verlangsamte. Mehrere Umstände kamen also zusammen. Gleichzeitig war der Ford-Achtzylindermotor 1994 sehr zuverlässig. Auch diese Zuverlässigkeit verdient einen Teil der Anerkennung. Die Dokumentation Benetton Formula läuft bei RTL+, Wow, Prime Video und AppleTV.